Während des G-20-Gipfels in Cannes traten zwei Männer namens „Bill“ auf, die sich für die Einführung einer Finanztransaktionssteuer stark machen: Der Schauspieler Bill Nighy und den ehemaligen Microsoft-Chef Bill Gates. Max Lawson von Oxfam Großbritannien war dabei:

Letzte Nacht war kurz. Aber nach einem starken Kaffee und einer ordentlichen Schüssel “Special K”-Müsli, habe ich es mit dem Team ins Mediencentrum geschafft. Ein Leben auf der Überholspur! Als erstes trafen wir Bill Nighy, der in der Nacht angereist war und mit dem BBC-Frühstücksfernsehen für ein Interview verabredet war. Der Sendetermin um 8.10 Uhr war die „Prime Time des Morgens” und Bill war hervorragend – auf dem Dach des Medienzentrums mit Blick über die im Wind schaukelnden Luxusjachten im Hafen. Mein Highlight war der Moment als er sagte: „Natürlich werden die Banken London nicht verlassen. Vielmehr hat der ‚Economist’ geschrieben, dass einige es in der Schweiz probiert haben, aber zurück nach London gekommen sind, weil Genf so furchtbar langweilig war“. Bills Presseagentin Ciara hat zusätzlich den besten Spruch über den grässlichen Teppich im Medienzentrum gemacht indem sie sagte: “Oh mein Gott, das sieht aus als hätte jemand Kermit den Frosch umgebracht und gehäutet! Igitt!“

Vom Interview ging es zur Pressekonferenz ins Palm Beach Hotel, die ironischerweise in der “Casino Bar” stattfand. Wenn ich jetzt darüber nachdenke: Der G8-Gipfel im Mai hat in einem Casino stattgefunden, das Medienzentrum ist in einem  großen Casino – ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Das Hotel war reiner Kitsch: Große Statuen mit nackten, stattlichen Männer, die das Dach tragen. Die Pressekonferenz haben wir gemeinsam mit dem WWF, dem Internationalen Dachverband der Gewerkschaften (ITCU) und Vertreterinnen von Krankenschwester-Gewerkschaften aus aller Welt abgehalten. Besonders die Krankenschwestern in den USA waren in letzter Zeit großartig. Sie haben Zehntausende mobilisiert, die an der Wall Street demonstriert haben. Im Juni haben sie ein brillantes Bild benutzt, das die Freiheitsstatue im Rollstuhl am Tropf zeigt. Das Bild sagt alles: „Heilt Amerika, besteuert die Wall Street.“ Beeindruckend. Das ist es, worum es für mich bei der „Robin Hood Steuer“ geht: Solidarität zwischen einfachen Menschen in aller Welt, die einfach eine gerechtere Welt wollen und genug haben von der wachsenden Ungerechtigkeit und der Tatsache, dass die Schwächsten dafür bezahlen sollen, egal ob in Birmingham oder Burkina Faso. Bill ist richtig in Fahrt gekommen und ist buchstäblich mit den Krankenschwestern ins Bett gestiegen. Ein großartiges Bild!

Währenddessen beherrschte das Thema „Griechenland“ weiterhin die Agenda. Es ist ein großes Drama, dass immer wahrscheinlicher wird, dass ein Land die Eurozone verlassen könnte. Das Referendum ist zwar wahrscheinlich abgesagt. Papandreou war fast dabei, zurückzutreten, tat es dann aber doch nicht. Die wichtigen Tagesordnungspunkte wurden weitgehend ins Abseits gedrängt. Als Obama kam, mussten wir mitten auf der Straße warten, um seiner Wagenkolonne aus 20 großen importierter SUVs Platz zu machen. Er gab eine Pressekonferenz mit Sarkozy, in der beide sagten, dass sie in der Frage ihrer unterschiedlichen Ansätze zur Besteuerung des Finanzsektors Einigkeit anstreben würden – das könnte spannend werden.



Ein zweiter Bill versuchte ebenfalls sich bemerkbar zu machen, indem er viele Interviews zu dem Bericht gab, der am Nachmittag veröffentlicht wurde. Wie erwartet, machte Bill Gates deutlich, dass er eine Finanztransaktionssteuer (FTS) für realistisch hält, und dass, wenn sie eingeführt würde, die Einnahmen für Entwicklungszusammenarbeit ausgegeben werden müssen – dies sorgte für reichlich Berichterstattung. Bill hat es verstanden, die verschiedenen Zielgruppen für bestimmte Aspekte zu sensibilisieren: In der britischen Presse betonte er die Tatsache, dass Großbritannien bereits eine „Stamp Duty“ von 0,5 Prozent auf Aktien erhebt, was eine sehr erfolgreiche und im Moment auch eine der umfangreichsten Transaktionssteuern weltweit darstellt. Premierminister Cameron erwähnt dies nicht so gerne. Zugleich ermutigt Gates Frankreich, im Notfall auch alleine in dieser Angelegenheit voran zu gehen. Das ist brillant. 99 Prozent der Menschen werden von einem Vertreter der 0,001 Prozent unterstützt, das wirklich versucht, etwas zurück zu geben.

Ehrlich gesagt hatte ich den ganzen Tag ein eher ernüchterndes Gefühl. Wir waren sehr besorgt, dass trotz der fantastischen Kampagnenarbeit auf der ganzen Welt und trotz der vielfachen Befürwortung, unser Thema nicht wegen Uneinigkeit abgelehnt würde, sondern weil die gesamte Aufmerksamkeit von der Griechenland-Krise ablenkt würde. Damit wären zwei Jahre, in denen ich regelmäßig grüne Robin-Hood-Strumpfhosen getragen habe, überflüssig.

Mit dieser düsteren Stimmung besuchten wir die Pressekonferenz von Sarkozy um 18 Uhr. Es ging dabei fast gänzlich um die Krise in der Eurozone, erst ganz am Ende verkündete er, dass über die FTS diskutiert wurde. Trotz der Ablehnung einer Reihe von Ländern freute er sich bekanntzugeben, dass Brasilien und Argentinien eine Zustimmung zu einer FTS signalisiert haben und bereit seien, sich in einer „Allianz der Willigen“ zu engagieren. Deutschland und Spanien bekräftigten ebenfalls ihre Unterstützung. Das sind potenziell großartige Nachrichten und genau das, für was wir kämpfen. Dennoch bleibt es sehr vage und ungewiss, doch es gibt definitiv einen Lichtblick. Als wir zu Bett gingen, diskutierten die Verhandlungsführer noch über die FTS, mit kleinen Fortschritten. Wir drücken die Daumen.

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