Ein Reisebericht aus dem Flüchtlingscamp Zaatari in Jordanien von Marion Lieser, Geschäftsführerin Oxfam Deutschland e.V.

Ein weiteres Jahr ist vergangen im syrischen Bürgerkrieg, erneut eines voller Gewalt, Flucht und Vertreibung. Während der Konflikt 2013 noch weltweit Beachtung fand, wurde er 2014 zunehmend von anderen Krisen aus den Nachrichten verdrängt. Dass das Leid der Menschen indes weitergeht, lässt sich unter anderem in Zaatari in Jordanien erfahren, dem zweitgrößten Flüchtlingscamp der Welt, in dem Oxfam tausende Familien unter anderem mit Latrinen, Waschgelegenheiten und weiteren Hygienemaßnahmen unterstützt. Dort treffe ich Menschen, denen der Krieg im eigenen Land fast alles genommen hat.

Wir erreichen Zaatari am 24. Februar. Es ist ein windiger Tag, nachdem am Wochenende ein Schneesturm fast das ganze Land lahmgelegt hatte. Am Eingang des Camps, das zurzeit rund 85.000 Menschen Schutz bietet, sind die Sicherheitskontrollen wie an jedem Tag in den vergangenen Wochen: freundlich bestimmt, aber nervös. Jordanien fürchtet um die eigene Sicherheit, will nicht in Auseinandersetzungen des Nachbarn Syrien hineingezogen werden.

Kleiner Gemüsegarten in der tristen Camp-Umgebung © Marion Lieser/Oxfam Deutschland

Zaatari ist ein trostloser Ort, an dem mir der fünf Quadratmeter große Versuch eines Gemüsegartens ein Foto Wert ist, weil es sonst nur steinig, sandig und grau zugeht. Und dennoch: Den syrischen Flüchtlingen ist es dank ihres Wissens und ihrer Fertigkeiten gelungen, diese Ödnis mit einer kleinen Geschäftsstraße mit rund 2.000 Läden zu versehen. Hier gibt es Schneider, Elektriker, Fleischer und auch ein Geschäft mit Brautmoden in knalligem gelb, rot oder blau. Für 15 jordanische Dinar (etwa 12 Euro)  kann sich eine junge Braut, oft erst 15 oder 16 Jahre alt, das Kleid leihen und Make-up sowie die passende Frisur erhalten, um diesem besonderen Tag den nötigen feierlichen Anstrich zu geben.

Mit Wa'ed, einer Jungvermählten, konnte ich im Kreise der Familie ihres Gatten sprechen. Sie ist 17 Jahre jung und versteht sich mit den Schwestern ihres Mannes hervorragend. Das ist wichtig, denn mangels Strom fehlt es an abendlicher Ablenkung durch den Fernseher oder Licht für ein eventuell aufzutreibendes Buch. Für eine Frau gibt es nach Einbruch der Dunkelheit kaum mehr zu unternehmen, als mit den Schwägerinnen oder Schwiegereltern beisammen zu sein. Sie kommen in dem etwa 15 Quadratmeter großen Wohncontainer zusammen, in dem später die acht Familienmitglieder schlafen werden. Durch die Heirat und Familiengründung gab es kürzlich einen weiteren Container. Die Familie hat diese geschickt gestellt, so dass sie einen kleinen Hof bilden: 30 Quadratmeter für zehn Personen, das ist in Zaatari Luxus.

Wa’ed (rechts) mit ihren Schwägerinnen Betoul, Sabah und Gada in einem Familienwohncontainer © Marion Lieser/Oxfam Deutschland

Wa'ed lacht, als ich mich nach ihrer Meinung darüber erkundige, dass Frauen so jung verheiratet werden. Sie weiß, dass dies nach jordanischer Gesetzgebung nicht erlaubt ist. Sie hatte die Möglichkeit, ein wenig zur Schule zu gehen und hat eine Vorstellung von der Welt jenseits des Krieges. Was es heißt, als 17-Jährige bereits verheiratet zu sein, ist ihr wohl bewusst. Als ich sie nach ihrer Zukunft, ihren Träumen frage, gibt sie das Wort an die Schwestern ihres Mannes weiter, die noch nicht verheiratet sind. Ihr Schwiegervater besteht darauf, dass seine Töchter den Schulabschluss der zwölften Klasse machen und wünscht sich eine gute Ausbildung für sie. Wa'ed erklärt, sie habe das Wort an die Schwägerinnen abgegeben, da sie selbst keine Zukunft hat, sie sei nun verheiratet. Und ihre Träume? Die sind auch in Syrien zurückgeblieben, sagt sie. Dafür möchte ihre 16-jährige Schwägerin Sabah gerne Architektin werden; und der kleine 10-jährige Schwager Majed, der so engagiert Fußball spielt, wünscht sich, später als Arzt zu arbeiten. Wa'eds Augen wirken plötzlich leer und ich glaube ihr, dass ihre Träume in Syrien zurückgeblieben sind.

Ein Stück der Mauer, die das Flüchtlingscamp umgibt.

Ein Stück der Mauer, die das Base Camp der internationalen Organisationen umgibt. © Marion Lieser/Oxfam Deutschland

200.000 Menschen hat der syrische Bürgerkrieg bereits das Leben gekostet, 11 Millionen Menschen befinden sich auf der Flucht, das ist die Hälfte der Bevölkerung. Es ist die größte humanitäre Katastrophe unserer Zeit. Die internationale Gemeinschaft muss sich stärker engagieren, damit mehr Flüchtlinge ausreichend Schutz und Hilfe erhalten, Kinder in die Schule gehen und die Menschen auf eine Zukunft ohne Gewalt hoffen können. Diesen Konflikt zu beenden ist schwer, aber nicht unmöglich. Unsere Regierungen können und müssen mehr dafür tun. Das sind wir Wa’ed, Sabah, Majed und den vielen anderen schuldig.

Lasst die Lichter in Syrien wieder angehen!


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