© Oxfam America

Afghanistan: Mädchenbildung ist gefährdet

In Afghanistan herrscht seit 30 Jahren Krieg. Leidtragende sind vor allem Zivilisten. Trotz beachtlicher Aufbauerfolge lebt immer noch die Hälfte der Menschen in Armut, jeder Dritte ist akut von Hunger bedroht.

Oxfam fordert, die Bevölkerung wirksamer vor Kriegshandlungen zu schützen und die Hauptursache der Gewalt zu bekämpfen: die extreme Armut vor allem in ländlichen Gebieten.

Oxfam setzt sich dafür ein, die Rechte der Frauen in Staat und lokalen Gemeinschaften zu stärken und ihnen einen besseren Zugang zu Gesundheitsfürsorge, Bildung und Arbeit zu ermöglichen. Nur so können sie aktiv zum Aufbau ihres Landes beitragen.

09 | Dezember | 2011

Afghanistan-Konferenz: Enttäuschend

Hohe Erwartungen, aber schwache Beschlüsse – das ist aus Sicht von Oxfam das Ergebnis der Bonner Afghanistan-Konferenz am 5.Dezember.

Hohe Erwartungen, aber schwache Beschlüsse – das ist aus Sicht von Oxfam das Ergebnis der Bonner Afghanistan-Konferenz. Bis auf die Ankündigung, die internationale zivile Hilfe nach dem Truppenabzug Ende 2014 mindestens zehn Jahre fortzusetzen und den Schutz der Menschen- bzw. Frauenrechte zum Bestandteil von Friedensverhandlungen zu machen, fiel das Abschlussdokument der in Bonn vertretenen rund 100 Regierungen enttäuschend vage aus. Lediglich EU-Außenbeauftragte Ashton machte auf der Bonner Afghanistan-Konferenz am 5.Dezember 2011 in ihrem Redebeitrag konkrete Zusagen zur Höhe der künftigen Beiträge für die zivile Hilfe und zum weiteren Polizeiaufbau.

Klarer Fahrplan fehlt

Oxfam hatte im Vorfeld von Bonn für den langfristigen zivilen Aufbau Afghanistans einen klaren Fahrplan gefordert, der vorrangig die Bekämpfung der Armut und die Durchsetzung von Menschenrechten zum Ziel hat. Oxfam mahnte zudem an, Übergriffe von afghanischen Sicherheitskräften und irregulären Milizen („Afghan local police“) gegen Zivilisten abzustellen. Bei der Ausbildung von Militär und Polizei muss dringend Priorität auf Rechtsstaatlichkeit und den Schutz der Zivilbevölkerung gelegt werden. Oxfam hat außerdem Mitte Oktober gemeinsam mit einem breiten Bündnis internationaler Nichtregierungsorganisationen ein Positionspapier veröffentlicht, in dem unter anderem gefordert wurde, die erreichten Fortschritte bei der Verwirklichung von Frauenrechten nicht einem politischen Ausgleich mit Aufständischen zu opfern.

Zusagen vage

Die im Abschlussdokument von Bonn enthaltene Erklärung, die afghanische Zivilgesellschaft zu stärken und in den Friedensprozess einzubeziehen sowie insbesondere die Frauenrechte zur Grundlage von Verhandlungen zu machen, ist grundsätzlich willkommen.. Es bleibt jedoch unklar, wie die Versprechungen der in Bonn versammelten Regierungen konkret eingelöst und wie die Zivilgesellschaft in politische Entscheidungsprozesse eingebunden werden soll.

Im Juli 2012 soll eine Geberkonferenz in Tokio stattfinden. „Dies darf jedoch nicht bedeuten, dass drängende Probleme auf die lange Bank geschoben werden. Vor allem angesichts der akut drohenden Hungersnot in Teilen Afghanistans müssen unverzüglich Maßnahmen ergriffen werden, um den Zugang weiter Teile der Bevölkerung zu Nahrung, Gesundheit und Bildung zu sichern“, sagt Robert Lindner, der für Oxfam Deutschland die Bonner Afghanistan-Konferenz beobachtete. Robert Lindner ist auch Sprecher der Afghanistan-Arbeitsgruppe von VENRO.


