Nach Angaben der Vereinten Nationen ist die Zahl der Hungernden im Jahr 2016 erstmals seit Jahren wieder gestiegen; um 38 Millionen auf 815 Millionen. Mit der Agenda 2030 hat sich die internationale Staatengemeinschaft verpflichtet, Hunger und Mangelernährung bis 2030 zu beenden. Doch immer mehr Menschen werden abgehängt und von der Politik im Stich gelassen.

1. Hunger und soziale Ungleichheit – was hat das miteinander zu tun?

Hunger ist Ausdruck von sozialer Ungleichheit. 80 Prozent aller Menschen, die unter Hunger und extremer Armut leiden, leben auf dem Land. Sie sind vielfach benachteiligt: Ob in punkto Bildung und Gesundheitsfürsorge oder Wasser- und Energieversorgung. Kleinbäuerliche Familien sind einem doppelten Risiko ausgesetzt: Sie werden zunehmend von ihrem Land vertrieben und vom Markt verdrängt. Ihre Existenzgrundlagen werden bedroht bzw. zerstört. Ein zentrales Problem ist die ungleiche Landverteilung. So ist in Lateinamerika die Konzentration von Land jetzt höher als vor den Landreformen in den 1960er Jahren. Besonders bedroht sind die Lebensräume von Indigenen und Hirtenvölkern. Die Abhängigkeit bäuerlicher Produzenten von wenigen Konzernen (z.B. Saatgut) steigt und die Machtungleichgewichte in der Lieferkette werden verschärft. Die Folge: niedrige Erzeugerpreise und Hungerlöhne für Plantagenarbeiter*innen.

2. Jeder Mensch hat ein Recht auf Nahrung. Aber wird es auch von Regierungen anerkannt?

Ein menschenrechtsbasierter Ansatz ist der Schlüssel zur Hungerbekämpfung. Mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (§25) haben sich alle Staaten verpflichtet, das Recht auf Nahrung zu verwirklichen. Im Jahr 2004 wurden die Freiwilligen Leitlinien zum Recht auf Nahrung einstimmig von den Mitgliedern der FAO angenommen. Sie haben damit die Verantwortung übernommen, das Recht auf Nahrung zu respektieren, zu schützen und zu gewährleisten. Es wird aber in nur in etwas mehr als 20 Ländern anerkannt. Bemerkenswert ist deswegen, dass der UN-Welternährungsausschuss (CFS) seit 2009 diese Leitlinien als besonders wichtigen Rahmen bestätigt hat. Dennoch müssen die Menschenrechte bei jedem Treffen gegenüber Ländern wie Russland und den USA verteidigt werden. Problematisch sind in der Praxis die mangelnde Rechenschaftspflicht und Politikkohärenz, die weitverbreitete Straflosigkeit von Rechtsverletzungen und die zunehmende Kriminalisierung von Menschen, die die Menschenrechte verteidigen.

3. Großkonzerne gewinnen immer mehr Macht über unser Essen. Was bedeutet das für die Hungerbekämpfung?

Die Marktkonzentration ist bereits beängstigend hoch: Vier Konzerne kontrollieren rund 70 Prozent des Weltagrarhandels und drei Konzerne dominieren 50 Prozent des Weltmarkts für Landtechnik. Wenn die Fusion von Bayer und Monsanto genehmigt wird, beherrschen zukünftig nur drei Konzerne mehr als 60 Prozent des globalen Marktes für kommerzielles Saatgut und für Pestizide. Industrielle, von Konzernen geprägte Ernährungssysteme haben dabei versagt, für alle Menschen eine sichere Versorgung zu gewährleisten. Die großflächige Landwirtschaft wird ausgeweitet, kleinbäuerliche Erzeuger werden vom Land vertrieben und vom Markt gedrängt und Plantagenarbeiter*innen ausgebeutet. Sie sind weitestgehend machtlos und schutzlos der Marktmacht der Konzerne ausgeliefert. Lokale Ernährungssysteme werden zerstört, Böden degradiert und hochgiftige Pestizide wie Glyphosat belasten Mensch und Umwelt. Das Ernährungssystem wird krisenanfälliger.

