Unwetterkatastrophen - die neue Normalität
Bis Ende des 21. Jahrhunderts erwarten Klimaforscher einen Anstieg des Meeresspiegels zwischen einem und zwei Metern. Schon ein halber Meter würde auf den Philippinen 500.000 Menschen obdachlos machen. Bei einem Meter verlöre Bangladesch etwa 17 Prozent seiner Fläche – die Heimat von vielen Millionen Menschen. Ähnliches droht auch in anderen tief gelegenen Küstenregionen, z. B. an der ostindischen Küste, den dicht besiedelten, breiten Küstenflächen Chinas oder in Westafrika. Wenn die globale Erwärmung auf über 3°C ansteigt, könnten weltweit mehr als 300 Millionen Menschen gezwungen sein, ihre Heimat dauerhaft zu verlassen.
Durch die Klimaerwärmung wird es mehr und stärkere Wirbelstürme geben. Sie zerstören nicht nur Straßen, Häuser, Fischerboote oder Trinkwasseranlagen, sondern lassen auch die Küsten erodieren. Geld für verstärkten Küstenschutz ist kaum vorhanden.
Wissenschaftler gehen davon aus, dass in den nächsten Jahrzehnten viele Inseln in den Fluten verschwinden werden, darunter ganze Inselstaaten. Häufig dürften die Inseln unbewohnbar werden, noch bevor sie komplett in den Fluten verschwinden, weil Überschwemmungen immer wieder die Felder und Frischwasservorkommen versalzen.
Tropische Stürme, sintflutartige Überschwemmungen und andere Unwetterkatastrophen nehmen nach den Beobachtungen der letzten drei Jahrzehnte und den Modellen der Klimaforscher an Heftigkeit deutlich zu. Nach Untersuchungen von Oxfam droht die Zahl der jährlich von klimabedingten Katastrophen betroffenen Menschen bis 2015 um mehr als 50 Prozent auf etwa 375 Millionen Menschen anzusteigen.
Video: Das Ganges-Delta: Der Anstieg des Meeresspiegels zerstört die Reisfelder
Seit Generationen leben die Menschen im Ganges-Delta vom Reisanbau. So auch Nipa und ihr Ehemann. Als eine Folge des Klimawandels steigt der Meeresspiegel an, das Salzwasser überflutet die Reisfelder und zerstört die auf Süßwasser angewiesenen Reiskulturen. Menschen wie Nipa verlieren ihre Einkommensquelle.
Video: Der Meeresspiegel steigt – die Böden und das Grundwasser versalzen
Auf dem Funafuti-Atoll in Tuvalu leben die meisten Familien von dem Anbau des Wurzelgemüses „Pulaka“. Durch den steigenden Meeresspiegel werden die Pulaka-Felder immer öfter überschwemmt und Meersalz gelangt auf die Böden und ins Grundwasser. Dadurch geht die Ernte zurück. Nui befürchtet, dass die Pulaka-Felder seine Familie bald nicht mehr ernähren können.
Video: Überschwemmungen werden zur Normalität
Jedes Jahr kommt es in Bangladesch zu Überschwemmungen. Durch den Klimawandel verschlimmert sich die Situation zunehmend. Der Film über Sahena Begum zeigt, wie ihre Dorfgemeinschaft von den Überschwemmungen betroffen ist und wie sie gemeinsam Vorkehrungen treffen, um die schlimmsten Folgen abzumildern.
Klimazeug/innen erzählen
„Der schlimmste Hurrikan, den ich jemals erlebt habe“
Ametta Pierre bei den Aufräumarbeiten nach dem Hurrikan. © Abbie Trayler-Smith/Oxfam„Das Meer macht mir Angst“, sagt Ametta Pierre. „Wenn das Wetter schlechter wird, schlafe ich nicht in meinem Haus, sondern woanders. Beim letzten großen Hurrikan wurde ein riesiges Boot gegen mein Haus geschleudert – es wurde regelrecht hineingerammt. Zum Glück war ich in einem Nebenraum und wurde nicht verletzt. Jetzt haben meine sieben Kinder und ich nur noch ein halbes Haus. Ich weiß nicht, wie ich es wieder aufbauen soll, denn ich habe kein Geld, um die Schäden zu reparieren.“
Im August 2007 traf der Hurrikan „Dean“ die Küstenregion Bainet in Haiti, wo Ametta Pierre lebt, und zerstörte alles – Häuser, Felder, Saatgut und Fischerboote. Auch eine große Zahl von Nutztieren wurde getötet, sodass viele Menschen ihre Lebensgrundlagen verloren.
Die Hurrikane, die die karibischen Küsten treffen, werden zunehmend stärker. Damit bestätigen sich die Vorhersagen der Wissenschaftler/innen, dass die tropischen Wirbelstürme wegen des fortschreitenden Klimawandels weltweit an Intensität zunehmen werden.
