Ich hole diesmal etwas weiter aus: Am 1. November 1755 zerstörte eine drei Meter hohe Flutwelle an der Südküste Englands mehrere Fischerboote, Schiffe in den Häfen wurden von den Ankern gerissen. Das war der Londoner Times - schon damals ein vielbeachtetes Medium - in den Tagen danach eine kleine Meldung wert. Dass diese Flutwellen Ausläufer eines verheerenden Erdbebens und eines Tsunamis im Atlantik waren, die Lissabon zerstörten und bis zu 100.000 Menschenleben kosteten, wurde erst Wochen nach der Katastrophe bekannt.

Heute wäre das undenkbar. Aus den meisten Regionen der Erde erfahren wir durch die Medien in Echtzeit von Naturkatastrophen. In dieser Beziehung sind wir ein globales Dorf. Auch wenn die Helfer/innen etwa von Oxfam oft noch Tage brauchen, um Hilfsgüter in entlegene Regionen zu bringen, besonders wenn die Straßen zerstört sind.

Doch die Medien haben unseren Umgang mit Katastrophen grundsätzlich verändert. Und sie können noch viel mehr. Sie verändern Gesellschaften und treiben den Fortschritt voran. Ich habe dazu neulich auf dem Berlin Annual African Film & Media Festival 2013 einen Vortrag gehalten. Schaut man sich den Zuwachs an Medien in Afrika an, besonders den Zuwachs im Bereich der Sozialen Medien, so bedeutet dieser Zugang zu Informationen für viele Menschen einen großen Fortschritt. Informierte Menschen haben Entscheidungs-Alternativen, in Armut lebende Menschen können so von Möglichkeiten erfahren, sich aus ihrer Situation zu befreien. Es ist mir klar, dass sie dazu in Regionen leben müssen, wo es Radio, Fernsehen, Mobiltelefone oder das Internet gibt.  Programme müssen zu empfangen sein, Kurznachrichten per Handy bei den Empfängern ankommen (zum Beispiel Hinweise zum Schutz vor einer Cholera-Ansteckung im Falle einer Epidemie).

Medien als Motor für Demokratie

Aber neben diesen wichtigen Tipps bieten Medien Menschen die Möglichkeit, sich an gesellschaftlichen Prozessen aktiv zu beteiligen (etwas durch die Organisation von Demonstrationen während des Arabischen Frühlings….) oder zumindest durch Informationen an ihnen teilzuhaben. Oxfam unterstützt solche Initiativen wo es möglich ist. Mir fällt ein Beispiel aus Asien ein, wo in Indonesien im Rahmen des Projektes 'Ring for Change' die Mobilfunktechnologie genutzt wird, um Frauen in ländlichen Gebieten Zugang zu öffentlichen Medien und  der lokalen Verwaltung zu ermöglichen.

Auch in Uganda oder Sambia haben die Abkehr von einem diktatorischen System hin zu einem Mehrparteien-System sowie das Ende des Kalten Krieges den Sendern, Verlagen und neuerdings auch den Netzaktivisten neue Möglichkeiten eröffnet. Die Zahl der staatlich kontrollierten Medien nimmt ab, die der privaten nimmt zu. In Kenia ist im Rahmen dieser Entwicklungen sogar ein Trend hin zu lokalen Radio- und Fernsehsendern mit geringer Reichweite zu beobachten, der auch bisher isolierten oder marginalisierten Randgruppen eine Stimme gibt. Da sich nun allerdings viele dieser neuen privaten Sender, die sich überwiegend in den großen Städten angesiedelt haben, über Werbeinnahmen finanzieren müssen, muss ihr Programm unterhaltend  und weniger bildend sein.

Treffpunkt Kreuzung – ‚Makutano Junction‘

Doch auch Seifenopern im Stil von ‚Gute Zeiten – schlechte Zeiten‘ oder ‚Lindenstraße‘ sind nicht nur in Nigeria sehr beliebt, wo die Serie ‚Tinsel!‘ bereits 1.000 Folgen gesendet hat. Immer wieder  bringen sie aktuelle Probleme wie zum Rollenverständnis von Mann und Frau  unter. Sie finden damit ein Millionenpublikum. Meine Lieblingsserie in Kenia ist ‚Makutano Junction ‘ (übersetzt ‚ Treffpunkt Kreuzung‘), die in einer typischen kenianischen Kleinstadt spielt. Frauen, die auf dem Marktplatz hart für ihr tägliches Auskommen arbeiten, unterhalten sich. Über ihre kleinen Stände hinweg geht es um die nächste Ernte, die Finanzierung der Ausbildung für die Kinder, schwierige Beziehungen und vieles mehr. Es werden Punkte aufgegriffen wie Berufswahl, Sexualität und Beziehungen unter Jugendlichen, das Leben mit einer HIV Infektion oder AIDS, Alkohol, Schwangerschaft. Auch Menschenrechte und zivilgesellschaftliches Engagement spielen eine Rolle. Immer amüsant wie nachdenklich, manchmal durchaus kritisch und kontrovers. ‚Makutano Junction‘ diente in Großbritannien an Schulen als Vorbild und wurde zu Lernzwecken eingesetzt.

Das Angebot in ländlichen Regionen Afrikas ist derzeit zwar noch weit geringer als rund um die Städte, aber selbstgebrannte DVDs mit den beliebtesten Serien finden ihren Weg auch dorthin. Und wenn man sieht, wie die Entwicklung der Kommunikationstechnik voranschreitet und die Preise für Übertragungsmöglichkeiten immer weiter sinken, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch hier flächendeckend informiert werden kann. Wenn es dann gelingt, dass Menschen selbst in abgelegenen Regionen einerseits ihr lokales Programm gestalten, andererseits aber Zugang zu wichtigen nationalen oder internationalen Themen erlangen, ist ein weiterer Meilenstein in der Entwicklung sowie der Verbindung ganzer Kontinente erreicht.

Für Interessierte gibt es zu diesem spannenden Thema auch Bücher und Studien zu dem Thema.

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