Es gibt auch viele Erfolge!

Oxfam arbeitet seit über dreißig Jahren in Afghanistan – derzeit in 20 der 34 Provinzen, darunter einige der ärmsten und am schwersten zugänglichen des Landes, wie Daikundi im zentralen Bergland und Badakshan in Nordost-Afghanistan. Ashley Jackson leitete bis Anfang 2011 zwei Jahre lang Oxfams Lobbyarbeit in Kabul. Sie berichtet von ihren Erfahrungen:
Was macht Oxfam in Afghanistan?
Wir arbeiten sehr viel mit lokalen Organisationen zusammen und unterstützen vor allem Menschen in ländlichen Regionen, sich selbst aus der Armut zu befreien. In mehreren Ausbildungszentren in der Provinz Parwan in der Nähe von Kabul bieten wir zum Beispiel Trainingskurse für Bauern an, in denen sie lernen, den Ertrag ihrer Rosinenproduktion zu steigern. Wir geben den Menschen auch Unterstützung beim Bau von Schulen, Latrinen und Straßen, und wir bereiten Wasser zu Trinkwasser auf.
Was hat sich geändert in den letzten zwei Jahren?
Die Sicherheitslage hat sich drastisch verschlechtert. Ich habe in Kabul gelebt, wo es noch relativ sicher ist. Als ich vor zwei Jahren hier ankam, konnte ich relativ frei im Land reisen, jetzt ist das oft unmöglich. Es gibt einige Gegenden, in denen Oxfam und andere Nichtregierungsorganisationen derzeit nicht mehr hinfahren, geschweige denn arbeiten können. Das macht es natürlich schwierig, die Not leidenden Menschen zu erreichen.
Was waren die wichtigsten Anliegen bei Ihrer Arbeit?
Als Lobbyistin in Kabul habe ich bei Geberstaaten, der afghanischen Regierung und UN-Organisationen darauf gedrungen, dass die internationale Hilfe bei jenen Menschen ankommt, die sie am dringendsten brauchen. Oxfam setzt sich dafür ein, dass die Stimmen der Afghaninnen und Afghanen gehört und ihre Bedürfnisse berücksichtigt werden – und dass sie nicht zum Opfer von Kämpfen und verfehlter Politik werden.
18 Milliarden US-Dollar an Entwicklungshilfe sind ins Land geflossen – warum sind die Menschen immer noch so arm?
Laut den Vereinten Nationen ist Afghanistan das zweitärmste Land der Welt, immer noch stirbt jedes fünfte Kind vor seinem fünften Geburtstag und nur jeder zweite Afghane hat einen Stromanschluss. Doch es gibt auch Erfolge: Statt 5.000 Mädchen im Jahr 2001 können jetzt fast 2,5 Millionen Mädchen eine Schule besuchen und es gibt viel mehr Ärzte und Hebammen.
Dennoch haben die internationalen Geberstaaten bisher viel zuwenig in langfristige und nachhaltige Armutsreduzierung investiert. Fast 80 Prozent der Bevölkerung bestreitet den Lebensunterhalt aus der Landwirtschaft und damit verbundenen Wirtschaftszweigen. Eine einzige Missernte kann schnell zu einer Katastrophe führen. Krisenfestere Jobs zum Beispiel im verarbeitenden Gewerbe sind auf dem Land jedoch kaum vorhanden.
Anstatt dort anzusetzen, wo die Menschen am meisten Not leiden, konzentrieren viele Geberstaaten ihre Hilfe auf jene Gebiete, in denen sie auch militärisch engagiert sind. Der Grund dafür ist die zunehmende Verschlechterung der Sicherheitslage – und die zweifelhafte Annahme, mit Entwicklungshilfe die „Herzen und Köpfe“ der afghanischen Bevölkerung für die Soldaten der Geberländer gewinnen zu können.
In abgelegenen, aber vergleichsweise sicheren Provinzen wie zum Beispiel Daikundi haben viele Menschen kaum Hilfe erhalten. Dort gibt es keine geteerten Straßen und nur wenige Schulgebäude. Es ist paradox: Weil die Gegend relativ friedlich ist, lässt die internationale Gemeinschaft die Menschen im Stich und gibt kaum Unterstützung.
Laut Vereinten Nationen ist Afghanistan für Frauen das gefährlichste Land der Erde – was tut Oxfam um ihnen zu helfen?
Wir sind fest davon überzeugt, dass afghanische Frauen eine Schlüsselrolle bei der friedlichen Entwicklung ihres Landes haben. Wir stärken deshalb ihre Rechte und setzen uns dafür ein, dass sie bei den laufenden Friedensgesprächen gehört werden. Außerdem setzen wir uns intensiv für Mädchen- und Frauenbildung ein und bieten Hilfen zur Existenzgründung, damit sich Frauen ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen können.
Was hat Sie am meisten beeindruckt?
