Das Datum kann ich mir besonders gut merken, weil der 7. April auch der Geburtstag meiner Tochter ist. Geboren bei allerbester Gesundheit per Kaiserschnitt unter optimalen medizinischen Bedingungen in einem deutschen Krankenhaus. Versorgt von gut ausgebildeten Ärzten und Krankenschwestern. Für Millionen von Müttern und ihre Neugeborenen nicht selbstverständlich, wie ich aus jahrelanger Arbeit mit Gesundheitsprojekten in Entwicklungsländern weiß.

Täglich sterben über 800 Frauen an den Folgen von Schwangerschaft und Geburt – 99 Prozent von ihnen in Entwicklungsländern. 5,9 Millionen Kinder weltweit haben 2015 ihr fünftes Lebensjahr nicht erreicht. Weil Gesundheitsdienstleistungen nicht verfügbar, nicht zugänglich oder nicht erschwinglich sind.

Die Babys im Bauch der Frau bewegen sich noch, aber das Personal will nicht helfen – weil die Familie nicht bezahlen kann.

Ich habe im Laufe der Jahre viel über die mangelhaften sexuellen und reproduktiven Rechte von Frauen erfahren, bin Zeugin trauriger und bewegender Geschichten zur medizinischen Versorgung von Frauen geworden: zwölfjährige schwangere Mädchen, die die Schule abbrechen müssen; Schwangere, die keinerlei Zugang zu Geburtsvorsorge haben und nie einen Arzt sehen werden. Frauen, die ihre Kinder unter den schwierigsten Bedingungen gebären: zu Hause, auf der Straße oder in einer dürftig ausgestatteten Gesundheitsstation. Oder auf dem viel zu langen Weg zur nächsten Gesundheitseinrichtung sterben. Frauen, die nicht verhüten können oder dürfen – weil ihre Männer über Zeitpunkt und Anzahl der Schwangerschaften entscheiden. Solche, die ihr ganzes reproduktives Leben lang schwanger sind – eine davon, die 20 Kinder geboren hat. Und viele, die kleine Kinder aufgrund mangelnder medizinischer Versorgung und Behandlung verloren haben.

Aber eine tragische Geschichte aus Kamerun, die sich kürzlich über soziale Medien verbreitete, hat mich ganz besonders entsetzt: Eine mit Zwillingen hochschwangere Frau wird wegen Komplikationen von ihrer Familie in ein Krankenhaus in Douala gebracht. Im Taxi verliert sie das Bewusstsein, stirbt kurz vor der Tür der Entbindungsstation. Die Babys im Bauch der Frau bewegen sich noch, aber das Personal will nicht helfen – weil die Familie nicht bezahlen kann. In einem verzweifelten Versuch die Kinder zu retten, improvisiert eine Familienangehörige auf den Treppen vor dem Eingang des Krankenhauses einen Kaiserschnitt mit einer Rasierklinge. Ein Baby ist bereits tot, das andere stirbt kurz danach. Das Krankenhauspersonal sieht zu.

Ich kann, will nicht glauben, dass diese Geschichte wahr ist! Wie kann es möglich sein, dass drei Menschen sterben müssen, weil sie kein Geld haben, um für medizinische Hilfe zu bezahlen? Wieso muss eine Frau überhaupt für Geburtshilfe bezahlen? Wie kann es sein, dass Ärzte Hilfe verweigern?

Das öffentliche Gesundheitssystem ist für reiche Leute.
Bertrand Pfouminzhouer, Kamerun

Ich schreibe sogleich Projektpartnern in Kamerun, will wissen, ob sich diese Geschichte wirklich so ereignet hat. Die traurige, erschreckende Antwort: ja, das ist so passiert.

„Was dieser schwangeren Frau passiert ist, das ist die tägliche Realität für viele Kameruner. Jede Familie hat diese Art von Problemen schon erlebt. Die Frau konnte sich die notwendigen Geburtsvorsorge-Untersuchungen aufgrund der Gebühren nicht leisten, ihre Schwangerschaft wurde nicht ausreichend überwacht. Viele Ärzte verlangen in unserem Land auch für Untersuchungen Geld, die eigentlich kostenfrei sein sollten“, schreibt mir Bertrand Pfouminzhouer zurück.

„Das öffentliche Gesundheitssystem ist für reiche Leute. Das medizinische Personal ist nicht motiviert und die Arbeitsbedingungen sind schlecht. Als die Familie mit der Frau am Krankenhaus ankam, sahen die Krankenschwestern gerade eine beliebte Fernsehserie. Niemand kümmerte sich. Bei entsprechender Initiative des Personals hätte die Frau vielleicht gerettet werden können.“  Bertrand berichtet von ähnlichen Geschichten. Von Menschen, denen medizinische Hilfe verweigert wird, weil sie nicht dafür bezahlen können. Und die an den Folgen der Krankheiten sterben.