01 | Dezember | 2011

Über 20.000 Menschen zeigen Solidarität mit afghanischen Frauen

Unterstützung für Frauenrechte vor Afghanistan-Konferenz in Bonn

Die Aktion für Solidarität mit afghanischen Frauen wurde erfolgreich abgeschlossen.

Mehr als 20.000 Unterstützer/innen haben mitgemacht, über 1.000 haben ihr Foto mit dem grünen Schal auf die Website ch16.org/afghanwomen hochgeladen. Aktivistinnen von Oxfam und anderen internationalen Nicht-Regierungsorganisationen übergaben die Fotos am 28.11.2011 an den britischen Außenminister Alistair Burt als Stellvertreter der Regierungsvertreter/innen von mehr als 90 Ländern. Diese werden am 5. Dezember über die Zukunft Afghanistans verhandeln – und damit auch über die Zukunft der afghanischen Frauen, deren Rechte bei einem vorschnellen Ende der zivilen Hilfe und einem falschen Ausgleich mit Aufständischen akut gefährdet wären.

Die Fotos von Unterstützer/innen aus aller Welt werden während der Bonner Afghanistan-Konferenz vom 2.-5. Dezember präsentiert. Mehr Infos: http://ch16.org/afghanwomen

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!

01 | Dezember | 2011

Afghanistan: Weitere Solidarität ist notwendig

Vor zehn Jahren hat der militärische Einsatz in Afghanistan begonnen. Was für eine Bilanz ziehen die Nichtregierungsorganisationen? Welche Erwartungen haben sie an die Afghanistan-Konferenz, die am 5. Dezember in Bonn stattfindet? Robert Lindner, Oxfam-Referent und Sprecher der VENRO-AG Afghanistan, erklärt im Interview mit "VENRO informiert", was bisher beim zivilen Aufbau erreicht worden ist und warum die afghanische Bevölkerung auch weiterhin unsere Solidarität braucht.
 
zum Interview

14 | November | 2011

Die Menschenrechte müssen in Afghanistan gewahrt bleiben

Am 5. Dezember treffen sich Regierungen und Vereinte Nationen zu einer Konferenz in Bonn, um über Frieden und Entwicklung in Afghanistan zu beraten. Oxfam Deutschlands Referent für humanitäre Hilfe, Robert Lindner, hat kürzlich in Kabul mit zivilgesellschaftlichen Organisationen gesprochen und berichtet über die Situation vor Ort.

Afghanische Frauen fürchten um ihre Rechte. Unterstützen Sie mit uns die Frauen in Afghanistan! Zur Unterschriftenaktion.

07 | Oktober | 2011

Afghanistan: Mitmachaktion für die Rechte der Frauen

Helen Mirren ©OxfamDie britische Schauspielerin Helen Mirren war eine der ersten, die sich als Zeichen der Unterstützung afghanischer Frauen den grünen Schal um den Hals schlug und sich so fotografieren ließ.

Heute, zum Jahrestag des Einmarschs der US-geführten Truppen in Afghanistan, ruft Oxfam mit der Aktion „I support afghan women“ dazu auf, die Rechte der Frauen in Afghanistan zu stärken und zu schützen. Der grüne Schal ist dabei das Symbol der Solidarität.

Unsere Regierungen müssen den afghanischen Frauen zusichern, dass es keine Friedens­abkommen auf Kosten ihrer Rechte geben wird.Helen Mirren

Helen Mirren: “Afghanistan ist für Frauen immer noch eines der gefährlichsten Länder der Welt. Aber die Frauen dort haben in den letzten zehn Jahren viel erreicht. Millionen Mädchen gehen zur Schule, Frauen arbeiten als Ärztinnen, Rechtsanwältinnen und Unternehmerinnen. Doch die afghanischen Frauen sind um ihre Zukunft besorgt. Unsere Regierungen müssen ihnen zusichern, dass es keine Friedensabkommen auf Kosten ihrer Rechte geben wird.”  

