Kürzlich saß ich auf dem Podium bei der Vorstellung des aktuellen Fach-Magazins Kompass des Weltfriedensdiensts (WFD). Die Ausgabe widmet sich dem Thema: Advocacy – aber wie? Gemeinsam mit Hans-Jörg Friedrich, Programkoordinator beim WFD und Dr. Dieter Plehwe, Wissenschaftler am WZB, diskutierten wir aktuelle Trends in der Advocacy-Arbeit. Eine der Fragen dabei war auch, ob und wie sich Advocacy im digitalen Zeitalter verändert.

Was ist Advocacy?

In der Publikation wird Advocacy als Anwaltschaft für Dritte verstanden. In diesem Sinne wurde auch die Diskussion auf dem Podium geführt. Anwaltschaft für Dritte wird vor allem dann wichtig, wenn den Betroffenen die Möglichkeiten fehlen, selbst wirksam für ihre Rechte einzutreten, beispielsweise Kleinbauern, die von großen Konzernen von ihrem Land vertrieben werden. Da die Situation vor Ort oft äußerst kompliziert ist, muss jede Advocay-Arbeit v.a. auf einer fundierten Recherche, aussagekräftigen Fallbeispiele ebenso wie einer ausgiebigen Power-Analyse und Mandatsklärung basieren.

Öffentlichkeitswirksame Kampagnen sind unerlässlich

Über eine breite und gezielte Mobilisierung können Kampagnen Druck auf Entscheidungsträger/innen ausüben und haben so das Potential, Veränderungen zu bewirken. Dabei spielt das Netz mit seinen vielfältigen Verbreitungs- und Vernetzungsmöglichkeiten eine zunehmend wichtige Rolle. Doch bei der Flut an Informationen, die tagtäglich über uns hereinströmt, ist es für Nichtregierungsorganisationen (NGOs) nicht immer einfach, mit ihren Anliegen wahrgenommen zu werden.

Um die Unterstützer/innen und die breite Öffentlichkeit auch emotional zu erreichen und zum Mitmachen und Mitstreiten zu bewegen, müssen NGOs die Geschichten, um die es geht, packend und mitreißend erzählen, ohne dabei auf Klischees zurückzugreifen und Elend zu instrumentalisieren. Die Ethik-Debatte hat den NGO-Sektor spätestens mit dem online sehr erfolgreichen und umstrittenen "KONY 2012-Video" erreicht. Hier ein paar Links zur Diskussion. Klar ist, dass jede Organisation eine Antwort darauf finden muss, wie sie mit der Verantwortung den Menschen gegenüber, in deren Namen sie spricht, umgeht. Guidelines, wie zum Beispiel Personen auf Bildern dargestellt werden und eine Policy über Tonalität können dabei hilfreich sein.

Networking ist wichtig - besonders auf EU-Ebene

Sobald es sich um Kampagnen handelt, die sich an EU-Institionen richten, wird das mit der Anwaltschaft noch komplexer. Wie Dr. Plehwe erklärte, sind Gesetzesvorhaben und politische Entwicklungen auf der EU-Ebene oft schwer durchschaubar, aber immens wichtig. Wie schwierig es ist, sich in der sogenannten "EU Bubble" Gehör zu verschaffen, merke ich immer wieder, z.B. bei unserer derzeitigen Kampagne gegen den Missbrauch der Marktmacht von Supermarktketten.

Es braucht Insider-Wissen und Zugänge zu Sitzungen, Events und Dokumenten. Am besten ist es in Brüssel zu sitzen und ständig in Kontakt mit relevanten Akteuren. In der Tat hat sich Advocacy in Brüssel in den letzten Jahren zur Profi Sache entwickelt. Viele der großen NGOs haben Vertretungen, und viele Dach-Verbände sitzen in Brüssel – denn die Erfahrung zeigt: Im Alleingang erreicht man oft wenig. Wie die Fisch-Kampagne von WWF, Greenpeace, BildLife und Oceana 2012 verdeutlich hat, ist es sinnvoll, breite Allianzen einzugehen und im Bündnis zu arbeiten, wenn man erfolgreich EU-Politik beeinflussen möchte.

Leider ist die EU gefühlt weit weg. Unterstützer/innen lassen sich einfacher dazu bewegen, eine E-Mail an ihre deutchen Bundestagsabgeordneten zu schreiben, als an ihre Europa-Parlamentsabgeordneten oder an Mitglieder einer EU-Kommission, die sie im Zweifelsfall gar nicht kennen. Hier muss noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden, wie wichtig die EU-Politik mittlerweile ist. Das betrifft auch entwicklungspolitische Themen, die oft in den verschiedensten Kommissionen verhandelt werden.

Neue Online-Strategien sind gefragt

Insgesamt stehen wir derzeit noch am Anfang der Diskussion, wie Advocacy-Arbeit im digitalen Zeitalter aussieht. Ich könnte mir gut vorstellen, dass NGOs zukünftig verstärkt auf digitale Strategien setzen, um die Wirkung ihrer Arbeit zu steigern. Damit meine ich beispielsweise, crowdsourcing gezielt einzusetzen, um Informationen einzuholen und darzustellen. Das hat einerseits den Vorteil, dass ein Informations-Mapping mit Beteiligung der Betroffenen aufgebaut werden kann, wie die Projekte Ushahidi oder VideoVolunteers zeigen, und andererseits die gewonnenen Informationen leicht teilbar sind.

Zudem bietet das Netz die Möglichkeit, Inhalte zu kuratieren und Do-it-yourself-Ressourcen bereitzustellen. Global Voices, Witness aber auch Everyday Rebellion stellen in dem Zusammenhang interessante Beispiele dar, die bereits sehr erfolgreich diese Strategien einsetzen. Des Weiteren ist es wichtig, bereits im Kampagnen-Design online und offline Kampagnen-Elemente als zwei Seiten einer Medaille zu verstehen und entsprechend zu verknüpfen. Der rasante Zuwachs und Gebrauch von mobilen Endgeräten macht diesen Aspekt umso wichtiger.

Was sind eure Erfahrungen? Wie seht ihr die Zukunft der digitalen Advocacy-Arbeit?

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