Was in den Ravioli steckt

Von Alfhild Böhringer
Fabrikarbeiterinnen

Wir alle kennen sie: Dosen gefüllt mit Ravioli und Tomatensoße. Beliebt beim Campen, wenn man keine Zeit hat oder einfach nichts Essbares in seinem Kühlschrank findet. Der Dokumentarfilm Canned Dreams, der am 13. Februar 2012 auf der Berlinale Premiere hatte, macht sich auf die Suche nach den Zutaten der Ravioli.

Das heißt: Schwein aus Rumänien, ein wenig Rind aus Polen, Getreide aus der Ukraine, Eier aus Frankreich, Tomaten aus Portugal und Oliven aus Italien. Die Ravioli werden in Frankreich verarbeitet und abgefüllt. Das Aluminium für die Dosen stammt aus Brasilien. Die finnische Regisseurin Katja Gauriloff hat alle diese Orte besucht.

An den Produktionsstätten hat sie verschiedene Menschen getroffen; sie zeigt ihre Arbeit und lässt sie von ihrem Alltag und ihren Träumen erzählen. Es sind Menschen, die kein einfaches Leben haben, die mit ihrem Schicksal hadern und hoffen, dass es ihre Kinder eines Tages besser haben werden. Die Arbeiter und Arbeiterinnen wirken passiv wie Räder in einem riesigen System.  Sie äußern sich kaum zu ihrer Arbeit. Nur einer der Interviewten sagt, er bete zu Gott, dass er ihm verzeihen möge für all die Schweine, die er jeden Tag tötet.

Mit teilweise sehr drastischen Bildern lenkt der Film die Aufmerksamkeit auf eines der drängendsten Themen unserer hochindustrialisierten Gesellschaft: Die Nahrungsmittelproduktion, die keinen Halt vor massivem Düngereinsatz, grausamen Schlachtungen, absurden Transportwegen und dem Abstumpfen der Menschen in den Produktionsstätten macht. Der Film spart nichts aus: einem Rind wird maschinell die Haut abgezogen, um es danach Schritt für Schritt in seine Einzelteile zu zerlegen. Den Schweinen ergeht es nicht besser. Ihr gequältes Quieken bleibt mir bis lange nach dem Film im Gedächtnis.

Diese Brutalität wird irgendwann zu viel. Es sind nur noch schockierende, verwirrende Bilder. Der Zuschauer verliert den Bezug zur Frage, was hinter den Produkten steht und wie sie miteinander zusammenhängen. Die Porträts der Angestellten werden mit jedem Mal trauriger, das System wirkt entrückt. So verliert der Film deutlich an Potenzial. Statt einer Aufforderung an die Verbraucher, bewusst zu entscheiden, was sie kaufen und was nicht, stößt der Film am Ende vor allem schlecht auf –  ein wenig wie die Dose Ravioli mit Tomatensoße.

 Oxfam unterstützt das Kulinarische Kino auf der Berlinale.

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