Am 3. Oktober veröffentlichte Oxfam die Studie „A Place at the Table: Safeguarding Women's Rights in Afghanistan“ (siehe unten).

02 | Oktober | 2011

Afghanistan-Studie: Frauen fürchten um ihre Rechte

Vor der zweiten Bonner Afghanistan-Konferenz im Dezember sind viele afghanische Frauen besorgt, dass ein politischer Ausgleich mit radikalen Kräften in ihrem Land wichtige Errungenschaften der letzten zehn Jahre gefährden könnte. Laut der neuen Oxfam-Studie „A Place at the Table: Safeguarding Women's Rights in Afghanistan“ sehen Frauen besonders ihren Zugang zu Bildung und Gesundheitsfürsorge sowie ihr Recht auf politische Mitsprache in Gefahr. Oxfam fordert die afghanische Regierung und die internationale Gemeinschaft dazu auf, bei einer politischen Einigung mit Aufständischen die in der afghanischen Verfassung verankerten Frauenrechte unmissverständlich zu sichern.

Zehn Jahre nach der ersten Petersberg-Konferenz in Bonn will die internationale Gemeinschaft am 5. Dezember 2011 über zentrale Fragen zu Frieden und Entwicklung in Afghanistan beraten. Oxfam fordert, dass in der Konferenz sichergestellt wird, dass die afghanischen Frauen an diesen Fragen nicht nur symbolisch beteiligt, sondern umfassend in alle Verhandlungen einbezogen werden. Sonst ist zu befürchten, dass bei künftigen Friedensabkommen die Rechte der Frauen dem machtpolitischen Ausgleich mit Extremisten geopfert werden. Sämtliche Friedensvereinbarungen müssen geeignete Maßnahmen enthalten, um etwa Schulbildung für Mädchen und den Zugang von Frauen zur Gesundheitsfürsorge zu sichern.

Die Oxfam-Studie beschreibt bedeutende Verbesserungen der Lage der Frauen in verschiedenen Lebensbereichen in Afghanistan seit 2001, stellt aber auch rückläufige Tendenzen fest. So gibt es heute rund 2,7 Millionen Schülerinnen, verglichen mit wenigen Tausend zu Taliban-Zeiten. 72 Prozent aller Mädchen in schulpflichtigem Alter gehen jedoch immer noch nicht regelmäßig zur Schule, besonders in umkämpften und ländlichen Gebieten.

Eine Erfolgsgeschichte ist der Frauenanteil von 28 Prozent im afghanischen Parlament, einer der höchsten Werte weltweit. Andere politische Funktionen bleiben Frauen hingegen weitgehend verschlossen. So gibt es derzeit nur eine Ministerin, verglichen mit drei im Jahr 2004. Im Afghanischen Hohen Friedensrat, den der kürzlich ermordete frühere afghanische Präsident Burhanuddin Rabbani leitete, sind nur neun von 70 Mitgliedern Frauen.

Eine zwiespältige Bilanz weist das Gesetz zur Beseitigung der Gewalt gegen Frauen von 2009 auf, das Ehrenmord, Kinderehen und Zwangsverheiratung verbietet. Es wird jedoch nur in zehn von 34 afghanischen Provinzen umgesetzt. Im zweiten Quartal 2011 ist gegenüber dem Vorjahr zudem eine deutliche Zunahme von Gewaltakten gegen Frauen zu verzeichnen.

Die Studie „A Place at the Table: Safeguarding Women's Rights in Afghanistan“ wurde von Louise Hancock, Oxfam-Expertin in Kabul, und der afghanischen Wissenschaftlerin Orzala Ashraf Nemat verfasst.

