Versinkt Lagos?

Sturmfluten toben, wo einst wunderschöner Strand war. Ganze Gegenden werden überschwemmt, der Fischfang leidet: Die Folgen des Klimawandels sind im nigerianischen Lagos drastisch zu spüren. Bis 2050 könnten weite Teile im Meer versinken. Höchste Zeit zu handeln, sagt Chinma George, Klima-Aktivistin aus Nigeria.
Von Chinma George
Die Küste von Lagos: Bis 2050 könnten weite Teile der Region im Meer versinken.

„Die Regenzeit ist zurück und bringt Probleme mit sich, die sich kaum beherrschen lassen, Chaos, Klagen und eine Unmenge an Empfindungen und Emotionen. Kein Dach über dem Kopf, das man Zuhause nennen kann, sauberes Trinkwasser ist verunreinigt, und Krankheiten sind auf dem Vormarsch. Was wird als Nächstes passieren?“

Bei dem Versuch, in die Haut derer zu schlüpfen, die an der Küste leben, stelle ich mir vor, dass ihnen zum Beginn der Regenzeit diese oder ähnliche Gedanken durch den Kopf gehen.

Okun Alfa, früher ein schöner Strand in Lagos, ist eine der Gemeinden, die infolge stundenlangen Regens unter Sturmfluten leiden. Sturmfluten gab es in Okun Alfa schon immer, doch mit dem Klimawandel hat ihre Häufigkeit exponentiell zugenommen. Sie zwingen die Bewohner, ihren Ort zu verlassen, denn ihre wichtigste Einnahmequelle, der Fischfang, wird ebenfalls dramatisch in Mitleidenschaft gezogen. Der Klimawandel schadet den Menschen im ländlichen Raum und in den Städten, und am stärksten hiervon betroffen sind die Ärmsten. Sie stehen an vorderster Front, sind über das Problem selbst wenig oder gar nicht informiert und haben keine Chance, ihm etwas entgegenzusetzen. Eine der größten Herausforderungen des 20. Jahrhunderts, die globale Erwärmung, hat uns steigende Temperaturen, schmelzende Gletscher und hierdurch den Anstieg des Meeresspiegels, Versalzung und viele weitere negative Folgen beschert.

Massive Überschwemmungen und Küstenerosion

Lagos liegt an der Küste und ist ein Handelszentrum wie so viele andere Küstenstädte der Welt auch. Als Metropole ist die Region sehr anfällig für den Klimawandel, und die negativen Auswirkungen der globalen Erwärmung sind jetzt schon zu spüren. Beispiel hierfür sind die massiven Überschwemmungen und die Küstenerosion. Lagos ist eine Barriereinsel, also eine dem Festland vorgelagerte Insel, die vom Meer und einer Lagune umgeben ist, was den Bundesstaat zu einer klimasensiblen Region macht. Verschiedenen Studien wie den Berichten zur Anpassung an den Klimawandel des UN-Umweltprogramms UNEP zufolge wird ein Anstieg des Meeresspiegels um 0,5 Meter Küstenstädte wie Lagos treffen. Das nigerianische Umweltbundesministerium geht davon aus, dass im Jahr 2050 viele Gegenden von Lagos möglicherweise unter Wasser liegen werden. Nach Nicholls et al. 20081 könnte der Anstieg der Meere in Lagos Kosten in Höhe von 117,3 Milliarden US-Dollar verursachen.

Schutzmaßnahmen und Sensibilisierung

Es müssen umgehend Maßnahmen eingeleitet werden, um die negativen Auswirkungen des Klimawandels in der Metropole zu verringern. Künstliche und natürliche Küstenschutzmaßnahmen, wie der Bau von Deichen und die Anpflanzung von Bäumen, wurden von der Regierung des Bundesstaates beispielsweise in Form des Eko-Atlantik-Projekts und der Anlage von Parks und Gärten erwogen. Sensibilisierung und Aufklärung zum Klimawandel müssen in Lagos und in Nigeria insgesamt noch verstärkt werden, wobei insbesondere die Jugend solche Initiativen entscheidend voranbringen kann. Da der Klimawandel vom Menschen hervorgerufen wird, kann unser Verhalten die Erderwärmung und ihre negativen Auswirkungen verstärken oder verringern, zum Beispiel durch Müllmanagement oder bestimmte landwirtschaftliche Anbaumethoden. Junge Menschen sind vielseitig und innovativ, und viele von ihnen sind arbeitslos. Die Umwelt mit Hilfe der jungen Menschen zu bewahren und zu schützen, während wir uns gleichzeitig zu einer umweltfreundlicheren Wirtschaft verpflichten, kann auf lange Sicht dazu beitragen, Städte, Gemeinden und Länder resistenter gegenüber dem Klimawandel zu machen.

1 Nicholls et al. (2008), “Ranking Port Cities with High Exposure and Vulnerability to Climate Extremes: ExposureEstimates”, OECD Environment Working Papers, No. 1, OECD Publishing, Paris.

 

Chinma George wird im März 2017 als Klimabotschafterin zu Gast in Deutschland sein und auf Veranstaltungen über die Folgen des Klimawandels in Nigeria berichten. Beispielsweise darüber, wie Menschen wegen zunehmender zerstörerischer Sturmfluten und Dürren ihre Lebensgrundlagen verlieren und gezwungen sind, ihre Dörfer/Ortschaften zu verlassen. Zudem gibt sie Einblicke in die dramatische Situation am Tschadsee im Norden Nigerias, dem die vollständige Austrocknung droht und dessen Region zugleich Schauplatz des Konfliktes mit Boko Haram ist.

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