Klimawandel bedeutet Hunger

Foto: Bewässerungssystem für Setzlinge. © Annie Bungeroth/Oxfam
Bewässerungssystem für Setzlinge.

Die Auswirkungen des Klimawandels beeinträchtigen die Ernährungssicherheit in vielen Teilen der Welt immer stärker. Vor allem Dürren und Überschwemmungen sorgen für Hunger und Mangelernährung.

Als die internationale Staatengemeinschaft im Jahr 2000 die Millenniums-Entwicklungsziele verabschiedete, waren weltweit mehr als 840 Millionen Menschen von Hunger und Unterernährung betroffen. 2009 überschritt die Zahl der Hungernden die Marke von einer Milliarde Menschen.

Über die nächsten Jahrzehnte könnte sich der Klimawandel zur katastrophalen Bedrohung für die Ernährungssicherheit von Hunderten Millionen Menschen entwickeln. Experten sagen für Afrika und Teile Asiens einen Rückgang der Ernteerträge wichtiger Grundnahrungsmittel wie Mais, Reis und Weizen voraus. Das ist besonders für die überwiegende Mehrheit von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern katastrophal, da es für sie immer schwerer wird, ihren Eigenbedarf an Nahrungsmitteln zu decken.

Experten zufolge könnten die Folgen des Klimawandels die Weltmarktpreise für Weizen auf das vierfache ansteigen lassen. Da die meisten armen Länder mehr Grundnahrungsmittel importieren als verkaufen, profitieren sie nicht von höheren Weltmarktpreisen. Steigen die Preise, stehen gerade in Armut lebende Menschen schnell vor unüberwindlichen Problemen, weil sie oft 50 bis 80 Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben.

Video: Der Regenwald: tropisch, feucht, immergrün – und bedroht

Donildo und seine Familie leben vom Wald. Immer mehr Waldflächen werden jedoch für den Anbau von Pflanzen wie Soja genutzt. Zugleich regnet es in den letzten Jahren immer weniger – der Wald und somit Donildos Lebensgrundlagen sind bedroht.

Video: Die Ernte verdorrt auf den Feldern

Die Region Moyale ist wie viele andere Regionen Äthiopiens sehr trocken und bekommt nur wenig Niederschlag. Über die letzten Jahrzehnte hat sich die Situation verschärft. Die Dürren sind jetzt häufiger und intensiver. Die Ernte verdorrt auf den Feldern, und das Vieh findet nicht genug Wasser. Zusätzlich müssen die Menschen immer weitere Wege auf sich nehmen, um sauberes Trinkwasser zu bekommen.

Menschen aus Moyale erzählen, wie der Klimawandel ihre Heimat und ihr Leben verändert.

 

Klimazeug/innen erzählen

Der Regen kommt nicht mehr zur richtigen Zeit

Safia Fungie Hasenna aus Adami Tullu in Äthiopien.
Ich heiße Safia Fungie, bin 38 Jahre alt und habe acht Kinder – sechs Mädchen und zwei Jungen. Ich lebe in dem Dorf Adami Tullu in Äthiopien. Mein Mann und ich verdienen unseren Lebensunterhalt mit Feldarbeit. Wir sind auf den Regen angewiesen – wenn er beginnt, bestellen wir die Felder. Wir bauen Mais, Weizen, Gerste und Zwerghirse an.

Aber in den letzten Jahrzehnten hat sich viel verändert. Das Wetter wurde unberechenbar. Früher kam der Regen regelmäßig und zu festen Zeiten. Wir konnten rechtzeitig unser Land bestellen und die Ernte einbringen. Seit Mitte der Achtzigerjahre hat sich der Regen verändert. Manchmal kommt er, manchmal bleibt er aus Oder er hört nach der Aussaat, gerade wenn die Pflanzen begonnen haben zu wachsen, auf. Und dann regnet es erst wieder, wenn alles schon verdorrt ist. Das Klima spielt verrückt. Zuerst haben wir die Veränderungen gar nicht richtig bemerkt, aber es wurde immer schlimmer, und dieses Jahr wurde unsere Ernte vollständig zerstört.

Das veränderte Klima hat auch Auswirkungen auf meine Rinder. Früher hatte ich 54 Tiere. Seit der Abjattasee so stark ausgetrocknet ist, gibt es am Seeufer kein Gras mehr für sie, und sie fanden nicht mehr genug Futter. Die wenigen, die überlebten, mussten wir verkaufen, um selbst nicht zu verhungern. Der Klimawandel hat unsere Lebensgrundlage zerstört.

Anhaltende Dürren haben viele Tiere getötet. Foto: Zeresenay Berhane Mehar

Momentan verleihen wir unser Land an jene, die sich eine Bewässerung leisten können. Nun bleibt uns nichts anderes übrig, als für die Leute, an die wir unser Land verliehen haben, als Tagelöhner zu arbeiten. Bevor das Klima sich veränderte, wäre niemand auf die Idee gekommen, das eigene Land zu verleihen. Früher arbeiteten wir für uns selbst auf unseren eigenen Feldern und lebten von unserer Ernte.

Ich kann meine Familie nicht mehr ausreichend versorgen, daher leben nur noch drei meiner Kinder bei mir. Die anderen musste ich zu verschiedenen Verwandten schicken. Seit mehr als fünf Jahren bin ich jetzt von meinen Kindern getrennt und dass ist sehr schmerzlich für mich. Niemand gibt seine Kinder freiwillig auf. Jeden Tag fürchte ich, es könnte ein Anruf kommen, und man sagt mir, dass meine Kinder gestorben sind oder etwas Schlimmes passiert ist. Diese Angst macht mich ganz krank.