Download der Studie: „A Place at the Table: Safeguarding Women’s Rights in Afghanistan“

Mitmachaktion zu Frauenrechten in Afghanistan: „I support #afghanwomen

10 | Mai | 2011

Afghanistan: Sicherheitskräfte eher Gefahr als Schutz

Die Zahl der Übergriffe von afghanischer Armee und Polizei auf eigene Bürgerinnen und Bürger könnte stark zunehmen. Davor warnt der Oxfam-Bericht „No Time to Lose. Promoting the Accountability of the Afghan National Security Forces“.

Schon ab diesem Jahr sollen nach und nach die internationalen Truppen aus Afghanistan abgezogen werden, doch dies könnte gravierende Folgen für die Sicherheit der Zivilbevölkerung haben. Oxfam fordert die NATO-Staaten und die afghanische Regierung auf, umgehend bessere Mechanismen zur Kontrolle der afghanische Sicherheitskräfte einzuführen und die Ausbildung stärker darauf auszurichten, Gewalttaten gegen Zivilpersonen vorzubeugen.

Der Bericht dokumentiert Übergriffe afghanischer Sicherheitskräfte auf die Zivilbevölkerung, einschließlich Folter, willkürlichen Tötungen sowie Rekrutierung von Kindern. Zudem werden Rekruten der afghanischen Sicherheitskräfte nur unzureichend auf ihre Zuverlässigkeit und eventuelle kriminelle Vergangenheit geprüft; mehrere Zehntausend Polizisten sind ohne jegliche Ausbildung eingestellt worden.

Internationale Staaten tragen Verantwortung

Obwohl NATO-Staaten seit Jahren Milliarden in den Aufbau von afghanischer Armee und Polizei investieren, sind diese noch weit davon entfernt, für Sicherheit zu sorgen. Deutschland und seine Verbündeten tragen daher eine große Verantwortung dafür dass nach ihrem Abzug in Afghanistan Recht und Gesetz gewährleistet sind.

Die NATO hat ihre Verfahren zur Aufklärung von Übergriffen und zur Entschädigung ziviler Opfer deutlich verbessert. Allerdings wurde kaum etwas getan, um diese Standards auch auf die von der NATO geschulten afghanischen Sicherheitskräfte zu übertragen. So gibt es derzeit kein funktionierendes System für Beschwerden und Schadensersatzansprüche von Zivilpersonen, die durch afghanische Soldaten oder Polizisten geschädigt wurden.

Dringender Handlungsbedarf

Die Herausgeber des Berichts fordern die internationale Gemeinschaft und die afghanische Regierung zu folgenden Maßnahmen auf:

  • die Ausbildung der afghanischen Polizei zu verlängern und rechtsstaatliches Polizeihandeln in deren Mittelpunkt zu stellen,
  • bei Militär und Polizei wirksame Beschwerde-, Entschädigungs- und Überprüfungsmechanismen einzurichten,
  • Rekruten vor ihrer Einstellung besser zu überprüfen,
  • den Frauenanteil in den afghanischen Sicherheitskräften zu erhöhen,
  • die Ausstattung von Militär und Polizei zu verbessern,
  • die Zusammenarbeit mit Milizen einzustellen, die die staatliche Polizei auf Gemeindeebene unterstützen, aber weitgehend unkontrolliert handeln.

Der Bericht wurde von Oxfam verfasst und gemeinsam mit den Organisationen Campaign for Innocent Victims in Conflict (CIVIC), Peace Training and Research Organisation (PTRO) sowie Human Rights, Research and Advocacy Consortium (HRRAC) herausgegeben.