4. Welche Alternativen gibt es?

Die internationale kleinbäuerliche Bewegung „La Via Campesina“ hat Anfang der 1990er Jahre als Alternative das Konzept der „Ernährungssouveränität“ entwickelt, das mittlerweile von einer globalen Bewegung unterstützt wird. Ernährungssouveränität bedeutet eine (Re)Demokratisierung der Nahrungsmittelproduktion, bei der grundlegende Prinzipien wie das Menschenrecht auf Nahrung, die vorrangige Stärkung lokaler Märkte, faire Preisbildung und existenzsichernde Einkommen verwirklicht werden. Agrarökologie ist integraler Bestandteil der Ernährungssouveränität. Bäuerliche Produzenten sollen wieder die Kontrolle über Land und Saatgut erhalten, lokale Märkte vor Billigimporten geschützt werden. Die besondere Rolle von Bäuerinnen wird anerkannt. Die Stärkung lokaler Ernährungssysteme ist dabei zentral.

Oxfam-Projekt in DR Kongo:

Lokale Ernährungssouveränität beginnt vielerorts sprichwörtlich im Keim, beim Saatgut. Auf dem Hochplateau von Minembwe im Osten der DR Kongo steht vielen Familien trotz harter Arbeit nur eine Mahlzeit pro Tag zur Verfügung. Oxfams Partnerorganisation UGEAFI unterstützt die lokale Bevölkerung beim Aufbau von lokalen Saatgutbanken und Tauschnetzwerken mit besonders gut an die regionalen Umwelt- und Klimabedingungen angepassten Samen, die beständig weiterentwickelt werden können. So müssen sie nicht teures Saatgut kaufen. In Minembwe entstand 2016 die erste lokale Saatgutbank. Im selben Jahr konnten bereits mehr als 10 Tonnen Saatgut für Mais und Bohnen, zwei Hauptnahrungsmittel in der Region, an über 1.000 lokale Familien vergeben werden. Diese werden beim Anbau auf ihren Feldern von landwirtschaftlichen Fachkräften begleitet, um das Wissen um den Anbau und die Saatguterzeugung in der Region weiter zu verbreiten – ein Auftakt hin zu einem lokalen ernährungssouveränen Netzwerk.

5. Der Klimawandel ist ein bedeutender Hungertreiber. Was kann man dagegen tun?

Mit dem zunehmenden Klimawandel kommt es verstärkt zu Wetterextremen: längere und extremere Dürreperioden, Überschwemmungen, mehr und stärkere Hurrikane. Der Klimawandel zerstört die Lebensgrundlagen der Menschen, beeinträchtigt die Ernten und verschärft den Hunger. Dies hat auch die UN vor Kurzem bestätigt. Die Erderwärmung muss deswegen auf deutlich unter zwei Grad begrenzt werden. Dafür ist eine wesentlich stärkere Unterstützung der reichen Länder bei der Anpassung an die klimatischen Veränderungen erforderlich. Statt „klimasmarter Landwirtschaft“ sollten dabei agrarökologische Anbauverfahren gefördert werden. In Deutschland droht die Bundesregierung ihr Ziel zu verfehlen, die Treibhausgase bis 2020 um mindestens 40 Prozent zu reduzieren. Erforderlich ist ein Sofortprogramm für den Klimaschutz und die zügige Abschaltung der dreckigsten Kraftwerke, so dass Deutschland in spätestens 15-20 Jahren kohlefrei ist.