 

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Das achte Jahr Dürre in Folge

Foto: Jozini in ihrem Hand bewässerter Garten.

“Früher war der Boden immer weich. Man konnte ihn praktisch mit der Hand umgraben. Wasser war ganz einfach ein Stück unter der Oberfläche zu finden, und es gab immer viel zu essen. In der Nähe gab es einen See, aus dem wir uns Fische holten“, sagt Thandi. „Aber jetzt ist das Land trocken und hart, es gibt kein Wasser unter der Oberfläche und der See ist inzwischen ausgetrocknet.“

Thandis Heimatstadt Hluhluwe im Osten Südafrikas erlebt das achte Jahr Dürre in Folge. Ohne Wasser wächst nichts auf den Feldern, und ohne die Früchte, das Gemüse und das Getreide bekommen die Bewohner/innen nicht ausreichend und nicht das Richtige zu essen. In einer Stadt, in der HIV/Aids sehr verbreitet ist, hat die Mangelernährung besonders gravierende Auswirkungen auf den Gesundheitszustand vieler Menschen.

Thandi erzählt, dass der Regen in den letzten Jahrzehnten immer unberechenbarer geworden sei. Er käme seltener und für kürzere Zeit. „Die Jahreszeiten sind nicht mehr so, wie sie sein sollten“, sagt sie. „Der Winter ist nicht mehr so kalt, und im Sommer regnet es unregelmäßiger.“

Foto: Thandi, Südafrika.

Die Bewohner von Hluhluwe versuchen, so gut es geht mit der Trockenheit zu leben, indem sie andere Früchte anbauen, ihre Gärten verkleinern und ihr Wasser von weiter her holen. Langfristig sind jedoch andere Lösungen erforderlich.

„Wir brauchen Wasserleitungen“, sagt Thandi. „Wir müssen uns an die veränderten Bedingungen anpassen. Wir müssen Früchte und Getreide anbauen, die weniger Wasser benötigen, wir müssen mehr über den Klimawandel wissen und wir müssen lernen, wie wir uns mit diesen Themen Gehör verschaffen können.“

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Unser Schicksal hängt vom Regen ab

Foto: Anna Logwee auf dem Markt von Nasapir.

“Einige von uns glauben, dass der Regen ausbleibt, weil wir so viele Bäume gefällt haben. Aber die Menschen fällen Bäume, weil sie hungern; sie fällen Bäume, um Holzkohle herzustellen und sie zu verkaufen“, berichtet Lourien Lokwareng vom Ältestenrat der Gemeinde Nasapir im Nordosten Ugandas. Hier in seiner Heimatregion Karamoja hat es seit vier Jahren kaum geregnet. Die Folgen sind offensichtlich: Flüsse sind ausgetrocknet, die Ernten sind verdorrt. In vielen Familien herrscht Mangelernährung.

 

Foto: Lourien Lokwareng, Dorfältester.

Die über mehrere Jahre ausgefallenen Ernten haben einschneidende Veränderungen bewirkt. „Früher lebten wir in Frieden, es gab genug Regen, die Ernten waren reichlich, und es gab viele Tiere“, erzählt Anna Logwee. „Es herrschte nicht diese Unsicherheit. Das Leben war einfach. Wir hatten gute Kontakte zu den umliegenden Dörfern. Aber jetzt? Du versuchst, etwas anzubauen, und die Ernte bleibt aus. Du versuchst, Rinder zu halten, und sie werden gestohlen. Einige versuchen nun, Holzkohle herzustellen. Andere gehen in die Stadt und suchen sich Jobs, zum Beispiel als Gepäckträger. Das hat die kulturellen und wirtschaftlichen Traditionen der Karamoja-Region sehr verändert.“

Lourien Lokwareng blickt bange in die Zukunft: „Unser Schicksal hängt vom Regen ab. Regen ist die Quelle von Allem: die Quelle der Nahrung, die Quelle für das Vieh und den Menschen.”

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Kein Regen in der Regenzeit

Foto: Howard Fernández

“Der Sommer ist jetzt der Winter”, sagt Howard Fernández. Er ist Bauer im entlegenen Dorf San Andrés de Bocay im Nordosten von Nicaragua. „Der April lag immer in der Trockenzeit, aber jetzt regnet es den ganzen Monat. Im Mai – eigentlich ein Regenmonat – regnet es gar nicht. Wir achten auf den Donner und halten Ausschau nach den Blitzen, die den Regen ankündigen sollten, aber der Regen kommt nicht. Wir leiden unter dem Klimawandel und dem Rückgang unserer Ernteerträge.“

Der Klimawandel hat verheerende Auswirkungen auf die Bäuerinnen und Bauern der Region, die von der Landwirtschaft und der Jagd leben. Sie gehören ohnehin schon zu den ärmsten und am stärksten marginalisierten Menschen des Landes, und jetzt bringen die Folgen des Klimawandels zusätzliche Probleme. In den letzten Jahren konnten die Menschen den Beginn der Regen- und Trockenzeiten immer weniger abschätzen, und so oft auch nicht den richtigen Zeitpunkt zum Pflanzen treffen. Die sonst verlässlichen Zeichen der Natur – weiße Kraniche, Avocado-Blüte, Blitze – kündigen den Regen nicht mehr an.

Der Río Bocay ist der wichtigste Transport- und Verkehrsweg für die Menschen, die in den Dörfern entlang des Flusses wohnen. Wenn er kein Wasser führt, können die lebensnotwendigen Dinge nicht mehr herantransportiert werden.

Foto: Der Fluss Río Bocay.
Foto: Pfosten zum Messen des Wasserstandes


 

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