24 | Februar | 2011

Afghanistan: Mädchenbildung ist gefährdet

Oxfam, CARE und andere Hilfsorganisationen fordern mehr Investitionen, um afghanischen Mädchen den Schulbesuch zu ermöglichen

Mädchenbildung galt in den letzten Jahren als eine der wenigen Erfolgsgeschichten in Afghanistan. Doch sie ist in Gefahr. Davor warnt die Studie „High Stakes – Girls’ Education in Afghanistan“, die von Oxfam, CARE und 14 weiteren Hilfsorganisationen erstellt wurde. Die Studie basiert auf einer Befragung von 1.600 Schülerinnen, Eltern und Lehrer/innen in Afghanistan. Demnach gefährden Armut, frühe oder erzwungene Heirat, die schlechte Sicherheitslage, der Mangel an qualifizierten Lehrer/innen, schlecht ausgestattete Schulen und fehlende Sekundarschulangebote die bisherigen Erfolge.

Die Herausgeber der Studie fordern die internationale Gemeinschaft und die afghanische Regierung auf, wieder mehr in die Bildung von Mädchen zu investieren. Sie kritisieren zudem, dass viele Geber ihre Entwicklungshilfe kurzfristigen Sicherheitsinteressen unterordnen. Anstatt ihre Bildungsprojekte nach dem Bedarf zu richten, setzen sie sie häufig dazu ein, kurzfristig die Sympathie der lokalen Bevölkerung für die Truppen der Geberländer zu erhöhen. Das gefährdet viele Schulen, da sie dann leicht zum Ziel von Angriffen werden.

Armut ist größte Hürde für Schulbesuch

Im Jahr 2001 waren in Afghanistan gerade einmal 5.000 Mädchen in der Schule, heute sind es 2,4 Millionen – eine 480-fache Erhöhung. Doch es gibt nach wie vor viele Hindernisse, die Mädchen vom Schulbesuch abhalten. Armut ist laut 41 Prozent der Befragten das größte Problem, gefolgt von früher oder erzwungener Heirat (39 Prozent) und der schlechten Sicherheitslage (32 Prozent). Viele Familien sind darauf angewiesen, dass ihre Töchter zum Lebensunterhalt beitragen. Auch die Kosten für Transport, Lernmittel und Schuluniformen führen zu der bedenklichen Situation, dass etwa eine halbe Million angemeldeter Mädchen nicht regelmäßig oder gar nicht am Unterricht teilnehmen können. 

Zudem variiert die Qualität des Unterrichts stark, und die Schulbedingungen sind vor allem in ländlichen Regionen oft armselig. Neben geeigneten Schulgebäuden, Tischen, Stühlen und Büchern mangelt es an qualifiziertem Lehrpersonal. Insbesondere fehlende Lehrerinnen auf dem Land sind ein wesentlicher Grund dafür, dass zahlreiche Mädchen keine Schule besuchen können.

Mangelhaft sind auch die Perspektiven nach dem Grundschulabschluss: So sind derzeit 1,9 Millionen Mädchen in Afghanistan in der Grundschule, aber nur etwa 400.000 in Sekundarschulen und gerade einmal 120.000 in einer weiterführenden Schule. Das bedeutet, dass nur 18 Prozent der Mädchen im Alter von 18 Jahren noch die Schule besuchen, verglichen mit 42 Prozent der Jungen.

Friedensverhandlungen nicht auf Kosten von Mädchenbildung!

Schon jetzt stellt die schlechte Sicherheitslage das drittgrößte Hindernis für den Schulbesuch von Mädchen dar. In umkämpften Landesteilen schicken viele Eltern ihre Töchter oft nicht mehr zur Schule. Oxfam und CARE fordern, dass im Zuge der geplanten Übergabe der Sicherheitsverantwortung durch die NATO-Staaten an die afghanische Regierung das in der Verfassung verbriefte Recht auf Bildung für Mädchen und Frauen dauerhaft garantiert wird.

Die Studie „High Stakes – Girls’ Education in Afghanistan” basiert auf einer Umfrage, bei der von Mai bis Juli 2010 insgesamt 630 Eltern, 332 Lehrer, 687 Mädchen und 105 Dorfbewohner in 17 afghanischen Provinzen (Badakhshan, Badghis, Balkh, Bamiyan, Daikundi, Ghazni, Herat, Kabul, Kandahar, Khost, Kunar, Kunduz, Nangarhar, Pansjir, Parwan, Samangan und Takhar) befragt wurden.