6. Wird die Sonderinitiative „Eine Welt ohne Hunger“ des BMZ ihrem Anspruch gerecht?

Minister Müller ist die Hungerbekämpfung sehr wichtig, dafür hat er auch die Ausgaben erhöht. Aber die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit bleibt groß. Nach wie vor ist nicht zu erkennen, dass die am stärksten von Hunger Betroffenen im Mittelpunkt sämtlicher Maßnahmen stehen. Gleichwohl sind beim Vorhaben zur Förderung einer ausgewogenen Ernährung immerhin auch arme, marginalisierte und ernährungsgefährdete Bevölkerungsgruppen mit im Blick. Dies ist bei den Grünen Innovationszentren, Müllers Leuchtturmprojekt, jedoch nicht der Fall. Hier soll der Hunger auch zusammen mit der Agrarindustrie bekämpft werden. Diese Strategie ist jedoch zum Scheitern verurteilt. Mit dem Ansatz „mehr mit weniger Ressourcen“ zu produzieren, wird zudem den ökologischen Krisen in der Landwirtschaft nicht Rechnung getragen. Positiv ist hingegen, dass die Bodenfruchtbarkeit mit einem Programm für Bodenrehabilitierung verbessert werden soll.

7. Die Digitalisierung verändert unsere Welt tiefgreifend, auch in der globalen Landwirtschaft. Welche Risiken bringt sie mit sich?

Die Digitalisierung der Landwirtschaft ist ein neuer Mega-Trend, der auch bei der Fusion von Bayer und Monsanto eine wichtige Rolle spielt. Die Agrarchemieriesen kooperieren mit den Maschinenherstellern wie John Deere, AGCO und Class. Zukünftig werden die Landwirte nur zwischen 2-3 Farmmanagement-Systemen wählen können. Mit digitalen Instrumenten ausgestattete Maschinen geben den Bauern vor, wo sie Saatgut aussäen sowie Pestizide und Düngemittel anwenden sollen. Maschinendaten werden automatisch an den Hersteller gesandt. Ernteerträge können über Satelliten vorhergesagt und Pflanzensorten über Drohnen identifiziert werden. Aus „wachse oder weiche“ wird in naher Zukunft „digitalisiere oder weiche“, erst recht im globalen Süden. Die Präzisionslandwirtschaft wird von den Agrarkonzernen als Antwort auf Umweltschäden und Klimakrise propagiert. Wenn es nach ihnen geht, gehört „Climate-Smart Agriculture“ die Zukunft. Doch damit wird die industrielle Landwirtschaft zementiert.

8. Immer mehr Böden verlieren ihr Bodenleben. Treten wir den Boden mit Füßen?

Angaben der FAO zufolge sind bereits 25 Prozent der Böden hochgradig degradiert, d.h. die Bodenfruchtbarkeit lässt sich nur mit hohem Aufwand wiederherstellen. Geschätzte 65 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche in Afrika sind von Degradation betroffen. Die Bodendegradierung von Acker- und Weideflächen ist dort ein lebensbedrohendes Problem und schon jetzt mitverantwortlich für Migration. Im Ökosystem Boden spielt die Anzahl und vor allem die Vielfalt der Lebewesen im Boden eine entscheidende Rolle. Eine bessere „Fütterung“ des Bodenlebens kann durch vielfältige Fruchtfolgen und kontinuierliche Bodenbedeckung durch Ackerwildkräuter und Zwischenfrüchte erfolgen und ermöglicht den Humusaufbau. Die Förderung agrarökologischer Anbauverfahren ist hierfür zentral. Solange  Boden und Pflanzen nicht als Ökosystem verstanden werden und das bäuerliche Wissen darüber nicht in den Vordergrund gestellt wird, bleiben Probleme wie Bodendegradation oder der Verlust biologischer Vielfalt bestehen.

Oxfam-Projekt in Burundi:

