„Ich betete, dass sie meinen Leichnam finden“

Am 8. November 2013 trifft der Supertaifun Haiyan die philippinische Küste, zerstört Häuser, tötet Menschen. A. G. Saño entkam knapp, sein bester Freund Agit, dessen Frau und der kleine Sohn nicht. Seit diesem Tag reist A. G. Saño durch die Welt, um ihr von Agit zu erzählen – und vor den katastrophalen Folgen des Klimawandels zu warnen.
Von A. G. Saño
A. G. Saño reist um die Welt, um vor den Folgen des Klimawandels zu warnen.
A. G. Saño verlor seinen besten Freund an den Taifun Haiyan. Nun bereist er die Welt, um vor den Folgen des Klimawandels zu warnen.

Tacloban City ist die Heimatstadt meines Vaters. Hier hat er einen wichtigen Teil seiner Kindheit verbracht. Ich hörte viel über Tacloban, wenn er sich mit seinen Geschwistern, Cousins und anderen Verwandten, die zu Besuch kamen, unterhielt. Da ich selbst in Manila aufgewachsen bin, habe ich mich immer gefragt, wie Tacloban wohl sein mag, wie die Menschen dort leben, wie meine Cousins aussehen, wo sie samstags spielen, wo sie zur Schule gehen, wo sie am Sonntag hingehen etc. Ich war 16, als ich das erste Mal meinen Fuß in die Stadt setzte. Tacloban war eine fortschrittliche Stadt, in den Häfen ging es laut und geschäftig zu, während die Küste selbst einfach atemberaubend schön war. Ich war sofort hin und weg und bin noch einige Male hingefahren. Letztlich hat mich der weite Weg von Manila dann aber doch von weiteren Besuchen abgehalten, bis sich ein sehr guter Künstler- und Musiker-Freund, der aus Tacloban stammt, dazu entschloss, mit seiner Frau und dem kleinen Sohn wieder dorthin zu ziehen.

Agit Sustento war für mich ein großartiger Grund, nach Tacloban zu gehen. Er stellte mich seinen Kindheitsfreunden vor, nahm uns zum Picknicken mit, zeigte uns die Weinläden der Stadt und wollte mir auch beibringen, wie dort traditionell Tätowierungen gemacht werden. Am 8. November 2013 sollte ich eigentlich bei ihm übernachten, entschied mich dann aber doch dagegen, weil ich seiner Familie nicht zur Last fallen wollte, während gleichzeitig ein schwerer Taifun auf die Küste treffen sollte. Auch mein Onkel lud mich zu sich nach Hause ein, doch auch sein Angebot schlug ich aus demselben Grund aus. Agit bat dann einen seiner besten Freunde, sich um mich zu kümmern und mir eine Unterkunft in der Innenstadt zu besorgen.

Häuser zerschellen, Tote liegen auf den Straßen

Dieser Tag wurde zu einer einzigen Katastrophe und Tacloban wird der Welt für immer als die Stadt in Erinnerung bleiben, die vom Supertaifun Haiyan zerstört wurde, dem stärksten Sturm, der in der Geschichte der Menschheit je auf eine Küste traf. Für mich wird es für immer der Tag sein, an dem ich vom unglaublich lauten Rumpeln und Knallen gegen das Dach und die Wände geweckt wurde, an dem sich die Treppen in Wasserfälle verwandelten und an dem ich Häuser am Fenster vorbeifliegen und zerschellen sah. Er wird mir als der Tag in Erinnerung bleiben, an dem alle Leitungen zusammenbrachen, Sekunden nachdem ich mich am Telefon von meinen Liebsten verabschiedet hatte. Als der Tag, an dem ich Gott nicht darum bat, mich zu retten (denn ich war davon überzeugt, dass das Haus, in dem ich mich befand, dem nicht enden wollenden Rütteln nachgeben und zusammenbrechen und mich unter den Trümmern begraben würde), sondern dass meine Familie meinen Leichnam nach dem Sturm finden möge. Er wird mir für immer als der Tag im Gedächtnis bleiben, an dem ich durch Fluten watete, über umgestürzte Bäume und Strommasten kletterte, um auf den Straßen Tote zu finden. Als der Tag, an dem aus aufrichtigen Menschen hungrige Jäger wurden, die alles plünderten und stahlen, was ihren Hunger und den Durst ihrer Kinder stillen konnte, die in den Trümmern und Ruinen warteten, die als Evakuierungslager dienen sollten. Als der Tag, an dem ich einen leblosen Hund auf der Straße liegen sah, der von einem anderen gefressen wurde.