High Stakes – Girls’ Education in Afghanistan [PDF | 1,4 MB]

Bildergalerie: Mädchenbildung in Afghanistan

01 | Juni | 2010

Afghanistan: Friedensgespräche nicht auf Kosten der Zivilbevölkerung

Oxfam kritisiert geplantes Programm zur Wiedereingliederung afghanischer Widerstandskämpfer

Vom 2. bis 4. Juni findet in Kabul eine nationale Friedenskonferenz ("Peace Jirga") statt. Zur Vorbereitung dazu hat Präsident Hamid Karsai kürzlich den Entwurf für ein Friedens- und Reintegrationsprogramm (Afghanistan Peace and Reintegration Program) vorgestellt.

Oxfam analysiert im Briefingpapier: „Reintegration Briefing Note" die Chancen und Risiken der aktuellen Friedensinitiative.

Es gibt auch viele Erfolge!

Ashley Jackson

Oxfam arbeitet seit über dreißig Jahren in Afghanistan – derzeit in 20 der 34 Provinzen, darunter einige der ärmsten und am schwersten zugänglichen des Landes, wie Daikundi im zentralen Bergland und Badakshan in Nordost-Afghanistan. Ashley Jackson leitete bis Anfang 2011 zwei Jahre lang Oxfams Lobbyarbeit in Kabul. Sie berichtet von ihren Erfahrungen:

Was macht Oxfam in Afghanistan?

Wir arbeiten sehr viel mit lokalen Organisationen zusammen und unterstützen vor allem Menschen in ländlichen Regionen, sich selbst aus der Armut zu befreien. In mehreren Ausbildungszentren in der Provinz Parwan in der Nähe von Kabul bieten wir zum Beispiel Trainingskurse für Bauern an, in denen sie lernen, den Ertrag ihrer Rosinenproduktion zu steigern. Wir geben den Menschen auch Unterstützung beim Bau von Schulen, Latrinen und Straßen, und wir bereiten Wasser zu Trinkwasser auf.

Was hat sich geändert in den letzten zwei Jahren?

Die Sicherheitslage hat sich drastisch verschlechtert. Ich habe  in Kabul gelebt, wo es noch relativ sicher ist. Als ich vor zwei Jahren hier ankam, konnte ich relativ frei im Land reisen, jetzt ist das oft unmöglich. Es gibt einige Gegenden, in denen Oxfam und andere Nichtregierungsorganisationen derzeit nicht mehr hinfahren, geschweige denn arbeiten können. Das macht es natürlich schwierig, die Not leidenden Menschen zu erreichen.

Was waren die wichtigsten Anliegen bei Ihrer Arbeit?

Als Lobbyistin in Kabul habe ich bei Geberstaaten, der afghanischen Regierung und UN-Organisationen darauf gedrungen, dass die internationale Hilfe bei jenen Menschen ankommt, die sie am dringendsten brauchen. Oxfam setzt sich dafür ein, dass die Stimmen der Afghaninnen und Afghanen gehört und ihre Bedürfnisse berücksichtigt werden – und dass sie nicht zum Opfer von Kämpfen und verfehlter Politik werden.

18 Milliarden US-Dollar an Entwicklungshilfe sind ins Land geflossen – warum sind die Menschen immer noch so arm?

Laut den Vereinten Nationen ist Afghanistan das zweitärmste Land der Welt, immer noch stirbt jedes fünfte Kind vor seinem fünften Geburtstag und nur jeder zweite Afghane hat einen Stromanschluss. Doch es gibt auch Erfolge: Statt 5.000 Mädchen im Jahr 2001 können jetzt fast 2,5 Millionen Mädchen eine Schule besuchen und es gibt viel mehr Ärzte und Hebammen.

