Die Zahl der auf diesem Planeten beheimateten Tier- und Pflanzenarten schrumpft täglich um 130 Arten. Da ist es positiv zu hören, dass in den Randgebieten der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh eine neue unbekannte Singvogelart entdeckt worden ist – so groß wie ein Zaunkönig mit längerem Schnabel und rostroter Federmütze mit Namen Orthotomus chaktomuk. Viele zieht es in die Stadt – bei Tieren spricht man von Kulturfolgern. Doch dieses Phänomen ist bei  Menschen noch wesentlich ausgeprägter. Die Urbanisierung der Welt ist eine zusätzliche große Herausforderung.  Es gibt viele Expert/innen, die sich mit diesen Fragen der globalen Verstädterung befassen. Antworten sind rar.

In Afrika verzwölffachte sich die Stadtbevölkerung zwischen 1950 und 2009 von 33 auf 399 Millionen Menschen, in Asien stieg sie im selben Zeitraum von 229 Millionen auf 1,72 Milliarden Menschen. Die dort lebenden Armen verfügen in der Regel über ein geringes, unregelmäßiges Einkommen und sind vielfach benachteiligt: ihre Chancen auf einen Arbeitsplatz sind gering, ihre Unterkünfte sind illegal errichtet und menschenunwürdig, ihr Weg zur Arbeit ist lang und aufwändig, Bildungseinrichtungen und Gesundheitsversorgung sind für sie nicht vorhanden.

Kleinbäuer/innen versus Slumbewohner/innen?

Nun steht bei Oxfam die städtische Bevölkerung nicht im Fokus unserer Bemühungen, wird aber zunehmend wichtiger. Oxfam ist in den armen Ländern des Südens in ländlichen Gebieten aktiv und setzt sich seit Jahrzehnten für die Unterstützung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft ein. Die Arbeit dieser Kleinbäuerinnen und Kleinbauern ist ein hilfreiches Werkzeug gegen den Hunger, sie bauen regional an und vermarkten ihre Produkte in der eigenen Umgebung oft sogar ökologisch. Diese Landwirtschaft wird leider zu wenig geschätzt und geschützt. Die Bauernfamilien erhalten nur selten verlässlichen Zugang zu Bildung und Gesundheitssystemen, häufig verlieren sie Wasser- oder Landrechte. Als Folge ziehen viele in die Städte.

Die Verstädterung erfolgt hier meist unkontrolliert und lässt Mega-Städten entstehen, da die Zuwanderung von einem hohen natürlichen Wachstum (hohe Geburten-, niedrige Sterberate) begleitet wird. Darüber hinaus ist das Entwicklungs- und Produktivitätsniveau der Städte begrenzt, wodurch das Arbeitsplatzangebot gering bleibt und die Lebensqualität in diesen Städten abnimmt. Viele Zuwanderer, zum Beispiel aus einem Krisengebiet am Horn von Afrika, verbinden mit städtischer Lebensqualität zunächst die Hoffnung auf Arbeit und ein Einkommen. Städte bieten diese Chance. Scheinbar. Die Realität ist eine andere: Steigende Arbeitslosigkeit, wachsende Slums, kaum Versorgungsleistungen und eine bis ins unerträgliche steigende Umweltverschmutzung lassen in den Mega-Städten armer Länder die Lebensqualität sinken.

Was bewirkt eine Spende?

Diesen Tatsachen wird sich auch Oxfam im Rahmen seiner strategischen Herangehensweise zuwenden. Das wird nicht einfach. Auch nicht für Spenderinnen und Spender. Eine Gesundheitsstation in einer ländlichen Region zu finanzieren, besseres Saatgut bereitzustellen oder die Tierarztbetreuung für die Rinderzüchter zu ermöglichen – das sind überschaubare Anliegen. Da werden finanzielle Mittel sehr direkt und sinnvoll eingesetzt. Mal schauen, wie es funktioniert, wenn Oxfam eine Zusammenarbeit in Slums mit Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern beginnt, dort wo Gewalt und Drogen vielfach den Alltag der Menschen dominieren. Ob unsere Unterstützerinnen und Unterstützer auch dort das Gefühl haben werden, dass sie mit der eigenen Spende etwas ausrichten können?

Wir werden es sehen. Tragfähige und nachhaltige Formen des Zusammenlebens und der Organisation in städtischen Gemeinschaften gilt es zu etablieren. Denn die gesunde Balance zwischen städtischer und ländlicher Lebensweise wird es sein, die den folgenden Generationen ein würdiges und lebenswertes Leben garantieren. Denn der gerade aufgetauchte Orthotomus chaktomuk soll nicht der einzige sein, der sich in den von uns mitgestalteten Städten der Zukunft wohlfühlt.

Kommentieren