Max Lawson von Oxfam Großbritannien ist derzeit in Cannes (Frankreich), wo sich diese Woche die Staats- und Regierungschefs der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer zum G-20-Gipfel treffen. In diesem Gastbeitrag über die gestrige G-20-Demonstration bloggt er über nackte Robin Hoods, prüde Briten und überraschenden kirchlichen Beistand:

Der Tag begann großartig, als wir in Nizza ankamen. Wir gingen direkt zum Startpunkt der Demonstration, wo uns 100 als Robin Hoods verkleidete Aktivistinnen und Aktivisten begrüßten. Genauer gesagt waren sie als „Robin des Bois“ verkleidet, wie es in Frankreich heißt. Wir schlossen uns ihnen an und marschierten hinter einigen fantastischen Trommlern her, die ebenfalls in dem mittlerweile berühmt gewordenen Grün gekleidet waren. Wir liefen ziemlich weit vorne am Kopf des Demonstrationszuges, der sich mit tausenden Menschen hinter uns durch die Straßen schlängelte. Die Demo wurde begleitet von einem starken Polizeiaufgebot. Einige unterhaltsame Anarchisten waren als Clowns verkleidet, aber die Atmosphäre war sehr positiv und friedlich. Die Robin Hoods kamen vor allem aus Frankreich, wurden aber unterstützt von Aktivistinnen und Aktivisten aus Spanien, Großbritannien, Deutschland und anderen Ländern.

Etwa eine halbe Stunde später kam der Demonstrationszug plötzlich zu einem abrupten Halt – zum Glück mitten im Sonnenschein. Rund 30 der Robin Hoods begannen unter großem Applaus einen Striptease, bis sie nur noch mit Unterwäsche und grünen Hüten bekleidet waren. Selbst der Zugführer eines vorbeifahrenden Zuges hatte seinen Spaß und pfiff mit dem Signalhorn – alle waren sehr gut gelaunt und ungemein europäisch. Überflüssig zu erwähnen, dass ich und der Rest der eher prüden britischen (und US-amerikanischen) Unterstützerinnen und Unterstützer lachend am Rand standen und zuschauten. Natürlich wollte ich meine französischen Freunde einfach nicht bloßstellen, indem ich meinen muskulösen Körper entblätterte und ihnen damit die Show stehlen.

Im weiteren Verlauf des Tages erreichten uns verschiedene Informationsschnipsel über den Fortschritt in der Diskussion um eine Finanztransaktionssteuer (FTS). Die entscheidende Beratung der Staats- und Regierungschefs wird nun voraussichtlich am Donnerstagnachmittag stattfinden, wo Bill Gates seinen Bericht zu innovativen Finanzierungsmechanismen für Entwicklung präsentieren wird. Vorher wird er sich dazu mit dem französischen Präsidenten Sarkozy treffen. Wie immer in diesen Tagen ist die große Unbekannte die Frage, in welchem Maße die Griechenland- und Eurokrise das Gipfeltreffen dominieren wird. Aber wir sind zuversichtlich, dass es einen Fortschritt geben wird.

Wir haben am Wochenende erfahren, dass Südafrika mittlerweile von einer FTS überzeugt ist. Das ist großartig. Heute haben wir einen exzellenten Meinungsartikel von der ehemaligen Entwicklungsministerin aus Deutschland gelesen, in dem sie Merkel aufruft, die Erlöse einer FTS für weltweite Armutsbekämpfung zu verwenden. Das deutsche Bündnis „Steuer gegen Armut“  hat eine fantastische Anzeige in der F.A.Z. veröffentlicht und gleichzeitig Finanzminister Schäuble 200.000 Unterschriften für eine FTS überreicht. Dieser hat erneut betont, dass Sarkozy die Einnahmen für Entwicklungszusammenarbeit einsetzen will und dass Deutschland dieser Idee gegenüber aufgeschlossen ist, wenn die Diskussion in diese Richtung geht. Das ist zwar keine bahnbrechende Zusage, aber ein Anfang. Jeff Sachs hat ebenfalls einen brillanten Meinungsartikel in der Huffington Post  geschrieben, in dem er kein gutes Haar an Obama lässt, weil dieser auf der Seite der Wall Street stehe. Auch in den zwei größten brasilianischen Zeitungen wird Sachs breiten Platz eingeräumt, für eine FTS zu werben.

Kurz bevor wir am Abend ins Bett gehen wollten, erreichte uns eine tolle Überraschung: In Großbritannien sprach sich der Erzbischof von Canterbury auf den Titelseiten des Daily Telegraph und der Financial Times für eine Robin-Hood-Steuer aus. Das hilft, den Druck auf Premierminister David Cameron zu erhöhen. Über 22.000 Briten haben in den letzten zehn Tagen an Cameron geschrieben und ihn aufgefordert, seine Meinung zu ändern und die FTS zu unterstützen. Es ist zwar unwahrscheinlich, dass er sich in der Frage bewegt, doch jeder Druck hilft.

Morgen werden wir bei unserer großen Robin-Hood-Aktion am Strand sein, wo Oxfam-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als G-20-Staats- und Regierungschefs verkleidet von Robin Hood verwöhnt werden. Wer hätte vor zwei Jahren gedacht, dass die Idee einer Robin-Hood-Steuer so populär wird und die Fantasie von so vielen Menschen auf der ganzen Welt beflügelt. Eine einfache Idee. Der Slogan der heutigen Demonstration brachte es gut auf dem Punkt: „Les peuples d'abord pas la finance!“, im Deutschen etwa: „Erst die Menschen, dann das Geld“.
 

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