Aber damit nicht genug. Einige Tage später erzählt mir sein Kollege Anicet, dass gegen die Familienangehörige der Frau, die versucht hat, Leben zu retten, ermittelt wird und sie für ihr Vorgehen bestraft werden soll. Von den Ärzten, vor deren Augen sich das alles abgespielt hat und die nicht geholfen haben, ist bislang keine Rede –  der Gesundheitsminister hat zwar eine Untersuchung angeordnet, aber auch verlauten lassen, dass sich das Gesundheitspersonal nichts habe zu Schulden kommen lassen.

Und die Rede ist auch nicht von dem wahrhaft Schuldigen dieser Tragödie: dem unterfinanzierten, defizitären kamerunischen Gesundheitssystem und den ungerechten Zugangsbedingungen. Die gilt es zu bekämpfen!  Die Müttersterblichkeit in Kamerun ist mit 690 pro 100.000 Lebendgeburten alarmierend hoch (zum Vergleich: in Deutschland sterben 7 von 100.000 Müttern durch Komplikationen bei der Schwangerschaft und Geburt) und liegt deutlich über dem afrikanischen Durchschnitt, die Kindersterblichkeitsrate bei unter Fünfjährigen ist unter den höchsten 20 der Welt.

Alle Menschen müssen weltweit Zugang zu umfassenden, guten Gesundheitsdienstleistungen haben – ohne dabei in Armut zu verfallen. Niemand darf sterben, weil Gesundheit nicht bezahlbar ist. Die internationale Gemeinschaft muss dringend mehr Mittel zur Verfügung stellen und die Partnerländer beim Aufbau und der Finanzierung funktionsfähiger Gesundheitssysteme unterstützen. 

Daran denke ich jedes Jahr, wenn ich mit meiner Tochter Geburtstag feiere. Und dass es leider eben nicht selbstverständlich ist, dass – wie in unserem Fall – bei der Geburt gleich mehrere Ärzte zur Stelle waren.

3 Kommentare

Man muss dringend daran arbeiten, das diese Menschen verstehen für sich selbst und ihre Kinder (auf Lebenszeit!) einzustehen!!!

Es kann nicht sein, das sich derart reproduziert wird ohne sich über die Folgen klar zu sein oder gar wissentlich in Kauf nimmt!

Die Religionsführer handeln mit der Abstrafung von Verhütungsmitteln fahrlässig und sind direkt am Tod Tausender beteiligt...

In einem Land, dessen Bevölkerung über 40 Prozent aus unter 15-Jährigen besteht könnte adaptiert auf Europa auch hier nicht ausreichend versorgt werden... eine derartige Geburtenschwemme trägt kein Gesundheitssystem!

In der Tat geht die hohe Müttersterblichkeit in Kamerun Hand in Hand mit hohen Geburtenraten. Die Ursache dafür liegt auch hier in dem fragilen, unterfinanzierten Gesundheitssystem – insbesondere in dem mangelnder Zugang zu und der geringen Verfügbarkeit von Beratung, Verhütungs- und Familienplanungsmitteln. Hinzu kommt die große Geschlechter-Ungleichheit in der kamerunischen Gesellschaft: Frauen sind wenig selbstbestimmt, oft entscheiden nicht sie über die Zahl der Kinder, sondern die Männer. Sie haben weniger Zugang zu Bildung und sind oft wirtschaftlich abhängig. Aufklärung, Sensibilisierung und Information sind deshalb essentiell – und dafür bedarf es auch einem guten Bildungssystem. Auch das ist in Kamerun nicht vorhanden. Das Land investiert nur rund drei Prozent seines BIP in Bildung und liegt damit noch deutlich unter dem Durchschnitt der Subsahara-Länder. Über 40 Prozent der Bevölkerung hat keine formale Ausbildung und eine unvollständige Grundschulausbildung. Sie sehen, ein fataler Kreislauf.

Immerhin ist die Bevölkerung in Kamerun seit jahrzehnten stark gewachsen, auch das Pro-Kopf Einkommen hat sich sehr erhöht. Aber, wie viele afrikanische Länder ist in Kamerun die Korruption weite verbreitet. Das bedeutet, dass (geld-) Mittel nicht dort ankommen, wo sie hingehören. Das bedeutet, dass Arme die einen Job und Befugnisse haben, den ganz Armen etwas wegnehmen, weil sie gegen Bestechung es Reicheren geben können. Mit einem Gesundheitssystem für Reiche hat das nichts zu tun, sondern mit Kriminalität.
Wohlstand kann nur durch Investitionen in wertschöpfende Bereiche erfolgen.

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