Es war ein Besuch in einer Alphabetisierungsklasse für Frauen in einer abgelegenen Gegend im Norden. Ich habe mich mit einer etwa 50-jährigen Frau darüber unterhalten, was es für sie bedeutet, so spät im Leben lesen und schreiben zu lernen. Sie sagte: „Es ist, als ob man blind war und nun lernt zu sehen.“ Sie war froh, dass sie jetzt auf den Markt gehen und selber einkaufen kann, denn sie vermag nun die Preise lesen und weiß, dass man sie jetzt nicht mehr so leicht betrügen kann. Zum Abschied sagte sie: „Meine größte Freude als Großmutter ist es, meinen Enkelkindern zu helfen, lesen und schreiben zu lernen. Das ist etwas, was ihnen niemand mehr wegnehmen kann.“
Sechs Oxfam-Forderungen an die Bundesregierung zur Änderung ihrer Afghanistan-Politik
1. Not- und Entwicklungshilfe dort einsetzen, wo sie gebraucht wird
Deutschland und die anderen Staaten konzentrieren ihre zivile Hilfe für Afghanistan zu sehr auf jene Regionen, in denen ihre eigenen Truppen stationiert sind. Hilfsbedürftige Menschen in anderen Landesteilen werden dagegen vernachlässigt. Mehr deutsche Hilfe muss dort eingesetzt werden, wo sie am nötigsten ist – auch über den militärischen Verantwortungsbereich Deutschlands in Nordafghanistan hinaus.
2. Militäreinsatz und zivile Aufbauhilfe strikt trennen
Das deutsche Entwicklungsministerium fördert seit 2010 Projekte unabhängiger Hilfsorganisationen nur noch dann, wenn sie sich verpflichten, mit der Bundeswehr zu kooperieren. Oxfam und viele weitere unabhängige deutsche Hilfsorganisationen kritisieren, dass eine solche erzwungene Kooperation von Hilfsorganisationen mit dem Militär sowohl eigene Mitarbeiter/innen als auch die afghanischen Empfänger von Hilfe in unverantwortlicher Weise gefährden würde. Die Erfahrung in Afghanistan hat nämlich gezeigt, dass Entwicklungsprojekte, die militärischen Zielen dienen sollen, leicht zum Ziel von bewaffneten Angriffen werden.
Oxfam ruft darüber hinaus die Bundeswehr auf, keine Hilfsprojekte selbst durchführen, sondern unabhängigen zivilen Entwicklungsorganisationen zu überlassen. Die ISAF-Schutztruppe muss sich ausschließlich auf ihr UN-Mandat beschränken und für die Sicherheit der Bevölkerung sorgen, zum Beispiel durch verstärkte Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte.
3. Afghanistan braucht nachhaltige Entwicklung
Entwicklungshilfe wird in Afghanistan vielfach dazu verwendet, schnell vorzeigbare Erfolge zu erzielen. Deutschland will ebenso wie andere Geberstaaten auf diese Weise die „Herzen und Köpfe“ der Bevölkerung gewinnen, um Angriffen auf die eigenen Truppen vorzubeugen. Derartige Hilfsprojekte sind meist teuer und haben keine lange Lebensdauer. Entwicklungshilfe muss jedoch langfristig wirken – etwa durch Investitionen in das Bildungs- und Gesundheitswesen und in die Schaffung von Arbeitsplätzen, ganz besonders in ländlichen Gebieten. Legale Alternativen zu Gewalt und Drogenwirtschaft sind der wirkungsvollste Beitrag zur Sicherheit sowohl der afghanischen Bevölkerung als auch der internationalen Schutztruppe.
4. Frauenrechte und andere grundlegende Menschenrechte verteidigen
Die Bundesregierung unterstützt das laufende Friedens- und Reintegrationsprogramm der afghanischen Regierung, das auf die Verständigung mit aufgabewilligen Widerstandskämpfern zielt, mit erheblichen Geldmitteln. In Planung und Umsetzung dieses Programms ist die afghanische Zivilgesellschaft bisher jedoch völlig unzureichend einbezogen, Frauen haben dort kaum Mitspracherecht. Die Bundesregierung muss bei ihrer weiteren Unterstützung sicherstellen, dass diese Mängel behoben werden. Dabei müssen auch die in der afghanischen Verfassung verankerten fundamentalen Menschenrechte besonders für Frauen und Mädchen gewahrt werden und dürfen nicht etwa einem Ausgleich mit radikalen Kräften geopfert werden.
5. Aktivitäten besser mit anderen Staaten und der afghanischen Regierung koordinieren
Deutschland und die übrigen Geberstaaten müssen sich auf gemeinsame Ziele ihrer Entwicklungshilfe einigen und ihre Bemühungen besser koordinieren. Sie müssen außerdem nachprüfbare Ziele für ihr Engagement in Afghanistan formulieren und regelmäßig Rechenschaft darüber ablegen, was wirklich erreicht wurde. Die Menschen in Afghanistan und in den Geberländern haben ein Recht darauf, dass das eingesetzte Geld nachhaltige Erfolge bei der Verringerung der Armut hervorbringt.
6. Staatsaufbau fördern, Korruptionsbekämpfung unterstützen
Etwa zwei Drittel der internationalen Hilfe wird an der afghanischen Regierung vorbeigeleitet, zumeist aus Angst vor Misswirtschaft und Korruption. Deutschland und andere Geberstaaten tragen jedoch eine Mitschuld daran, dass Rechtsstaat und Verwaltung in Afghanistan kaum funktionieren – sie haben in den letzten Jahren viel zu wenig den Aufbau funktionierender staatlicher Strukturen unterstützt. Solange sich dies nicht ändert, bleibt der Kampf gegen die Korruption vergeblich.