Seit über zwei Jahren tobt in Syrien ein blutiger Bürgerkrieg. Über 100.000 Tote hat er UN-Schätzungen zufolge bereits gefordert, 5.000 sind es weiterhin jeden Monat. Die mit Abstand meisten Opfer sind Zivilisten. Über acht Millionen syrische Männer, Frauen und Kinder sind außerdem dringend auf Hilfe angewiesen. Wenn der Krieg nicht gestoppt wird, wird sich diese Zahl bis Ende des Jahres vermutlich mindestens verdoppeln – mit unabsehbaren humanitären Folgen.

Am dringendsten benötigt wird jedoch eine politische Lösung für den immer tödlicheren Konflikt. Oxfam hat deshalb mit 14 weiteren internationalen Organisationen, darunter CARE, Welthungerhilfe und World Vision, einen öffentlichen Aufruf an die Präsidenten Obama und Putin gestartet, ihren Einfluss für ein Ende der Kämpfe und für einen tragfähigen Frieden einzusetzen.

Bei meiner Arbeit zum politischen Hintergrund der Syrienkrise bekomme ich immer wieder zwei Fragen gestellt: Ist angesichts der immer weiter eskalierenden Gewalt der Ruf nach Friedensgesprächen nicht naiv, und ist es angesichts der militärischen Überlegenheit des Assad-Regimes nicht vielmehr notwendig, die Rebellen mit Waffen zu versorgen, um ein Gleichgewicht der Kräfte herzustellen und damit überhaupt erst die Voraussetzung für Verhandlungen herzustellen? Es gibt leider keine Patentlösung für Syrien. Waffen zu liefern und damit die Kämpfe weiter anzuheizen, ist jedoch bestimmt keine. Sowohl die syrische Regierung als auch bewaffnete Rebellengruppen werden von der UNO schwerer Kriegsverbrechen beschuldigt – noch mehr Gewehre und Raketen würden mit großer Sicherheit vor allem Unschuldige treffen. Stattdessen sollten internationale Regierungen und Organisationen sich dafür einsetzen, alle Konfliktparteien an den Verhandlungstisch zu bringen. Denn ohne den stetigen Nachschub aus Russland, einigen Golfstaaten und bald vielleicht auch direkt aus den USA oder Europa wäre den Kriegsparteien schon längst Waffen und Munition ausgegangen – diesen Zufluss zu stoppen, wäre für sie ein viel stärkerer Anreiz, sich an den Verhandlungstisch zu setzen, als weitere Aufrüstung aus dem Ausland.

Der amerikanische Präsident Barack Obama und sein russischer Amtskollege Wladimir Putin haben Anfang Juni beim Treffen der G8 in Nordirland eine Friedensinitiative verkündet. Der Sonderbeauftragte der Vereinten Nationen und der Arabischen Liga für Syrien, Lakhdar Brahimi, hat sich ebenfalls dafür ausgesprochen, die vor über einem Jahr erfolglos abgebrochenen Verhandlungen in Genf wieder aufzunehmen. Dies ist im Augenblick die realistischste Chance, das Töten zu beenden. Der damals ausgearbeitete Plan für einen Friedensprozess könnte auch heute noch als Gesprächsgrundlage dienen. Damit sich am Ende aber nicht einfach die Machtinteressen einzelner Gruppen durchsetzen, müsste dort neben den Kriegsparteien auch die überwältigende Mehrheit der friedlichen  Syrer/innen eine Stimme bekommen. Speziell die Rechte von Frauen, Flüchtlingen und anderen gefährdeten Bevölkerungsgruppen dürfen nicht missachtet werden. Politiker wie Obama, Putin und die Regierungschefs der übrigen G8-Staaten müssen deshalb jetzt ihren Einfluss nutzen, um einen gerechten Frieden zu erreichen.

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