Gedanken zum Weltfrauentag: Ein sehr persönlicher Blog

Marion Lieser, Geschäftsführerin von Oxfam Deutschland, schreibt zum Internationalen Weltfrauentag. Und darüber, warum es wichtig ist, sich an diesem Tag zu Wort zu melden – gerade angesichts der Vorfälle sexueller Ausbeutung durch Oxfam-Mitarbeiter.
Von Marion Lieser
Marion Lieser in Indien
Marion Lieser in Indien

Vor einigen Wochen hatte ich mir vorgenommen, zum Internationalen Weltfrauentag einen Blog zu schreiben. Einen Blog mit meinen Gedanken zu Machtverhältnissen und zur Ungleichheit zwischen den Geschlechtern – und wie dies mit meiner Arbeit zusammenhängt.

Dann erschienen die Berichte über sexuelle Ausbeutung von Frauen durch Oxfam-Mitarbeiter. Dass einige privilegierte Männer ihre Macht ausgenutzt haben und, statt in Krisensituationen Frauen beizustehen und zu schützen, das Gegenteil taten, trifft mich persönlich – als Frau – und in meiner Rolle als Geschäftsführerin von Oxfam Deutschland. Zwar betrafen die bekanntgewordenen Fälle nicht die Programmarbeit von Oxfam Deutschland, doch letztendlich stehe ich für den gesamten Oxfam-Verbund ein – im Guten wie im Schlechten. Und angesichts der erschütternden Medienberichte erschien es mir plötzlich unpassend, mich ausgerechnet zum Frauentag zu Wort zu melden.

Warum ich diesen Blog nun trotzdem schreibe? Weil ich denjenigen, die ihre Macht ausnutzen, nicht die zusätzliche Macht geben möchte, mich zum Schweigen zu bringen. Betroffenheit und Unsicherheit werden mich nicht davon abhalten, das toxische Machtgefälle zwischen Frauen und Männern, zwischen Arm und Reich, zwischen globalem Süden und globalem Norden weiter zu bekämpfen. Ich habe nicht viele Jahre meines Lebens damit verbracht, in Ländern wie Haiti zu leben und zu arbeiten sowie viele Frauen vor Ort in ihren Bemühungen um Selbstständigkeit und Unabhängigkeit zu unterstützen und dabei auch über Hintergründe sexualisierter Gewalt zu lernen, nur um jetzt zu schweigen!

„Sexskandal“ trifft es nicht

In der Medienberichterstattung waren verschiedene Überschriften zu lesen. Hängen geblieben ist wohl bei vielen das Wort „Sexskandal“. Was hier mitschwingt, ist etwas Anrüchiges und Reißerisches, weshalb der Begriff natürlich gern für Schlagzeilen genutzt wird. Doch dass Oxfam-Mitarbeiter in Krisengebieten Sex hatten, ist allein kein Skandal. Der Skandal ist, dass sie 2011 in Haiti und 2006 im Tschad ihre Macht missbraucht haben. Sie haben ihre privilegierte Position ausgenutzt, um Frauen in Notsituationen sexuell auszubeuten. Solch ein Verhalten zeugt von individueller Charakterschwäche, doch darüber hinaus ist es Ausdruck eines gesellschaftlichen Machtgefälles, das sexualisierte Gewalt, Ausbeutung und Belästigung ermöglicht.

Eine Frage der Macht

Dieses Machtgefälle prägt Politik, Rechtssystem, Wirtschaft und Zivilgesellschaft: Wer definiert wo welche Regeln, wer bestimmt Diskurse, wer sanktioniert Verhalten? Sexualisierte Gewalt, Ausbeutung, Belästigung und die Schlechterstellung von Frauen und Mädchen sind nach wie vor Teil unserer Gesellschaft.

Das müssen wir ändern, und dafür gilt es, Realitäten ins Auge zu sehen, die wir vielleicht lieber ignorieren würden. Dazu gehört, dass auch Nichtregierungsorganisationen, die sich für Menschenrechte, Gleichberechtigung und menschliche Würde starkmachen, nicht frei von ausbeuterischem Verhalten sind. Vermutlich wird dies so sein, solange es sexualisierte Gewalt und Missbrauch in der Gesellschaft gibt.

Ich kann deshalb nicht versprechen, dass sich Vorfälle wie die in Haiti 2011 bei Oxfam nicht wiederholen. Aber ich kämpfe dafür, dass sexualisierte Gewalt, Missbrauch und Ausbeutung in unserer Organisation keinen Platz haben, nie einen Platz hatten. Indem wir klipp und klar machen, welches Verhalten akzeptabel ist und welches nicht. Indem wir noch konsequenter alles tun, um Menschen in unserer Arbeit vor Übergriffen zu schützen. Indem wir weiter eine Kultur etablieren, in der Menschen sich trauen, Vorfälle zu benennen und zu melden, weil sie wissen, dass sie Unterstützung erfahren. Wir sind seit 2011 auf diesem Weg ein gutes Stück vorangekommen, doch am Ziel sind wir noch nicht.

Wir müssen weitermachen – noch intensiver und noch besser als zuvor!

Für mich ist klar, dass Oxfams Arbeit weitergehen muss, nicht zuletzt weil sich viele unserer Projekte gegen Gewalt und Unterdrückung richten, denen Frauen überall auf der Welt ausgesetzt sind. Zu diesem Zweck arbeiten wir weltweit mit großartigen Frauenrechtsorganisationen zusammen – von Südafrika, wo gleich mehrere unserer Partner gegen sexuelle Gewalt und Ausbeutung kämpfen, bis nach Tunesien, wo wir die Organisation LET dabei unterstützen, Frauen in die Politik zu bringen, um ihre Rechte durchzusetzen. Auch in unserer Nothilfe sind wir besonders um die Sicherheit von Frauen und Mädchen bemüht. So stellen wir in Krisengebieten beispielsweise nach Geschlechtern getrennte sanitäre Einrichtungen auf, damit die Frauen hier unter sich bleiben und sich besser vor Übergriffen schützen können. 

Nur wenn wir immer wieder auf Missstände aufmerksam machen und für Geschlechtergerechtigkeit eintreten, werden sich die Machtverhältnisse verschieben! Ich werde nicht schweigen, obwohl es sich anfühlt, als ob Oxfam, die Organisation, in die ich seit vielen Jahren mein Herzblut gebe, pauschal in der Kritik steht und jede Äußerung zum Minenfeld werden kann. Mit dieser Gefahr muss ich umgehen. Es wäre sicher einfacher, nichts zu sagen. Aber es wäre falsch! Gerade jetzt müssen wir weitermachen – noch intensiver und noch engagierter als zuvor!

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