Ametta Pierre untersucht die Sturmschäden an ihrem Haus. © Abbie Trayler-Smith/Oxfam„Der Hurrikan der hier durchgezogen ist, war der schlimmste, den ich jemals erlebt habe“, sagt Ametta Pierre. „Die Natur ist feindselig geworden. Früher war es angenehm, so dicht am Meer zu leben, aber jetzt hat sich das Meer verändert. Wenn es kommt, bringt es Gefahr. Es ist gefährlich hier zu leben.”
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„Vor acht Monaten lebte ich dort, wo jetzt der Fluss ist“
Hasina Begum auf der Flussinsel Char Atra, die durch Unwetter und Überschwemmungen bedroht ist. © Shehab Uddin / DRIK / Oxfam "Auf den Inseln im Fluss zu leben, war immer schon mit Unsicherheiten verbunden, aber die Situation verschlimmert sich zusehends. Die Wirbelstürme kommen häufiger, und sie sind stärker als zuvor", erzählt Hasina Begum aus Bangladesch, die mit ihren vier Kindern immer wieder umziehen musste, weil der Fluss Padma das Land davonspült.
"Dort, wo ich vor acht Monaten wohnte, ist jetzt der Fluss. Das ist nicht ungewöhnlich. Seit meiner Heirat musste ich sechsmal umziehen und immer neue Häuser bauen, weil die Flussufer wegbrachen und die Inseln sich verlagerten. Aber mittlerweile geschieht das immer häufiger. Früher konnten wir drei oder vier Jahre an einem Ort bleiben. In den letzten fünf Jahren mussten wir jedes Jahr weiterziehen."
Die Bewohner der Inseln Char Atra und Uttar Tarabunia, die im Fluss Padma in Bangladesch liegen, berichten, dass Überflutungen, Wirbelstürme und Erosion der Flussufer immer häufiger und stärker auftreten. Auch die Jahreszeiten würden sich verändern, so falle der Regen beispielsweise zur "falschen Zeit", die Sommer seien zu kalt und die Winter zu warm. Klimawissenschaftler sagen voraus, dass es durch den fortschreitenden Klimawandel zu noch stärkeren Veränderungen der Jahreszeiten und häufigeren und heftigeren Stürmen und Überschwemmungen kommen wird. Aber schon die jetzigen Veränderungen führen in Char Arta vermehrt zu Ernteausfällen und Einkommensverlusten. Die Menschen haben kaum mehr die Möglichkeit, sich selbst zu versorgen.
Die häufigen Überschwemmungen zerstören Hasina Begums Gemüsegarten. © Shehab Uddin / DRIK / Oxfam"Ich hoffe, für dieses Jahr sind wir hier sicher", sagt Hasina Begum. "Aber wir können nicht voraussehen, wie der Fluss und das Land nach der nächsten Überschwemmung aussehen werden."
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Pazifische Inseln verschwinden und eine ganze Kultur muss umziehen
Die Insel Huene bei Flut. © Toby Parkinson/OxfamUrsula Rakova, Carteret-Inseln, Papua Neuguinea. "Wir, die Bevölkerung der Carteret-Inseln, können nicht länger warten, denn unsere Inseln schrumpfen", sagt Ursula Rakova von der Insel Huene, die vor kurzem in zwei kleinere Inseln zerbrochen ist und jetzt rapide kleiner wird. "Wenn die Flut hoch steht, sieht man, wie das Salzwasser aus dem Boden hervorquillt. Wir können keine Gemüsegärten mehr anlegen."
Der höchste Punkt der Inselgruppe liegt gerade einmal 1,5 Meter über dem Meeresspiegel. Ihre Tage sind gezählt: Im Zeitraum von einer Generation ist die Küstenlinie um 18-20 Meter zurückgewichen, trotz aller Versuche, die Küsten gegen das Vordringen des Pazifischen Ozeans zu schützen. "Wir werden sehr bald unsere Heimat verlassen müssen", sagt Ursula Rakova.
Im November 2005 hat die Regierung von Papua-Neuguinea einen Evakuationsplan für die Inseln beschlossen: Immer zehn Familien gleichzeitig werden auf die nächstgrößere Nachbarinsel umgesiedelt, die fast 130 Kilometer entfernt ist.
Für Ursula Rakova ist das Verschwinden ihrer Heimat sehr schmerzlich. "Auf den Carteret-Inseln gehört das Land traditionell den Frauen", erklärt sie. "Meine Großmutter gab unser Land weiter an meine Mutter, und dann bekam ich es. In zehn Jahren würde ich diese Insel gern an meine Tochter weitergeben. Aber ich werde nicht in der Lage sein, das zu tun."
Ursula Rakova auf der UN-Klimakonferenz in Bali. © Ng Swan Ti/Oxfam Es ist eine bittere Ironie, dass die Bewohnerinnen und Bewohner der Carteret-Inseln, die fast den geringsten CO2-Ausstoß weltweit haben, zu den Ersten zählen werden, die ihre Insel aufgrund der Emissionen anderer Länder verlassen müssen. Denn es ist die globale Erwärmung, die den Meeresspiegel ansteigen lässt und dadurch kleine Inseln mit dem Untergang bedroht.
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