Seit 2010 die erste reCampaign startete, hat sich in der Kampagnenlandschaft einiges getan: Online-Mobilisierung ist für viele zivilgesellschaftliche Akteure längst kein „Neuland“ mehr. Und nach dem Social Media-Hype der letzten Jahre ist nun das mobile Web in aller Munde. Anfang Juni habe ich auf der socialbar in Berlin einen kurzen Rückblick auf fünf Jahre reCampaign gegeben und drei Beobachtungen zur Kampagnenarbeit der digitalen Zivilgesellschaft zur Diskussion gestellt. Hier meine Überlegungen. Ich bin gespannt auf Euer Feedback und Eure Kommentare.

1) Das Phänomen: "The winner takes it all"  

Das größte Netzwerk beherrscht den Markt und wird dadurch immer größer und mächtiger. Facebook, YouTube oder Google sind Paradebeispiele für diesen Trend. Durch die schiere Masse an Nutzer/innen haben diese Unternehmen einen enormen Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen. Kleinere Netzwerke haben es extrem schwer, sich durchzusetzen oder werden schlicht aufgekauft.

Mit ihren sehr begrenzten Ressourcen müssen zivilgesellschaftliche Akteure sich gut überlegen, wo sie die meisten Menschen für ihre Anliegen erreichen. Da bietet sich Facebook eher an als die Open-Source-Alternative Diaspora. Gleichzeitig tummeln sich alle auf dem Hauptmarktplatz – der Kampf um Beachtung ist also groß.

Neben der Frage danach, welche Themen und Organisationen es schaffen die meiste Beachtung auf sich zu ziehen, sind u.a. auch folgende Fragen relevant für eine erfolgreiche Kampagnenarbeit in den kommenden Jahren:

  • Wie schaffen es Organisationen, ein Stück Autonomie bzw. Unabhängigkeit von diesen "Drittanbietern" zurückzuerobern und direkt mit ihren Unterstützer/innen zu kommunizieren, ohne dabei auf die Möglichkeiten der Vernetzung verzichten zu müssen?
  • Welche Strategien können zivilgesellschaftliche Organisationen für den Umgang mit dem derzeitigen Trend hin zum digitalen Zentralismus entwickeln?   

2) Ausbildung im (Online-)Campaigning

Glückwunsche von Teilnehmer/innen der reCampaign
Glückwunsche von Teilnehmer/innen der reCampaign
In den letzten fünf Jahren reCampaign konnten wir eine Professionalisierung im Bereich der Kampagnenarbeit von NGOs beobachten. Dabei kristallisiert sich auch ein neuer Beruf heraus: (Online-)Campaigner/in. Auf der reCampaign 2013 hatten wir diesen Trend aufgegriffen und eine Podiumsdiskussion dazu organisiert.
Der Bedarf für Weiterbildung, Training und Beratungen im Bereich Campaigning und v.a. Online-Campaigning ist weiterhin hoch. Parallel dazu wächst das Bildungsangebot.  Nur ein Beispiel: Dieses Jahr wird zum ersten Mal das campaiging bootcamp in Deutschland stattfinden, wo angehende Campaigner/innen in einem einwöchigen Intensivkurs Handwerkszeug für die digitale Kampagnenarbeit erwerben können. Es ist durchaus denkbar, dass sich in den nächsten Jahren eine anerkannte Ausbildung als Online-Campaigner/in entwickelt, ähnlich wie es im Fall Community-Manager/in geschehen ist.

Egal ob es einen zertifizierten Beruf geben wird oder Kampagnen weiterhin von Autodidakt/innen umgesetzt werden – wir dürfen gespannt sein, wie die Kampagnen von morgen aussehen!

3) Daten, Daten, Daten

Selbstverständlich ging es auf der reCampaign auch um "uns" – genauer gesagt um unsere Daten: Wie sicher sind sie, wie kann man sie schützen, was können Organisationen zum Schutz von Daten tun? usw. Das ist eine durchaus komplexe und vielschichtige Angelegenheit.

Zur professionellen Kampagnenarbeit gehört das Testen, Tracken, Auswerten und Monitoren von Unterstützerverhalten, um die Kampagne schlagkräftiger zu machen und erfolgreich zu sein. Dabei gelten aktuelle Datenschutzrichtlinien und das Prinzip der Datensparsamkeit. Das Thema Monitoring von Social Media und digitaler Kommunikation war bisher auf jeder reCampaign vertreten. Dieses Jahr wurde diskutiert, ob NGOs Google Analytics oder Piwik einsetzen und wie viele Daten sie dabei abfragen sollten.

Ein weiterer Aspekt der derzeitigen Debatte um unsere Daten berührt unsere Grundrechte. Allerspätestens seit den Enthüllungen von Edward Snowden hat das Internet seinen Status als Frei-Raum verloren. Der Schock darüber sitzt bei manchen tiefer als bei anderen. Dabei sind die möglichen Antworten auf die Herausforderungen, die mit den technischen Möglichkeiten für Überwachung einhergehen, vielfältig:

Noch wissen wir nicht, wie sich das Spannungsfeld zwischen Datenschutz und Datensicherheit, Bequemlichkeit und Bürgerrechten entwickeln wird. Sicher ist, dass unsere Daten – die persönlichen wie unser digitales Nutzerverhalten – in Zukunft eine zentrale Rolle spielen. Sie werden sowohl Objekt als auch Subjekt von Kampagnen und können sowohl als Mittel wie auch als Zweck eingesetzt werden. Was das für unsere Gesellschaft bedeutet, müssen wir aushandeln.

Seht Ihr das auch so? Was sind Eure Beobachtungen? Welche Fragen und Antworten habt Ihr zum Stand der Dinge in der Kampagnenarbeit von NGOs?

Im nächsten Blogbeitrag geht es um Organisationsentwicklung: eine Frage, die uns die letzten fünf Jahren auf der reCampaign begleitet hat.

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