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Videobotschaft von Olivier de Schutter

In der Fachöffentlichkeit ist der Begriff Resilienz seit einigen Jahren in aller Munde. Kein Wunder: Die Folgen des Klimawandels, die wachsende soziale Ungleichheit und die Vielzahl von gewaltsamen Konflikten auf der Welt fordern dringend erfolgreiche Strategien, um die Widerstandsfähigkeit von Menschen und Institutionen zu stärken. Was trägt das Konzept der Resilienz hierzu bei?

Einiges, findet Prof. Dr. Olivier de Schutter, ehemaliger UN Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. In seiner Videobotschaft zu Beginn der Veranstaltung sprach er sich für einen institutionellen Ansatz aus. Um Resilienz in Gesellschaften zu stärken brauche es Institutionen, die Menschenrechte, Verantwortlichkeit von Akteuren und die Beteiligung der Bevölkerung gewährleisten.

Dr. Hans R. Herren, Präsident des Millenium Instituts, formulierte in seiner anschließenden Keynote die Forderung, die sich wie ein roter Faden durch die gesamte Veranstaltung zog: Raus aus den Silos, raus aus getrennten Arbeitsbereichen, Schulen und Selbstverständnissen! Raus damit auch aus der Komfortzone. Denn – so seine durchaus provokante These – wir reden zwar von integrierter Arbeit, tatsächlich fühlen wir uns in unseren abgegrenzten Bereichen jedoch ganz wohl. So aber lassen sich die jüngst verabschiedeten Nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) nicht erreichen, deren dominantes Querschnittsthema Resilienz ist.

Versteht man darunter mit Dr. Herren die Fähigkeit eines Systems mit Veränderungen umzugehen, so lässt sich fragen, wie resilient eigentlich die Institutionen und Organisationen der humanitären Hilfe und der Entwicklungszusammenarbeit sind, um auf die aktuellen Herausforderungen zu reagieren. Und in der Tat war dies ein Punkt in der späteren Diskussion. Herren sprach sich außerdem deutlich dafür aus, in Entwicklungsländern noch stärker mit den dortigen Regierungen zusammenzuarbeiten, denn sie treffen die Entscheidungen und investieren mehr als alle internationalen Geber.

Resilienz und Existenzsicherung

In der von Dr. Stephan Baas (FAO) geleiteten Runde zu Resilienz und Existenzsicherung, machte Christiane Hieronymus (BMZ) deutlich, dass Resilienz kein Modewort ist, sondern Handwerkszeug erfolgreicher Entwicklungszusammenarbeit. Drei Aspekte hob sie dabei hervor: Es geht um langfristige Aufgaben, Maßnahmen müssen zu einer Diversifizierung von Einkommensquellen beitragen und Resilienz muss auch als Methode verstanden werden, mit der sich Lernprozesse initiieren lassen. Innovative Mechanismen wie Cash Transfers spielen eine zentrale Rolle. Wahlfreiheit und Selbstbestimmung müssen stets gewährleistet sein.

Für Pierpaolo Piras (EU-Kommission) ist Resilienz weder Modewort noch Revolution, aber eine Gelegenheit, alte Konzepte neu zu denken und in produktives Handeln zu übersetzen. Wichtig dabei: Der Entwicklungsprozess muss von den Ländern selbst gestaltet und geführt werden.

Resilienz und Klimawandel

Prof. Dr. Detlef Müller-Mahn (Universität Bonn) plädierte in der Runde zu Resilienz und Klimawandel dafür, den Resilienz-Begriff präziser zu verwenden, damit nicht Ziele und Verantwortlichkeiten verschwimmen. Diese seien in den Bereichen Klimaschutz, Umgang mit Klimafolgen und Anpassung an den Klimawandel nämlich durchaus unterschiedlich gelagert. Einigen Widerspruch erntete er für seine These, dass Resilienz in einem Spannungsverhältnis zum Konzept der Vulnerabilität stehe.

Dass Resilienz nichts ist, was man Gesellschaften von außen beibringen muss, darauf machte Aboubacry Tall (Oxfam) aufmerksam. Er illustrierte dies anhand einer persönlichen Erfahrung aus seinem am Senegal-Fluss gelegenen Heimatdorf. Als er ein kleiner Junge war, konnten die Bauern dort zwei Mal im Jahr aussähen und ernten. Der Klimawandel, wiederkehrende Dürreperioden und die Begradigung des Flusses haben dazu geführt, dass heute nur noch wenige von der Landwirtschaft leben können. Doch sie haben andere Formen des Überlebens gefunden. Haushalte reduzierten ihre Herden, wechselten die Art der Samen, die sie anbauen. Familienangehörige arbeiten in der Stadt, um Geld für die Bewässerung des Landes und die Ausbildung ihrer Kinder zu verdienen. Die Dorfgemeinschaft ist heute keine landwirtschaftliche mehr, aber sie überlebt, sie hat sich angepasst – aus eigener Kraft. Wir müssen ihnen nicht zeigen, was sie tun sollen, sondern von ihnen lernen und sie dabei unterstützen, ihre Ansätze weiterzuentwickeln. Genau das macht Oxfam vor Ort.