Es war der Tag, an dem ich zum ersten Mal die Wörter hilflos und hoffnungslos wirklich verstand. Und er wird mir als der Tag in Erinnerung bleiben, an dem der Sturm Agit, meinem besten Freund in Tacloban, das Leben nahm und das seines Vaters, seiner Mutter, seiner Frau und seines kleinen Sohns.

Eine Stimme für die, die nicht gehört werden

Auf der anderen Seite der Erde stand zur selben Zeit mein Bruder Yeb bei der 19. UN-Klimakonferenz am Mikrofon und sprach vor der ganzen Welt von den Verlusten und Schäden, über die in den Nachrichten berichtet wurde, von den hungernden Überlebenden und den Toten, von meinem Onkel und unseren Verwandten, die zu diesem Zeitpunkt noch vermisst wurden. Er rief die Teilnahmslosen und Leugner des Klimawandels dazu auf, ihren Elfenbeinturm zu verlassen und mit eigenen Augen zu sehen, was von der Heimatstadt meines Vaters noch geblieben war. Und als Zeichen der Solidarität mit unserer leidenden Bevölkerung begann er zu fasten. Nachdem ich den Sturm überlebt hatte, entschloss ich mich, fortan zumindest eine kleine Stimme für diejenigen zu sein, die nicht gehört werden.

Ich schloss mich Yeb auf seiner Reise an, der Welt von den schrecklichen Erlebnissen nicht nur in Tacloban, sondern im globalen Süden überhaupt zu berichten. Und zwar nicht nur von Supertaifunen, sondern auch von Dürren, Hitzewellen, dem steigenden Meeresspiegel, sterbenden Korallenriffen und anderen Auswirkungen des Klimawandels. Auf meinem gemeinsamen Weg mit Yeb habe ich meinem verstorbenen Freund gelobt, der Welt davon zu berichten, dass es ihn gegeben hat. Dass sein Name Agit Sustento war und dass der Klimawandel eine Tatsache ist, ebenso wie sein Leben und sein Tod eine Tatsache sind.

Auswirkungen des Klimawandels

Auf den Philippinen ist der Beginn des Septembers aus zwei ganz unterschiedlichen Gründen von großer Bedeutung. Er leitet zwei sehr verschiedene Jahreszeiten ein: die Weihnachtszeit, die auf den Philippinen bereits im September mit den ersten Festvorbereitungen beginnt, und die Zeit der Supertaifune. Ersteres macht die Menschen fröhlich und die Stimmung feierlich, während Letzteres auf die jüngsten Verhängnisse verweist. Vom Taifun Ketsana 2009, der die Hauptstadt Manila zum Erliegen brachte, als der Regen eines Monats in nur sechs Stunden vom Himmel fiel, bis zum Supertaifun Meranti, der die nördlichen Inseln der Philippinen am 15. September 2016 mit Windgeschwindigkeiten von mehr als 305 km/h traf und von Taiwan bis in den Süden Manilas zu spüren war. Zwischen diesen beiden Ereignissen und bei einem Anstieg von 0,8 °C der globalen Durchschnittstemperaturen gab es Megi in 2010, Washi in 2011, Bopha in 2012, Haiyan in 2013, Hagupit in 2014, Koppu in 2015 und mindestens 175 weitere Wetterereignisse, die von tropischen Tiefs über starke Südwinde bis zu tropischen Stürmen und Supertaifunen reichten. Traurig, aber wahr, mindestens 175 in den vergangenen 7 Jahren.

A. G. Saño wird im März 2017 als Klimabotschafter zu Gast in Deutschland sein und auf Veranstaltungen über seine Erfahrungen mit dem Klimawandel auf den Philippinen berichten, insbesondere über die steigenden Gefahren durch immer heftigere Taifune.

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