Dennoch haben die internationalen Geberstaaten bisher viel zuwenig in langfristige und nachhaltige Armutsreduzierung investiert. Fast 80 Prozent der Bevölkerung bestreitet den Lebensunterhalt aus der Landwirtschaft und damit verbundenen Wirtschaftszweigen. Eine einzige Missernte kann schnell zu einer Katastrophe führen. Krisenfestere Jobs zum Beispiel im verarbeitenden Gewerbe sind auf dem Land jedoch kaum vorhanden.

Anstatt dort anzusetzen, wo die Menschen am meisten Not leiden, konzentrieren viele Geberstaaten ihre Hilfe auf jene Gebiete, in denen sie auch militärisch engagiert sind. Der Grund dafür ist die zunehmende Verschlechterung der Sicherheitslage – und die zweifelhafte Annahme, mit Entwicklungshilfe die „Herzen und Köpfe“ der afghanischen Bevölkerung für die Soldaten der Geberländer gewinnen zu können.

In abgelegenen, aber vergleichsweise sicheren Provinzen wie zum Beispiel Daikundi haben viele Menschen kaum Hilfe erhalten. Dort gibt es keine geteerten Straßen und nur wenige Schulgebäude. Es ist paradox: Weil die Gegend relativ friedlich ist, lässt die internationale Gemeinschaft die Menschen im Stich und gibt kaum Unterstützung.

Laut Vereinten Nationen ist Afghanistan für Frauen das gefährlichste Land der Erde – was tut Oxfam um ihnen zu helfen?

Wir sind fest davon überzeugt, dass afghanische Frauen eine Schlüsselrolle bei der friedlichen Entwicklung ihres Landes haben. Wir stärken deshalb ihre Rechte und setzen uns dafür ein, dass sie bei den laufenden Friedensgesprächen gehört werden. Außerdem setzen wir uns intensiv für Mädchen- und Frauenbildung ein und bieten Hilfen zur Existenzgründung, damit sich Frauen ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen können.

Was hat Sie am meisten beeindruckt?

Es war ein Besuch in einer Alphabetisierungsklasse für Frauen in einer abgelegenen Gegend im Norden. Ich habe mich mit einer etwa 50-jährigen Frau darüber unterhalten, was es für sie bedeutet, so spät im Leben lesen und schreiben zu lernen. Sie sagte: „Es ist, als ob man blind war und nun lernt zu sehen.“ Sie war froh, dass sie jetzt auf den Markt gehen und selber einkaufen kann, denn sie vermag nun die Preise lesen und weiß, dass man sie jetzt nicht mehr so leicht betrügen kann. Zum Abschied sagte sie: „Meine größte Freude als Großmutter ist es, meinen Enkelkindern zu helfen, lesen und schreiben zu lernen. Das ist etwas, was ihnen niemand mehr wegnehmen kann.“

 


 

Sechs Oxfam-Forderungen an die Bundesregierung zur Änderung ihrer Afghanistan-Politik

1. Not- und Entwicklungshilfe dort einsetzen, wo sie gebraucht wird

Deutschland und die anderen Staaten konzentrieren ihre zivile Hilfe für Afghanistan zu sehr auf jene Regionen, in denen ihre eigenen Truppen stationiert sind. Hilfsbedürftige Menschen in anderen Landesteilen werden dagegen vernachlässigt. Mehr deutsche Hilfe muss dort eingesetzt werden, wo sie am nötigsten ist – auch über den militärischen Verantwortungsbereich Deutschlands in Nordafghanistan hinaus.

