Benin: Schule geht auf den Markt
Können die Kinder nicht zur Schule kommen, dann muss die Schule zu den Kindern kommen. Dies hat sich ASSOVIE in Benin zum Prinzip gemacht. Die Organisation überzeugt das Umfeld der Kinder vom Recht auf Bildung für alle. Schritt für Schritt nimmt so die Schule einen Platz in ihrem Leben ein.
Der Lehrer auf dem Markt von Wologuede ermahnt seine Schülerinnen, pünktlich zu sein und appelliert an ihre Gastfamilien: „Wir beginnen um 14 Uhr. Wenn meine Schülerinnen jedoch unregelmäßig oder zu spät kommen, muss ich die verpasste Lektion immer und immer wiederholen.“
Im kleinen Klassenraum auf dem Markt von Wologuede kommen die Schülerinnen nicht zu spät, weil sie verschlafen oder den Bus verpasst haben. Ihr Lehrer weiß, dass die Marktmädchen sich nur aus einem Grund verspäten: Wenn sie am Vormittag nicht genug Mais oder Orangen verkauft haben, dürfen sie nachmittags nicht am Unterricht von ASSOVIE teilnehmen.
Harte Kindheit
Seit 2001 versucht ASSOVIE, die Situation von minderjährigen Marktverkäuferinnen zu verbessern. Denn in Benin ist aus der Tradition, eigene Kinder zu gut situierten Verwandten in die Großstädte zu geben, um ihre Ausbildungschancen zu verbessern, längst ein kriminelles Geschäft geworden. Professionelle Vermittler/innen machen sich die Not armer Familien auf dem Land zu Nutze, um immer neue Kinder als billige Arbeitskräfte für die stark ansteigende städtische Nachfrage zu liefern. Hier arbeiten sie entweder im Haushalt oder im Kleinhandel auf den Märkten. 85% dieser Vidomègon (dt.: „weg gegebene Kinder“), wie die Kinder genannt werden, sind Mädchen. Oft werden sie in ihren „Gastfamilien“ schlecht behandelt, geschlagen oder missbraucht.
Das ABC lernen und wieder lachen können
Auf 20 Märkten in den Städten Cotonou, Abomey-Calavi, Ouidah und Porto-Novo setzt sich ASSOVIE für insgesamt 638 Mädchen im Alter zwischen 6 und 18 Jahren ein. Die Organisation spricht nicht nur mit den Händlerinnen und „Gastfamilien“, sondern auch mit einflussreichen Persönlichkeiten in den Gemeinden und Städten. So versucht ASSOVIE, für die Teilnahme der Mädchen an ihrem Unterrichtsangebot zu werben.
Die Mädchen nehmen an Alphabetisierungskursen teil und stärken über Theaterarbeit ihr Selbstbewusstsein. Eine Pädagogin zeigt ihnen, wie sie in Sketchen und kleinen Theaterstücken mit ihren Erlebnissen fertig werden und neuen Mut schöpfen können. Manche Mädchen machen so große Fortschritte, dass es ihnen gelingt, im Anschluss die Regelschule zu besuchen. Seit Kurzem setzt ASSOVIE zudem einen Psychologen und eine Streetworkerin ein, um sich insbesondere verängstigten und traumatisierten Kindern zuzuwenden.
Bis Mitte 2012 werden noch weitere Mädchen in die Arbeit von ASSOVIE einbezogen. Die lokale NGO setzt sich seit zehn Jahren für die Förderung von Frauen- und Kinderrechten ein.
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