Verlorenes Vertrauen zurückgewinnen

Marion Lieser, Geschäftsführerin von Oxfam Deutschland, über die Konsequenzen, die Oxfam aus den Vorfällen in Haiti 2011 und Tschad 2006 gezogen hat.
Von Marion Lieser
 Marion Lieser - Geschäftsführerin des Oxfam Deutschland e.V.
Marion Lieser - Geschäftsführerin des Oxfam Deutschland e.V.

Vorfälle aus den Jahren 2011 und 2006 machen in diesen Tagen Schlagzeilen: Während des Nothilfe-Einsatzes im vom Erdbeben zerstörten Haiti haben Helfer der Hilfsorganisation Oxfam Großbritannien lokale Mitarbeiter genötigt, ihnen Frauen für ausgiebige Partys zuzuführen, bezahlten Sex eingeschlossen. Ähnliches ereignete sich 2006 im Tschad und möglicherweise in anderen Ländern. Statt diese Menschen zu schützen, haben Oxfam-Mitarbeiter sie ausgenutzt.

Das ist unentschuldbar und beschämend. Mehr noch: Es widerspricht all dem, wofür Oxfam sich starkmacht und warum ich seit 2012 für Oxfam Deutschland als Geschäftsführerin arbeite. Es ist nicht zuletzt ein Schlag ins Gesicht für die vielen Menschen, die Oxfam mit Geld, Zeit oder Sachspenden unterstützen.

Es ist ein Albtraum für eine Organisation, in der Tausende ehrliche, engagierte Mitarbeiter/innen weltweit täglich ihr Bestes geben, um Not zu lindern und Armut zu bekämpfen. Für eine Organisation, die allein in Haiti im Jahre 2011 mehr als 1,2 Millionen Menschen mit überlebenswichtigem, sauberem Wasser versorgt hat und die in vielen Ländern der Welt gemeinsam mit lokalen Partnerorganisationen dafür arbeitet, Frauenrechte zu stärken sowie Ausbeutung und Gewalt ein Ende zu setzen.

Einige wenige beschädigen Vertrauen massiv

Diese Arbeit ist nur möglich, weil Menschen Oxfam vertrauen. Doch dieses Vertrauen wird durch das Fehlverhalten einiger weniger massiv beschädigt. Unsere Kolleginnen und Kollegen haben in der damaligen, extrem schwierigen Situation einer humanitären Krise (bei dem Erdbeben in Haiti 2010 kamen über 300.000 Menschen ums Leben, Infrastruktur und öffentliche Ordnung lagen am Boden) mit der Aufarbeitung dieser ungeheuerlichen Vorkommnisse begonnen. Eine Untersuchungskommission wurde eingesetzt, die britische Regulierungsbehörde informiert, Pressemitteilungen verschickt. Vier Männer wurden entlassen, zwei weitere kamen dem durch ihre eigene Kündigung zuvor. Oxfam teilte die Untersuchungsergebnisse mit Gebern und Behörden.

Oxfams Konsequenzen

Ist deshalb damals alles richtig gemacht worden? Nein, sicher nicht. Doch es war eine komplizierte Situation, in der Menschen versucht haben, das Richtige zu tun. Vor allem aber hat Oxfam den Warnruf verstanden. Infolge der Vorfälle von Haiti wurden Ansprechpartner/innen des Vertrauens benannt, Hotlines eingerichtet und den Verhaltenskodex verschärft, der von allen entsandten Mitarbeiter/innen zu unterzeichnen ist. Darin steht unter anderem, dass das unvermeidliche Machtgefälle zwischen Oxfam-Mitarbeitern und lokaler Bevölkerung in keiner Weise ausgenutzt werden darf und dass selbstverständlich lokale Gesetze einzuhalten sind.

Denn ein zweites Haiti darf es nicht geben. Nicht für Menschen in Not und nicht für Oxfam. Wir haben in den vergangenen Jahren besondere Anstrengungen unternommen, uns weltweit in unserer Kampagnen- und Programmarbeit gegen sexuelle Gewalt einzusetzen und Opfern Hilfe zukommen zu lassen. Die jüngsten Medienberichte zeigen, dass wir trotz enormer Anstrengungen noch nicht dort sind, wo wir sein sollten. Doch Oxfam nimmt diese Herausforderung an. Wir werden alles dafür tun, um verlorenes Vertrauen in uns wieder herzustellen.

Wir werden mit den Vorfällen transparent umgehen, eine konsequente Haltung in der Sache zeigen und entsprechend handeln. Es macht mich persönlich wütend, dass einige wenige die gute Arbeit Tausender beschädigt haben. Umso mehr werde ich mich engagiert dafür einsetzen, verlorenes Vertrauen in Oxfam zurückzugewinnen. Dies wird gelingen. Denn wir sind viele, die sich für eine gerechte Welt ohne Armut starkmachen und ihren ehrlichen Beitrag dazu leisten.

 

Hier finden Sie eine Erklärung zu den aktuellen Medienberichten.

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