In einem Blogbeitrag auf der Webseite der Global Partnership for Education erklärt die Geschäftsführerin von Oxfam International, Winnie Byanyima, warum die soziale Ungleichheit weltweit außer Kontrolle gerät und Bildung eine Schlüsselrolle dabei zukommt, diese Verhältnisse zu verändern. Der Beitrag ist im englischen Original am 12. November erschienen und wird hier auf Deutsch dokumentiert.

Die soziale Ungleichheit weltweit wächst, die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer weiter: Das bestätigen Wissenschaftler/innen und Meinungsführer/innen rund um den Globus. Diese Entwicklung können auch wir bei Oxfam in den mehr als 90 Ländern beobachten, in denen wir aktiv sind. Chancen, Macht und Geld konzentrieren sich in den Händen von wenigen Menschen auf Kosten der großen Mehrheit. Seit der Finanzkrise hat sich die Anzahl der Milliardäre mehr als verdoppelt.

Besser gleich: Schließt die Lücke zwischen Arm und Reich

In unserem neuen Bericht “Even it Up: Time to End Extreme Inequality” wird deutlich, dass extreme soziale Ungleichheit nicht naturgegeben ist. Sie ist das Ergebnis einer Politik, die Vermögende bevorzugt und Regeln zu ihrem Wohl setzt. Es gibt einige Hebel, die wir umlegen müssen, um die Schere zwischen Arm und Reich zu schließen.

Ein wichtiger Schritt hin zu Chancengleichheit ist die Investition in universelle, gebührenfreie, öffentliche Grunddienstleistungen: Bildung, Gesundheit und soziale Sicherheit. Sie müssen für alle Menschen erreichbar sein – also auch und vor allem für die benachteiligsten. Ich bin davon überzeugt, dass Bildung Chancengleichheit fördert. Bildung befähigt Menschen, ein erfülltes, selbstbestimmtes Leben zu führen. Und sie spült „virtuelles Einkommen“ in die Kassen armer Familien.

Bildung führt zu Frieden und Wohlstand

Das Nobelpreiskomitee hat erst vor kurzem die Bedeutung von Bildung für den globalen Frieden und Wohlstand gewürdigt. Es ist vielleicht nicht der schnellste Weg, um die Spannungen zwischen unterschiedlichen Menschen und Kulturen zu lösen, aber doch der naheliegendste – indem man junge Menschen mit Wissen, der Fähigkeit zu kreativem Denken und dem Bewusstsein ausstattet, engagierte Weltbürger/innen zu sein.

Die Verleihung des Friedensnobelpreises an die Bildungschampions Kailash Satyarthi und Malala Yousafzai ist eine Anerkennung der Schlüsselrolle von Bildung und des Rechts aller Kinder und Jugendlichen in Frieden aufzuwachsen, zu lernen und vollwertige Mitglieder unserer Gesellschaft zu sein.

In den vergangenen 15 Jahren wurden beeindruckende Fortschritte auf dem Weg zu Grundbildung für alle gemacht: Millionen Kinder mehr als noch im Jahr 2000 besuchen heute eine Schule. Höhere Bildungsausgaben von Regierungen armer Länder, Unterstützung durch Geberländer und Schuldenerlasse haben in Kombination dazu beigetragen, dass eine Reihe von Ländern ihre Schulgebühren abschaffen konnte und dort nun auch die ärmsten Kinder Zugang zu Schule haben. Die Globale Bildungspartnerschaft GPE (Global Partnership for Education) hat eine entscheidende Rolle in diesem Prozess gespielt. In meinem Heimatland Uganda sind die Einschulungsraten nach der Abschaffung der Schulgebühren zwischen 1996 und 2003 um 145 Prozent gestiegen.

Trotz Fortschritten gibt es viele Baustellen

Fest steht aber auch: Es muss noch viel mehr passieren. Die Ausgaben der reichen Nationen für Bildung weltweit sind auf dem Sinkflug, die Qualität von Bildung ist und bleibt eine Herausforderung. In vielen Fällen haben Regierungen bereits ihre Investitionen in Bildung gestärkt. Doch sie sehen sich dem zunehmendem Druck ausgesetzt, öffentliche Bildungssysteme zu privatisieren – eine gefährliche Entwicklung. Bildung ist eine Grundaufgabe jeder Gesellschaft, durch Privatisierung wird die Erfüllung dieser Aufgabe ernsthaft bedroht.

Die wachsende Begeisterung für Privatschulen mit – zwar niedrigen, dennoch existenten – Schulgebühren ist kontraproduktiv und in höchstem Maße beunruhigend. Ein Beispiel: Eine Familie mit niedrigem Einkommen in Pakistan würde es 127 Prozent ihres Haushaltseinkommens kosten, wenn sie jedes ihrer Kinder zur Schule schicken würde.

Oxfams Empfehlungen

Um den Zugang zu Bildung für alle sicherzustellen, müssen Schulgebühren abgeschafft werden. Zusätzlich sind gezielte Investitionen nötig, um auch für marginalisierte Mädchen und Jungen gute Bildung zu gewährleisten. Um Bildungsgerechtigkeit herzustellen, empfiehlt Oxfam Regierungen und internationalen Institutionen:

  • gebührenfreie, gute, öffentliche Bildung für alle Menschen sicherzustellen, Schulgebühren abzuschaffen und andere finanzielle Hürden (z. B. Gebühren für Schulbücher und -uniformen) abzubauen.
  • gezielte Investitionen zu fördern, damit auch marginalisierte Mädchen und Jungen erreicht werden. Das umfasst auch den Abbau von kulturellen und sprachlichen Barrieren, geschlechtergerechte Einrichtungen (z. B. getrennte Waschräume), Sicherheitsvorkehrungen für Schulen und adäquate Lehrpläne. Außerdem müssen gesonderte Ressourcen in ländliche Gegenden und unterversorgte Bevölkerungsgruppen fließen – für gut ausgebildete Lehrkräfte und angemessene Einrichtungen.
  • nationale Pläne für Bildungsförderung umzusetzen, aus denen folgt, dass mindestens 20 Prozent der Haushaltsausgaben in Bildung fließen. Diese Ausgaben sollten sich auch positiv in der bilateralen Entwicklungszusammenarbeit der reichen Länder wiederspiegeln.
  • öffentliche Bildungssysteme durch direkte öffentliche Förderung zu stärken statt Privatschulen zu subventionieren.

Die Investition öffentlicher Mittel in gute Bildung für alle ist eines der mächtigsten Werkzeuge, das wir zur Hand haben, um die extreme soziale Ungleichheit weltweit zu beenden. Lasst es uns benutzen!

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