Das Feld vom Kleinbauer Mathieu Mpitabakana liegt an einem der vielen steilen Hänge in den Hügellandschaften Burundis, der Boden ist nicht sehr fruchtbar. Die Erträge reichten kaum, um die Familie zu ernähren. Über Oxfams Partnerorganisation OAP lernte er im Jahr 2014 agrarökologische Anbautechniken kennen. Nun pflanzt er Mischkulturen aus Maniok, Taro und Mais an, die seiner Familie eine ausgewogenere Ernährung ermöglichen. Um sein Feld langfristig vor Bodenerosion zu schützen, hat er Erosionsschutzgräben mit Grasbewuchs angelegt. Das Gras füttert er seiner Kuh im kleinen Stall; deren Dung wiederum bringt er mit Pflanzenresten als natürlichen Dünger auf dem Feld aus. So konnte er die Bodenfruchtbarkeit deutlich erhöhen, ohne sich von teuren Düngemitteln und Pestiziden der Agrarkonzerne abhängig zu machen. Gegen Schädlinge auf seinem Feld hilft ihm die Mischkultur mit Pflanzen, die Schädlinge von seinen Nutzpflanzen fernhalten. Das Risiko existenzbedrohender Ernteausfälle ist deutlich gesunken, seit er den Anbau auf mehrere Standbeine gestellt hat. Und der agrarökologische Ansatz zahlt sich auch im Ertrag aus, berichtet Mathieu Mpitabakana hochzufrieden.

9. Sind die Agrar-, Handels- und Finanzpolitik kohärent mit dem Recht auf Nahrung?

Oberstes Gebot ist eine kohärente Politik, die nicht an einer Stelle das zerstört, was sie anderswo versucht aufzubauen. Das ist der Bundesregierung aber ganz egal! So blockiert das Landwirtschaftsministerium eine soziale und ökologische Neuorientierung der Gemeinsamen Agrarpolitik und eine Reduzierung des Agrosprits aus Nahrungsmitteln. Zusammen mit dem Wirtschaftsministerium verhindert es gerechte Regeln im Welthandel. Stattdessen werden neue Rekorde bei Exporten gepriesen, die Märkte in Afrika überschwemmen. Liberia importiert beispielsweise Geflügelfleisch aus Europa für nur 0,48 Euro pro Kilogramm, da können einheimische Geflügelmäster nicht mithalten. Minister Müllers Plädoyer für „Fairhandel statt Freihandel“ gibt zwar die richtigen Impulse, bleibt aber folgenlos. Das Bundesfinanzministerium stimmte für den Kommissionsvorschlag, der Banken, Hedgefonds und Investmentfonds erlaubt, munter weiter mit Essen zu spielen.

10. Warum ist der UN-Welternährungsausschuss richtungsweisend im Kampf gegen Hunger?

Der Welternährungsausschuss (CFS) wurde im Jahr 2009 reformiert. Die Freiwilligen Leitlinien zum Recht auf Nahrung bilden dabei einen besonders wichtigen, übergreifenden Rahmen. Das gibt es in keinem anderen Gremium, das sich mit Ernährungsfragen befasst. Außergewöhnlich ist auch die Governance-Struktur des CFS. Die Zivilgesellschaft ist im „Civil Society Mechanism“ (CSM) organisiert. Es gibt 11 Gruppen, darunter Kleinbauern, Hirtenvölker, Fischer, Indigene, Arbeiter*innen, Landlose, Frauen, Jugendliche, Konsumenten, Ernährungsgefährdete in Städten und NGOs. Nur im CFS können die von Hunger betroffenen Gruppen selbst ihre Anliegen einbringen, mitdiskutieren und mit verhandeln. Auch der Privatsektor kann sich im Rahmen des „Private Sector Mechanism“ (PSM) einbringen. Die Entscheidung bleibt am Ende jedoch den Regierungsvertreter*innen vorbehalten. Der größte Erfolg des CFS war sicherlich die Verabschiedung der Freiwilligen Leitlinien zu Land im Jahr 2012.

1 Kommentar

Es tut gut, zu lesen, dass doch vieles angepackt wurde und wird. Und mit Erfolg. Da sollte uns ermuntern, auf diesem Weg weiter zu gehen - auch.
ANDERERSEITS WISSEN WIR DOCH ALLE, DASS DAS GRÖẞTE ÜBEL die Hochfinanz mit ihrer verbrecherischen, sich ständig steigernden Gier ist.
Was meines Erachtens an erster Stelle nottut ist, sich unserer spirituellen Herkunft zu erinnern und sie zu praktizieren, auf der Grundlage von LIEBE! Auch gegenüber den geistig "Armen" Reichen" ...

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