Global Soil Week: Losing Ground? Ja, aber Veränderung ist möglich!

Von Marita Wiggerthale
Global Soil Week 2013: Losing Ground? © Agentur Standart
Global Soil Week 2013: Losing Ground?

Es ist ein schreckliches Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren, nicht wahr? Angst, Unsicherheit und Verzweiflung machen sich breit. In Entwicklungsländern ist dies sprichwörtlich bittere Realität. Investoren nehmen, häufig mit der Unterstützung von Regierungen, Kleinbauern und Kleinbäuerinnen, Nomaden und Indigenen von heute auf morgen ihr Land weg. Ohne sie zu fragen, ohne sie zu informieren, zumeist auch ohne sie dafür zu entschädigen. Aber es gibt auch den schleichenden Prozess. Böden werden unfruchtbar, versiegelt oder kontaminiert. „Losing Ground?“ war deswegen das Motto der diesjährigen „Global Soil Week“.

Armutsursache: Land, Wasser und Böden

Armut hat ein ländliches und ein weibliches Gesicht. Sie ist vor allem in Regionen anzutreffen, in denen Kleinbauern und Kleinbäuerinnen einen geringen Zugang zu Land und Wasser haben und wo die Bodenfruchtbarkeit sehr gering ist. 42 Prozent der Ärmsten und 32 Prozent der Armen leben in Gebieten mit niedriger Bodenfruchtbarkeit. Die landwirtschaftliche Fläche, die von Dürren betroffen ist, wird von heute 10 Prozent auf 40 Prozent in einer 3-4 Grad klimaerwärmten Welt steigen. Dabei erfolgt 97 Prozent der Nahrungsmittelproduktion im Regenfeldbau.

Die Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit und der Wasserhaltefähigkeit von Böden durch agrar-ökologische Anbauverfahren zahlt sich dreifach aus: Sie verbessert die Ernährungssituation, fördert die Anpassung an den Klimawandel und reduziert den Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden. Auf der anderen Seite ist ein verantwortungsvolles Landmanagement („responsible land governance“) inkl. Agrarreformen ein zentrales Element, um die Lebenssituation von Kleinbauern und Kleinbäuerinnen zu verbessern. Der Zugang zu und die nachhaltige Bewirtschaftung von Böden sind entwicklungspolitisch von enormer Bedeutung. Es ist deswegen gut, dass auch das Entwicklungsministerium (BMZ) die „Global Soil Week“ unterstützt.

Grüne Revolution versus nachhaltiges Bodenmanagement

Am Dienstagvormittag gab es im Workshop „Sustainable Soil Nutrient Management in Sub-Sahara Africa“ eine sehr lebendige Debatte über den Einsatz von Düngemitteln. „Afrika braucht eine Grüne Revolution“. Das haben die afrikanischen Länder im Juni 2006 auf einem „Düngemittelgipfel“ beschlossen (siehe Abuja-Erklärung). Das Ziel ist, den Einsatz von Düngemitteln von acht Kilogramm pro Hektar auf 50 Kilogramm pro Hektar im Jahr 2015 zu erhöhen. Die Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika (AGRA) ist die treibende und bestimmende Kraft dahinter. Sie gehört zu den „wichtigsten Stiftungspartnern“ der Gates-Stiftung in Afrika. Fördervolumen, 380 Millionen US Dollar. Auch die FAO ist eng mit AGRA verbandelt. Erschreckend viele Akteure in Afrika unterstützen diesen Ansatz, nicht nur das Agrobusiness.

Johannes Kotschi, Autor der Studie „Bodenlos“, verwies hingegen darauf, dass im weltweiten Durchschnitt der Stickstoffanteil mit 74 Prozent doppelt so hoch wie erforderlich ist – mit katastrophalen Folgen für Umwelt, Bodenfruchtbarkeit und Klima. Synthetische Stickstoffdünger, die überwiegend auf Ammoniakverbindungen basieren, beschleunigen die Bodenversauerung dramatisch. In stark versauerten Böden ist die Verfügbarkeit von Nährstoffen, vor allem von Phosphat, eingeschränkt. Auch das Leben von Mikroorganismen im Boden ist stark beeinträchtigt; die Bodenproduktivität insgesamt geringer.

Von einer „weisen“ oder gar „balancierten“ Anwendung von Düngemitteln, wie die Düngemittelindustrie und die FAO behaupten, kann also keine Rede sein. Hier läuft etwas grundlegend falsch! Problematisch ist vor allen Dingen, dass dieser starke Düngemitteleinsatz auch noch durch Subventionen gefördert wird. In einzelnen afrikanischen Ländern beanspruchen die Subventionen bis zu 70 Prozent der im Agrarhaushalt eingestellten Mittel! Diese Gelder könnten an anderer Stelle, zum Beispiel für nachhaltiges Land- und Wassermanagement oder für Kleinbauern und Kleinbäuerinnen wesentlich sinnvoller ausgegeben werden. Profiteure sind die Düngemittelindustrie, die Händler und die Transporteure. Problematisch ist aber auch, dass es keine Strategie zur nachhaltigen Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit gibt. Sie müsste an erster Stelle einer Abuja 2 – Erklärung im Jahr 2014 stehen.

