Kathmandu war schon sehr lange eine Katastrophe im Wartestand. Die dicht besiedelte Hauptstadt eines der ärmsten Länder der Welt liegt an den Hängen des seismisch anfälligen Himalaya-Gebirges. Das letzte große Erdbeben vor 81 Jahren kostete 8.500 Menschen das Leben und machte die Stadt fast dem Erdboden gleich. Am vergangenen Samstag kam es zu der lange befürchteten erneuten Katastrophe.

Zum ersten Mal kam ich 2007 nach Kathmandu, als ich dort meine neue Stelle bei Oxfam antrat. Zwei Jahre zuvor und 1.000 Kilometer weiter westlich entlang des Himalayas war ich mit Oxfam bereits Teil des internationalen Teams gewesen, das nach dem Erdbeben in Kaschmir humanitäre Hilfe leistete. Dort habe ich Städte gesehen, die von den sich verschiebenden tektonischen Platten unter der Gebirgskette ausgelöscht wurden. Damals wurden mehr als 75.000 Menschen getötet, 85.000 wurden verletzt und mehr als 3 Millionen verloren ihr Zuhause.

Nepal braucht mehr als akute Hilfe

Mit den frischen Erinnerungen an die Tragödie in Kaschmir im Kopf sah ich mich in Kathmandus staubigen Slums um. Beim Anblick der dürftigen Hütten und der stabileren, aber immer noch unsicheren Etagenwohnungen, der billig gebauten Wohnblocks und reich verzierten Tempel, die der Stadt ihren einzigartigen und farbenfrohen Anblick verleihen, war uns allen klar, welches Unheil ein großes Erdbeben hier anrichten würde.

Doch die unsichere geologische Lage war nicht das einzige Problem in Kathmandu, in der sich mehr als eine Million Menschen drängen. Die Hälfte der 28 Millionen Bewohner Nepals hat keinen Zugang zu ausreichenden sanitären Anlagen und lebt unterhalb der Armutsgrenze, jede/r Dritte davon in extremer Armut. All das war auch schon vor dem jüngsten Erdbeben der Fall. Weil es die wirtschaftliche und soziale Infrastruktur, die Menschen in reicheren Länder als selbstverständlich voraussetzen, in Nepal nicht gibt, ist das Land kaum in der Lage, mit einem solchen Unglück umzugehen. Viele Tausende Nepalesen werden nun umfangreiche Hilfe brauchen.

Seit langer Zeit benötigt Nepal dringend umfangreiche und nachhaltige Investitionen in seine Infrastruktur, damit die Bevölkerung besser vor Katastrophen wie dem jetzigen Erdbeben geschützt ist. Außerdem müssen Wirtschaft und Dienstleistungen gestärkt werden, damit der Staat und lokale Gemeinschaften eine stabile Grundlage haben, auf die sie zurückgreifen können. Die Herausforderung ist jetzt, die jetzt sicher kommende internationale Hilfe in Rettungs- und Wiederaufbaumaßnahmen zu investieren, die genau dazu beitragen.

Herausforderungen: Kommunikation und Infrastruktur

Dies schnell zu erreichen, wird nicht leicht. Während ich schreibe, bereiten sich viele meiner Kolleg/innen in Kathmandu mit den anderen Einwohner/innen auf die zweite kalte Nacht unter Sternen vor. Wegen der Nachbeben, die noch immer die zerstörte Stadt erschüttern, ist es zu gefährlich, unter einem festen Dach zu schlafen. Wir versuchen mit unseren Freund/innen und Mitarbeiter/innen in Kontakt zu kommen, doch die Telefon- und Internetleitungen sind zu schwach und häufig defekt. Ein paar alte Freunde mit Stromgeneratoren konnten sich über Facebook mit uns in Verbindung setzen und berichteten von der vergangenen schlaflosen Nacht mit vielen Nachbeben.

Miteinander zu kommunizieren ist für das Personal, das die Hilfsmaßnahmen koordiniert, von überragender Bedeutung. Daher steht zu befürchten, dass die Kommunikationsprobleme die Arbeit des medizinischen und technischen Personals stark beeinträchtigen werden. Unser Personal in Indien und in anderen Teilen der Welt könnte sofort losfliegen, um unser Länderteam und die traumatisierte Bevölkerung in Nepal zu unterstützen. In unseren Lagerhäusern in Großbritannien werden gerade Tonnen von Hilfsgütern für den Versand vorbereitet.

