Verteilungsbericht: Gewerkschaftsbund kritisiert soziale Ungleichheit in Deutschland

Von Jörg Nowak
Euroscheine

Die FAZ hat letzte Woche eine Artikelserie begonnen, in der unter anderem behauptet wird, dass Oxfams Berichte zur globalen Ungleichheit falsch oder unseriös sind. Erst wurde die Datenbasis von Oxfam infrage gestellt (wir antworteten). Nachdem den Journalist/innen auffiel, dass auch die Bundesbank und das DIW das Nettovermögen als seriöse Grundlage für Rechnungen zur Verteilung heranziehen, haben sie das Register gewechselt: Ja, die Ungleichheit steigt, Oxfam hat recht – aber Ungleichheit sei doch gar nicht so schlecht und befördere den Fortschritt.

Aber wessen Fortschritt? Wem kommt der Fortschritt zugute?

Heute hat der Deutsche Gewerkschaftsbund seinen Verteilungsbericht veröffentlicht, der auch Oxfams Diagnosen in vielerlei Hinsicht recht gibt. 71 Prozent der erwachsenen Bevölkerung des ganzen Globus besitzen laut dem DGB nur etwas mehr als drei Prozent des weltweiten Vermögens. Mit anderen Worten: Die große Mehrheit besitzt fast nichts im Verhältnis zum real existierenden Wohlstand. Auch in Deutschland sind die Vermögen stark konzentriert: hier besitzen 70 Prozent der Bevölkerung nur 9 Prozent des Vermögens.

Die Studie des DGB zeigt auch, wie genau sich die Verteilung des Wohlstands in Deutschland verändert hat. Der Gini-Koeffizient, der die Ungleichheit der Einkommen misst, ist zuletzt gestiegen, von 26,1 (2005) auf 30,7 (2014). Vom Jahr 2000 bis 2014 ist der Anteil der Löhne am gesamten Wohlstand von 71,9 auf 68,1 Prozent gesunken. Im gleichen Zeitraum gab es aber ein enormes Wirtschaftswachstum, die Exporte sind seit dem Jahr 2000 um 104 Prozent gestiegen, die Importe um 77 Prozent. Warum sinkt der Anteil der Löhne trotzdem? In der Automobilindustrie gehören zum Beispiel nur noch zwei Drittel der Beschäftigten zu den Kernbelegschaften. Laut dem DGB sind die Aktivitäten großer Unternehmen auf den Finanzmärkten der Hauptgrund für die fallenden Lohnquoten. Mit anderen Worten: Gewinne werden zunehmend nicht mehr produktiv investiert, sondern in die Finanzmärkte umgeleitet.

Zugleich zeigt der Bericht aber auch, dass staatliche Regulierung effektiv sein kann im Sinne einer gerechteren Verteilung: Trotz zahlreicher Warnungen hat die Einführung des Mindestlohnes nicht zu steigender Arbeitslosigkeit geführt und gleichzeitig für 3,7 Millionen Menschen Lohnerhöhungen bewirkt. Sowohl die Brutto- wie Nettolöhne sind im letzten Jahr gering angestiegen, um 2,6 und 2,1 Prozent. Seit dem Jahr 2000 sind die Brutto- wie die Nettolöhne jedoch kaum gestiegen, nämlich im Durchschnitt um 0,3 bzw. 0,2 Prozent.

Hiermit wird eine grundlegende Tendenz der letzten 15 Jahre deutlich: Der Anteil der großen Mehrheit der Lohnabhängigen am Wohlstand ist in Deutschland gesunken (sinkende Lohnquote), das stetige Wirtschaftswachstum führt nicht automatisch zur Verringerung der Armut und ebenso wenig zu höheren Löhnen. Die gestern erschienene Bertelsmann-Studie „Transformation Index“ zeigt, dass in Regionen wie Afrika südlich der Sahara, Lateinamerika oder Südostasien Wirtschaftswachstum nicht zur Beseitigung der Armut beiträgt.

Wo verschwinden die Gewinne, die das Wachstum erzeugt?

Die Gehälter in den Chefetagen sind jedenfalls weiterhin hoch. Der DGB hat errechnet, dass die Bezüge eines Dax-Vorstandsvorsitzenden 167 mal so hoch sind wie ein durchschnittliches Einkommen in Deutschland.
Dabei gibt es auch weiterhin große Ungleichheiten zwischen verschiedenen Gruppen der Bevölkerung: Die Löhne in Ostdeutschland verharren seit 20 Jahren auf 83 Prozent des Westniveaus. Frauen verdienen im Schnitt 23 Prozent weniger als Männer – einer der höchsten Ungleichheitswerte in ganz Europa.

Besonders beunruhigend ist, dass die soziale Mobilität gesunken ist. Der Anteil der Geringverdienenden, die nach vier Jahren immer noch zu den Geringverdienenden gehören, ist gestiegen. Und dies betrifft wiederum vor allem Frauen und Ostdeutsche.

Die Frage nach der Verteilung des Wohlstands erweist sich als Gretchenfrage des Fortschritts. Was nützt uns der technologische Fortschritt, wenn seine Früchte so ungleich verteilt werden und große Teile der Bevölkerung abgehängt werden?

1 Kommentar

Darum bin ich für die Einführung eines allgemeinen, personenbezogenen, bedingungslosen Grundeinkommens in existenz- und teilhabesichernder Höhe in Deutschland
https://www.grundeinkommen.de/admidio/adm_program/modules/profile/profile_new.php?new_user=2&art=4 , in Europa http://basicincome-europe.org/ , global http://www.basicincome.org .

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