„Spekulation mit Nahrungsmitteln lässt die Preise explodieren, Millionen von Menschen in armen Ländern treibt das in Hunger und Armut“ – Mit diesem Satz macht sich Oxfam Deutschland am Ende des aktuellen Kampagnenspots gegen Nahrungsmittelspekulation stark. Doch was bedeutet das eigentlich? Wie wirken sich steigende Nahrungsmittelpreise wirklich auf das Leben von Millionen Menschen aus?

Laut dem Welternährungsprogramm braucht der Mensch rund 2100 Kilokalorien am Tag. Nimmt man über einen längeren Zeitraum weniger Kalorien zu sich, gilt man als „unterernährt“. 925 Millionen Menschen weltweit fallen in diese Kategorie. Doch Hunger ist viel komplexer als die Summe der täglich zur Verfügung stehenden Nährwerte. In vielen Teilen der Erde gibt es genügend Nahrungsmittel, jedoch können arme Menschen sie aufgrund ihres geringen Einkommens nicht bezahlen. In der Oxfam Studie zum Thema Nahrungsmittelspekulation, kommen die Betroffenen zu Wort. Ihr Einkommen ist in den letzten Jahren gleichgeblieben oder gesunken, gleichzeitig stiegen die Preise für Grundnahrungsmittel teilweise um über 100 Prozent.

Ungesunde Folgen

Wenn die Preise steigen, ändern viele Familien in armen Ländern zunächst ihre Ernährungsgewohnheiten. Sie versuchen, preiswertere Nahrung zu kaufen; verzichten auf Fleisch oder sammeln Essen in ihrer Umgebung, für das sie nicht bezahlen müssen. Die Umstellung der Ernährung führt zu einer weniger nahrhaften Versorgung der Familien und erfordert weitere Wege oder längere Kochzeiten.

Eine andere Strategie, um steigende Nahrungsmittelpreise auszugleichen, ist das Einsparen zusätzlicher Ausgaben. So werden Arztbesuche verschoben und Anschaffungen, beispielsweise für neue Kleider, zurückgestellt. Investitionen in den Ausbau und die Stabilisation bestehender Einkommensquellen können nicht aufgebracht werden. Wenn man nichts mehr einsparen kann, werden Besitztümer wie Land oder Vieh verkauft. Das ist besonders schlimm, da die Familien so ihre Einkommensgrundlage dauerhaft verlieren.

Neben den vielen Abstrichen, die Familien machen müssen, haben sie vor allem mit dem psychischen Stress zu kämpfen. Die tägliche Sorge genug zu verdienen, um Essen zu kaufen, wirkt sich gravierend auf das Wohlergehen der Familien aus. Oft steigt die Rate der innerhäuslichen Gewalt, nicht nur zwischen Männern und Frauen, sondern auch zwischen Müttern und deren Kindern. Stress lässt sich nicht messen und stellt somit eine am wenigsten berücksichtigten Folgen von steigenden Nahrungsmittelpreisen dar.

Bildung geht vor

Interessanterweise, wird aber fast immer versucht, das Schulgeld für die Kinder weiterhin zu bezahlen. Nur mit der notwendigen Grundbildung besteht eine Chance für die nächste Generation der Armut zu entfliehen. Das Wissen darum wiegt schwer. Um die Kinder ausreichend zu versorgen, opfern insbesondere viele Frauen ihr eigenes Wohlergehen. Eine Frau aus Kenia berichtet: „Wir haben ja Kinder. Wir gehen lieber ohne Essen aus dem Haus, damit unsere Kinder zu essen haben.“

Worauf müssen Menschen hierzulande verzichten, wenn die Nahrungsmittelpreise steigen?

2 Kommentare

<p>Ich habe auch jahrelang geglaubt, dass Finanzspekulationen einen verehrenden Einfluss auf Nahrungsmittelpreise haben, durch Sätze wie diese „Spekulation mit Nahrungsmitteln lässt die Preise explodieren, Millionen von Menschen in armen Ländern treibt das in Hunger und Armut“</p>

<p> – Mit diesem Satz macht sich Oxfam Deutschland am Ende des aktuellen Kampagnenspots gegen Nahrungsmittelspekulation stark."- was mich jedoch schockiert, ist das diese Annahme keinesfalls gesichert ist- und in ihrer Transportierung zu den Massen einer vereinfachten Marketing und Kampagnensprache unterliegt.
</p>
<p>Darüber nachgedacht, dass dieser Zusammenhang garnicht so glasklar ist wie immer vorgegeben habe ich durch diesen Artikel:</p>
<p>http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/studien-von-foodwatch-und-oxfam-zu-welthunger-wirtschaftsethiker-wirft-ngo-schlampige-recherche-vor-1.1449948 </p>

