"Wie sollen wir in ein Syrien zurückkehren, das nicht mehr existiert?"

Mehr als 400.000 Tote, fast 12 Millionen Menschen, die aus ihren Häusern fliehen mussten, und 13 Millionen Kinder, Frauen und Männer, die auf humanitäre Hilfe angewiesen sind. Das Ausmaß der Syrien-Krise, die vor 7 Jahren begann, ist erschreckend. Shaheen Chughtai, Leiter Kampagnen, Politik und Kommunikation von Oxfams Syrien-Programm, hat sich mit Menschen vor Ort unterhalten. Er berichtet über die trostlose Situation und richtet sich mit einem starken Appell an die internationale Gemeinschaft.
Von Shaheen Chughtai
Der 16-jährige Hanimit seiner Familie in einem Zelt in Herjalleh
Der 16-jährige Hani* wurde 2013 aus Ost-Ghouta vertrieben. Jetzt lebt er mit seiner 8-köpfigen Familie in einem Zelt in Herjalleh, südlich von Damaskus. (*Name von der Redaktion geändert)

Sieben Jahre nach Beginn der Syrien-Krise ist die Situation noch immer trostlos. Kinder, Frauen und Männer tragen die Hauptlast eines Konflikts, der von enormem menschlichem Leid, brutaler Zerstörung und der eklatanten Missachtung von Menschenrechten geprägt ist.

Die erschütternden Nachrichten aus Ost-Ghouta – Schauplatz verstärkter Kampfhandlungen in Syriens brutalem Konflikt – haben den Krieg wieder in die Schlagzeilen gebracht. Durch aktuelle Kämpfe in anderen Regionen, wie Afrin, Idlib und Deir Ez-Zor, werden Menschen getötet; Familien sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Während der andauernden Krise wird viel zu häufig ignoriert, dass zahllose Leben syrischer Frauen, Männer und Kinder zerstört worden sind.  

Der Mut und die Widerstandskraft der Menschen, die ich während meiner Arbeit mit syrischen Flüchtlingen im Libanon und in Jordanien traf, hat mich tief berührt. Viele von ihnen versuchen einfach nur, unter diesen schwierigen Bedingungen zu überleben.

Jawaher, eine Mutter aus Homs, erzählte mir: „Unsere Häuser wurden zerstört. Wie sollen wir zu etwas zurückkehren, das nicht mehr existiert?“. Viele Häuser in syrischen Städten und Dörfern werden dem Erdboden gleichgemacht oder besetzt.

Erschreckende Zahlen verdeutlichen das Ausmaß der Krise

Die Statistiken sind erschreckend: Innerhalb von sieben Jahren haben mindestens 400.000 Syrer/innen ihr Leben verloren. Mehr als 13 Millionen Menschen sind dringend auf humanitäre Hilfe angewiesen – darunter fast 400.000 Menschen, die in besetzten Gebieten wie Ost-Ghouta gefangen sind. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung – beinahe 12 Millionen Menschen – mussten aus ihren Häusern fliehen, viele mehrfach. Mehr als 5,6 Millionen Geflüchtete leben in Nachbarländern, die Mehrheit von ihnen lebt in bitterer Armut.

Jawaher erzählte mir, dass ihr Sohn vor Kurzem nach Syrien zurückgekehrt ist. Aus Idlib schickt er ihr Textnachrichten und berichtet, dass die Situation „schlecht, sehr schlecht“ sei. Er kann trotz der niedrigen Temperaturen nicht heizen und hat bislang keinerlei Hilfe bekommen. Hilfsorganisationen berichten, dass sie viele hilfsbedürftige Menschen noch immer nicht erreichen können.

Doch manche Hilfe kommt durch – allen Widrigkeiten zum Trotz. Letztes Jahr konnte Oxfam etwa zwei Millionen Menschen helfen: in Syrien wie auch in Jordanien und im Libanon, wo Oxfam sowohl Flüchtlinge unterstützt als auch die Gemeinschaften, die sie aufnehmen. Wir haben die Menschen unter anderem mit Trinkwasser versorgt, mit Sanitäreinrichtungen und lebenswichtigen Nahrungsmitteln. Darüber hinaus haben wir sie dabei unterstützt, ihren Lebensunterhalt zu sichern.

Ein Leben als syrischer Flüchtling

Es ist extrem hart, syrischer Flüchtling zu sein, selbst wenn man es schafft, aus Syrien zu entkommen. Jeder, der in der jordanischen Hauptstadt Amman lebt, kennt die hohen Lebenshaltungskosten nur zu gut. Stell dir vor, du bist ein syrischer Flüchtling, der leben, essen und für seine Kinder sorgen muss.

Trotz der Unterstützung durch die jordanischen Behörden ist es für viele Flüchtlinge – ebenso wie für Angehörige der stark belasteten Aufnahmegemeinschaften – nach wie vor nicht möglich, Arbeit zu finden. Sie sind auf eingeschränkte Hilfe angewiesen. Viele syrische Flüchtlinge in der Region, besonders Frauen, müssen daher ein Leben ohne sinnvolle Arbeit führen. Was für eine schreckliche Verschwendung von Fähigkeiten!

Eine geflohene junge Syrerin in Zaatari erzählte uns, dass sie nun ihren Traum verwirklicht und ihr Schreibtalent als Reporterin für ein Magazin im Flüchtlingscamp weiterentwickelt. Die 20-jährige Abeer hofft, dass sie eines Tages nach Syrien zurückkehren kann. Sie will ihrem Land etwas zurückzugeben, weil dieses so sehr „gelitten und sich aufgeopfert hat“. Sie sehnt sich danach, eine Geschichte darüber zu schreiben, wie Syrer/innen ihr Land wieder aufgebaut und ihr Leben von Neuem begonnen haben. Aber wie viel länger wird sich dieser Konflikt noch hinziehen und um welchen Preis?

Die internationale Gemeinschaft in der Pflicht

Die Internationale Gemeinschaft hat in den letzten Jahren Milliarden von Dollar und Euro in Form von Hilfsleistungen bereitgestellt. Diese willkommene Unterstützung hat dabei geholfen, das Überleben von Millionen von syrischen Flüchtlingen zu sichern und ihr Leid zu mildern. Dennoch konnte sie nicht Schritt halten mit dem Ausmaß des humanitären Bedarfs.

Die fortgesetzte Gewalt in Syrien, das Blutvergießen und das Leid Unschuldiger zeigen deutlich, wie sehr die internationale Gemeinschaft versagt hat. Ansätze, das Sterben zu beenden und humanitäre Hilfe für die im Krieg gefangenen Menschen zu leisten, wurden immer wieder von militärischen Operationen untergraben.

Schon längst hätten die internationalen Staats- und Regierungschefs alles in ihrer Macht stehende für den Schutz der Zivilbevölkerung tun müssen. Sie hätten sie mit allen Mittel unterstützen und eine politische Lösung des Konflikts vorantreiben müssen. Die Menschen in Syrien haben nichts weniger verdient.

 

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