Doch der Flughafen in Kathmandu wurde geschlossen, Straßen und Brücken sind zerstört und Tonnen von Schutt versperren die Wege durch die nepalesische Hauptstadt. Wasserleitungen, Umspannwerke, Brücken, Kläranlagen – all diese Dinge sind stark beschädigt, so dass es bei Lebensmitteln, Wasser, Brennstoffen und Medizin sehr bald zu Engpässen kommen wird. Von heute an werden die Menschen auf Mahlzeiten verzichten und sich Unterstützung bei Familie und Freunden holen müssen. Manche werden in Regionen ziehen, die sie für sicherer halten und dort Lager errichten. Andere werden lieber bei ihrem Eigentum und den zerstörten Häusern bleiben und vielleicht auf vermisste Verwandte warten. Sie werden beginnen, ihren Besitz aus Not zu verkaufen und alle Lebensmittel, Bargeld und Habseligkeiten verbrauchen, nur um über die Runden zu kommen. Sie werden anfangen, sich etwas zu leihen und viele von ihnen werden sich schnell verschulden.

Aktionspläne und Katastrophenvorsorge

All diese Herausforderungen sind in Oxfams Programmplänen enthalten, um in solchen Situationen schnell und umfassend reagieren zu können. Unser Länderteam hat sich seit Jahren darauf vorbereitet.

Oxfam hat in den vergangenen Jahren viel Zeit, Anstrengungen und Ressourcen investiert und mit Partnerorganisationen in Nepal zusammengearbeitet, um entsprechende Programme für die Katastrophenvorsorge zu entwickeln. Diese vorbereitende Arbeit muss sich nun in den kommenden Tagen, Wochen und Monaten beweisen. Ich kenne viele unserer Partner aus der direkten Zusammenarbeit und weiß, dass sie sachkundig, gut vernetzt und engagiert sind. Die Abteilung Katastrophenmanagement des Nepalesischen Roten Kreuzes (NRCS) arbeitet in den Bereichen Such- und Rettungsaktionen, Erste Hilfe und Versorgung mit Unterkünften, Wasser und sanitären Anlagen; ebenso das Centre for Disaster Management. Das nepalesische Katstrophenvorsorgenetzwerk (DPNET) ist zu Information und Koordination tätig und auch mit dem National Centre for Earthquake Technology arbeiten wir zusammen. Oxfam hat ein beachtliches Netzwerk mit Dutzenden Partnerorganisationen, das unsere Arbeit vor Ort unterstützt.

Doch in der ersten Nacht nach dem Erdbeben haben natürlich auch die Frauen und Männer, die für diese Organisationen arbeiten, ebenso wie ihre Kinder draußen geschlafen. Die Herausforderung, die Hilfsmaßnahmen zu koordinieren ist für sie und die lokalen Behörden gewaltig.

Unterstützung durch die internationale Gemeinschaft

Nepal und Kathmandu wird vermutlich große internationale Sympathie erfahren. Regierungen und Bevölkerungen von Geberländern werden in großem Maßstab helfen wollen, besonders vor dem Hintergrund der umfangreichen medialen Berichterstattung. Großbritannien und die Commonwealth-Staaten sind historisch und geopolitisch mit Nepal verbunden. Auch ist das Land im Schatten von Mount Everest und Himalaya ein beliebtes Touristenziel und seine Gurkha-Soldaten sind weltberühmt. Wir erwarten, dass China, Indien, die Golfstaaten, die USA, Europa und Länder in Asien und Ostasien sowie im Pazifik viel spenden und sich verpflichten werden, der angeschlagenen Hauptstadt Nepals und seinen Bewohnern zu helfen.

In der Zwischenzeit aber werden die Menschen in Nepal – medizinisches Personal, Behörden, lokale Hilfsorganisationen und die betroffenen Gemeinden – versuchen, einander zu helfen und das Chaos und die Zerstörung überhaupt zu verstehen.

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