Partnerschaften für verantwortungsvolles Landmanagement

Am Mittwochmorgen ging es um die G8-Partnerschaften im Landbereich. Die britische G8-Präsidentschaft wollte in diesem Jahr eine Landtransparenzinitiative auf den Weg bringen. Die ersten Pläne stellten die Interessen von großen Investoren in den Mittelpunkt. Deutsche Entwicklungsorganisationen hatten sich deutlich dagegen ausgesprochen. Transparenz alleine reicht nicht aus! Am Ende wurden Partnerschaften von G8 Ländern mit sieben afrikanischen Ländern ins Leben gerufen. Diese Länder sind: Burkina Faso (USA), Süd-Sudan (EU), Namibia (D), Nigeria (UK), Tansania (UK), Niger (EU) und Senegal (F). Ihr Ziel: Die Umsetzung der freiwilligen Leitlinien zu Land inkl. Verbesserung der Transparenz.

Tansania gilt neben Burkina Faso als sehr vorbildliches Land. Das ist zu bezweifeln. Immerhin hat Tansania mit seinem Wachstumskorridor SACGOT die Landmärkte für große Investoren geöffnet. Der tansanische Vertreter berichtete von einem großen Interesse an Land seitens der Investoren, von Voraussetzungen, die komfortabel für Investoren sind und von der Veröffentlichung von Landflächen. Gleichwohl zeigte er sich etwas unzufrieden mit der britischen Einflussnahme, räumte Konflikte ein und erklärte, dass Tansania davon profitieren müsste. Doch profitieren davon marginalisierte und vulnerable Gruppen? Wohl kaum.
Das Land wird registriert, aber es ist unklar, wie und ob Gemeinden und betroffene Gruppen involviert sind. Es gibt das große Interesse von Investoren, aber von Verpflichtungen von Investoren war keine Rede. Landkonflikte bestehen, auch unter einheimischen Nutzern, aber ein nationaler Beschwerdemechanismus ist scheinbar nicht vorgesehen. Gleichwohl gibt es Tribunale auf lokaler Ebene, aber deren Kapazitäten scheinen begrenzt zu sein. Positiv könnte sein, dass es auf lokaler Ebene eine Flächennutzungsplanung geben soll.

Anna Locke vom ODI hat verschiedene Transparenzinitiativen untersucht. Wichtige Faktoren sind: Umfassende Konsultation und Partizipation von Betroffenen; klare Erfolgsindikatoren festlegen und Monitoring-Systeme einrichten; Bereitstellung von hochwertigen Daten, die leicht verfügbar sind; klare institutionelle Strukturen. Sergio Sauer aus Brasilien verwies darauf, dass Land weit mehr als ein Produktionsmittel ist (sozial, kulturell etc.). Transparenz sei nicht gleichbedeutend mit dem Recht auf Informationen. In Brasilien gebe es einen wöchentlichen Newsletter mit Informationen zu Landkäufen. Dadurch werde die Spekulation angeheizt und die Landpreise stiegen. Jennifer Franco vom Transnational Institute verwies insbesondere auf das Recht, bestehende Verträge zu überprüfen. Die Konsultation von marginalisierten, vulnerablen und armen Gruppen sei unerlässlich. Zudem müsse man akzeptieren, dass Landkauf-Projekte auch abgelehnt werden.

Zugang zu Land muss häufig erkämpft werden

Die freiwilligen Leitlinien zu Land sind ein wichtiges Instrument, um die Landpolitiken zu verbessern. Aber in der Realität muss der Zugang zu Land oft bitter erkämpft werden. Beispiel Guatemala: Dort besitzen acht Prozent der Bauern knapp 80 Prozent der Agrarfläche. Ende März 2011 wurden 769 Familien im Polochic-Tal vertrieben. Der Grund: Zuckerplantagen für die Herstellung von Agrosprit für den europäischen Markt. Im Oktober 2013 haben jetzt die ersten 140 Familien neues Land erhalten. Ein Erfolg der Bauernorganisation CUC, dem Kleinbauernverband La Via Campesina und der internationalen Kampagne von Oxfam und vieler anderer. Menschen aus 55 Ländern haben diese Kampagne unterstützt. Wenn Menschen sich gemeinsam gegen Unrecht wehren, gibt es die Hoffnung auf Gerechtigkeit, Hoffnung auf Veränderung! Das habe ich in der Podiumsdiskussion am Mittwochnachmittag deutlich gemacht, als es um „Creating Pathways for Societal Change“ ging. Die Polochic-Kampagne hat aber auch gezeigt, dass es Regierungen braucht, die Landprobleme lösen wollen. In diesem Sinne ist es ein gutes Zeichen, dass 195 Regierungen die freiwilligen Leitlinien zu Land verabschiedet haben. Aufgabe der Zivilgesellschaft ist es, sie beim Wort zu nehmen und sie daran zu erinnern, dass Worten nun Taten folgen müssen.

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