2. Militäreinsatz und zivile Aufbauhilfe strikt trennen

Das deutsche Entwicklungsministerium fördert seit 2010 Projekte unabhängiger Hilfsorganisationen nur noch dann, wenn sie sich verpflichten, mit der Bundeswehr zu kooperieren. Oxfam und viele weitere unabhängige deutsche Hilfsorganisationen kritisieren, dass eine solche erzwungene Kooperation von Hilfsorganisationen mit dem Militär sowohl eigene Mitarbeiter/innen als auch die afghanischen Empfänger von Hilfe in unverantwortlicher Weise gefährden würde. Die Erfahrung in Afghanistan hat nämlich gezeigt, dass Entwicklungsprojekte, die militärischen Zielen dienen sollen, leicht zum Ziel von bewaffneten Angriffen werden.

Oxfam ruft darüber hinaus die Bundeswehr auf, keine Hilfsprojekte selbst durchführen, sondern unabhängigen zivilen Entwicklungsorganisationen zu überlassen. Die ISAF-Schutztruppe muss sich ausschließlich auf ihr UN-Mandat beschränken und für die Sicherheit der Bevölkerung sorgen, zum Beispiel durch verstärkte Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte.

3. Afghanistan braucht nachhaltige Entwicklung

Entwicklungshilfe wird in Afghanistan vielfach dazu verwendet, schnell vorzeigbare Erfolge zu erzielen. Deutschland will ebenso wie andere Geberstaaten auf diese Weise die „Herzen und Köpfe“ der Bevölkerung gewinnen, um Angriffen auf die eigenen Truppen vorzubeugen. Derartige Hilfsprojekte sind meist teuer und haben keine lange Lebensdauer. Entwicklungshilfe muss jedoch langfristig wirken – etwa durch Investitionen in das Bildungs- und Gesundheitswesen und in die Schaffung von Arbeitsplätzen, ganz besonders in ländlichen Gebieten. Legale Alternativen zu Gewalt und Drogenwirtschaft sind der wirkungsvollste Beitrag zur Sicherheit sowohl der afghanischen Bevölkerung als auch der internationalen Schutztruppe.

4. Frauenrechte und andere grundlegende Menschenrechte verteidigen

Die Bundesregierung unterstützt das laufende Friedens- und Reintegrationsprogramm der afghanischen Regierung, das auf die Verständigung mit aufgabewilligen Widerstandskämpfern zielt, mit erheblichen Geldmitteln. In Planung und Umsetzung dieses Programms ist die afghanische Zivilgesellschaft bisher jedoch völlig unzureichend einbezogen, Frauen haben dort kaum Mitspracherecht. Die Bundesregierung muss bei ihrer weiteren Unterstützung sicherstellen, dass diese Mängel behoben werden. Dabei müssen auch die in der afghanischen Verfassung verankerten fundamentalen Menschenrechte besonders für Frauen und Mädchen gewahrt werden und dürfen nicht etwa einem Ausgleich mit radikalen Kräften geopfert werden.

5. Aktivitäten besser mit anderen Staaten und der afghanischen Regierung koordinieren

Deutschland und die übrigen Geberstaaten müssen sich auf gemeinsame Ziele ihrer Entwicklungshilfe einigen und ihre Bemühungen besser koordinieren. Sie müssen außerdem nachprüfbare Ziele für ihr Engagement in Afghanistan formulieren und regelmäßig Rechenschaft darüber ablegen, was wirklich erreicht wurde. Die Menschen in Afghanistan und in den Geberländern haben ein Recht darauf, dass das eingesetzte Geld nachhaltige Erfolge bei der Verringerung der Armut hervorbringt.

6. Staatsaufbau fördern, Korruptionsbekämpfung unterstützen

Etwa zwei Drittel der internationalen Hilfe wird an der afghanischen Regierung vorbeigeleitet, zumeist aus Angst vor Misswirtschaft und Korruption. Deutschland und andere Geberstaaten tragen jedoch eine Mitschuld daran, dass Rechtsstaat und Verwaltung in Afghanistan kaum funktionieren – sie haben in den letzten Jahren viel zu wenig den Aufbau funktionierender staatlicher Strukturen unterstützt. Solange sich dies nicht ändert, bleibt der Kampf gegen die Korruption vergeblich.