<p>Auch schockierend ist, dass auch die NGO's diesen Zusammenhang garnicht klar benennen können, bzw. dies nicht einmal angeben, wie der hier zitierte Foodwatch kampagnenführer </p>
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"Selbst bei Foodwatch ist man sich nicht so ganz sicher, ob oder wie diese Finanzprodukte die Lebensmittelpreise beeinflussen. Für Foodwatch-Kampagnenführer Thilo Bode ist ein solcher Beweis auch gar nicht notwendig. "Nicht wir müssen die Schädlichkeit beweisen, sondern die Banken müssen deren Unschädlichkeit beweisen", fordert er. Das sei bei Giftmitteln schließlich auch so. Bis es Klarheit gibt, müssten die Banken rein als Vorsichtsmaßnahme auf derartige Produkte verzichten."</p>

<p>Sein Argument ist zwar einleuchtend, aber dann muesste die Kampagne den Leuten auch so präsentiert werden- Dass Banken die Unschädlichkeit beweisen müssen - und nicht, dass sie per se Verbrecher sind und in einem "verheerendem" Geschäft involviert sind welches Armut drastisch erhöht- dies ist die Aussage wie sie im Moment kommuniziert wird und die ist jedoch wie ich jetzt annehme- schlicht weg falsch. Korrigieren Sie mich falls sie damit nicht einverstanden sind aber das ist der Eindruck den ich jetzt gewonnen habe. </p>

<p>Während ich verstehe, dass gewisse vereinfachende Kampagnenslogans usw. nützlich und eventuell auch notwendig sind, denke ich trotzdem nicht, dass Leute für die eigenen Vorteile vor falsche Tatsachen gestellt werden können. </p>

<p>Hallo Antonia,</p>
<p> Danke für Deinen Kommentar. Du beziehst Dich auf den Artikel “Studien von Foodwatch und Oxfam zu Welthunger - Wirtschaftsethiker wirft NGO schlampige Recherche vor”, der in der Süddeutschen Zeitung vom 26.08.2012 erschienen ist.</p>
<p>Es ist keinesfalls eine von Oxfam entwickelte These, dass die massive Spekulation mit Agrarrohstoffen die Preise für Lebensmittel auf den Weltmärkten antreibt. Vielmehr beruft sich die Oxfam-Studie auf eine Vielzahl von wissenschaftlichen Analysen, die einen starken Einfluss der Spekulationsgeschäfte auf die Lebensmittelpreise finden. Dass Fundamentaldaten wie Angebot und Nachfrage keine hinreichende Erklärung für die Preisentwicklungen der letzten Jahre mehr bieten, wird auch von wichtigen internationalen Organisationen wie der Welternährungsorganisation FAO und anderen Einrichtungen der UN bestätigt. Selbst die Weltbank, die ja keinesfalls als börsenfeindlich eingestuft werden kann, kommt zu diesem Schluss.</p>
<p>Durch die exzessive Spekulation an den Warenterminmärkten werden kleine Preisbewegungen verstärkt und beschleunigt. Dies wirkt zurück auf die realen Märkte, auch ohne dass es zu einer physischen Verknappung von Rohstoffen kommt, denn die Preissignale des Terminmarkts dienen dem gesamten Handel als Referenz. Viele Produzenten orientieren sich zur Verhandlung von Verträgen an den Preisen der Terminbörsen. So führen die Preisausschläge an den Börsen zu realem Hunger in der Welt. </p>
<p>Durch die Möglichkeit, sich gegen zukünftige Preisrisiken abzusichern, erfüllen die Terminmärkte durchaus eine wichtige Funktion für Produzenten. Und um die nötige Liquidität zu gewährleisten, ist ein gewisser Anteil an Spekulanten als Gegenpartei sinnvoll. Deren Anzahl darf jedoch nicht so überhand nehmen, dass die Terminmärkte von Finanzspekulanten dominiert werden. Die Spekulationsgeschäfte haben sich in den letzten Jahren vervielfacht – 2011 entsprach das Volumen der gehandelten Weizenfutures an US-Börsen bereits mehr als dem 70-fachen der US-Ernte. Spekulationsgeschäfte in einer solchen Größenordnung sind eben nicht mehr normal, sondern zeugen von einer Finanzialisierung der Agrarmärkte. </p>
<p>Es gibt ausreichend Belege, die auf einen Zusammenhang zwischen Spekulationsgeschäften und schwankenden Lebensmittelpreisen hinweisen. Dies mag manchen Skeptikern nicht als zweifelsfreier Beweis dienen. Wenn jedoch nur die geringste Möglichkeit besteht, dass durch die Spekulation Millionen Menschen in den Hunger getrieben werden, sollte dies Grund genug sein, das Vorsorgeprinzip walten zu lassen und auf derartige Geschäfte zu verzichten. Schließlich geht es dabei ja, wie Herr Pies richtig erkennt, um Leben und Tod. </p>
<p>Christine Pohl, Mitautorin der Oxfam-Studie</p>

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