Fabio Bedini (WFP) gab einen Einblick in die Rural Resilience Initiative R4, die ländliche Haushalte mit verschiedenen Maßnahmen, insbesondere Ernteausfallversicherungen, dabei unterstützt, ihre Ernährungssicherheit und Widerstandsfähigkeit gegenüber den Folgen des Klimawandels zu stärken. Er machte deutlich, dass insbesondere die Verknüpfung verschiedener innovativer Konzepte (Risk Reduction, Risk Transfer, Insurance for Assets und Impact Evaluation) zur Wirksamkeit des R 4 Projektes beitragen. Sein Fazit: Auch ländliche Gemeinschaften sind nicht homogen. Wir müssen die verschiedenen Bedürfnisse und Interesse in ihnen verstehen, um Resilienz zu stärken

Resilienz und Konflikte

In der abschießenden Runde wies Nigel Timmins (Oxfam) darauf hin, dass das Prinzip der Unparteilichkeit schwer durchzuhalten ist, wenn man in Konflikten die Resilienz von Menschen stärken will. Wen soll man unterstützen? Wie die Resilienz stärken, wenn alle tragenden Strukturen zusammengebrochen sind? Jede Intervention birgt die Gefahr, zur Konfliktpartei zu werden. Diese Grenzen humanitären Handels müssen wir akzeptieren, dürfen aber trotzdem nicht untätig sein.

Dr. Eltje Aderhold (Auswärtiges Amt) ist überzeugt, dass es innerhalb der Humanitären Hilfe in den vergangenen fünf Jahren zu einem Paradigmenwechsel gekommen ist. Früher waren humanitäre Maßnahmen Kurzzeitprojekte von maximal drei bis zwölf Monaten, heute gibt es die Konzepte der Preparedness und der humanitären Übergangshilfe. Es geht darum, die Akteure zu stärken und Wahlmöglichkeiten zu schaffen, nicht nur sie zu versorgen.

Doch wie genau lässt sich Resilienz in den Konflikten von heute herstellen? Hier klafft im Gegensatz zu den Bereichen Ernährungssicherung und Klimawandel eine konzeptionelle Lücke, meint Henrike Trautmann (EU Kommission, ECHO). Wie umgehen mit den neuen Konfliktdynamiken, dem Vertrauensverlust zwischen wichtigen Akteuren, der Leugnung von Verantwortung?

Große Fragen, auf die es – wenig überraschend – auf dieser Veranstaltung keine abschließenden Antworten geben konnte. Dafür aber viele Anstöße zum Weiterdenken.

Was bleibt?

Resilienz ist ein Konzept mit zahlreichen Facetten und Ebenen. Es geht im Kern darum, die Ursachen gesellschaftlicher Risiken anzugehen und Menschen zu befähigen, mit ihnen umzugehen und so konkret Vulnerabilitäten abzubauen. Wir müssen integrierter arbeiten, inklusive und nachhaltige Entwicklung ermöglichen, politische Marginalisierung und Ungleichheit überwinden, die Zusammenarbeit zwischen staatlichen Akteuren, NGOs und Wissenschaft verbessern und so das entwicklungspolitische und humanitäre System verändern. Bereits im Rahmen der Nothilfe müssen Voraussetzungen geschaffen werden, die langfristig den Menschen helfen, resilient zu werden.

Wandmalerei: Blinde Männer untersuchen einen Elefanten

Hilfreich ist hierfür ein multiperspektivischer Ansatz, den Nigel Timmins treffend anhand des buddhistischen Gleichnisses der fünf Blinden illustrierte, die einen Elefanten untersuchen, um zu begreifen, was für ein Tier das ist: Jeder von ihnen untersucht ein anderes Körperteil und kommt zu jeweils anderen Schlussfolgerungen, die aber alle ein Teil der Wahrheit sind. Je mehr Perspektiven wir miteinander ins Gespräch bringen, umso eher werden wir die richtigen Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit finden.

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