Ich war Hedgefonds-Manager – und unterstütze die Finanztransaktionssteuer

Paul Wilmott gilt als einer der weltweit renommiertesten Finanzmathematiker. Er ist ehemaliger Hedgefonds-Manager und hat als akademischer Direktor an der University of Oxford den Lehrstuhl für Finanzmathematik aufgebaut. In seinem Gastbeitrag erklärt er, warum er die Finanztransaktionssteuer im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen für wichtig hält.
Von Paul Wilmott

Mir ist klar, dass ich als ehemaliger Hedgefonds-Manager, der eine Finanztransaktionssteuer unterstützt, eine ziemlich ungewöhnliche Erscheinung bin. Fürs Protokoll: Ich bin kein großer Fan von Steuern. Wie die meisten anständigen Kapitalisten will ich einfach in Ruhe gelassen werden, damit ich meinen Geschäften nachgehen und möglichst viel von dem, was ich verdiene, auch behalten kann. Trotzdem glaube ich, dass die Finanztransaktionssteuer eine gute Idee ist. Wenn sie ordentlich umgesetzt wird, kann sie eine wichtige Rolle dabei spielen, jene finanziellen Aktivitäten zu verhindern, die keinerlei Nutzen für unsere Gesellschaft haben, uns alle aber erheblichen Risiken aussetzen.

Die Finanztransaktionssteuer: Eine Bedrohung für Liquidität und Renten?

Meine Kollegen aus der Finanzindustrie, die eine europäische Finanztransaktionssteuer ablehnen – eine endgültige Entscheidung darüber wird beim Treffen der EU-Finanzminister in dieser Woche erwartet – bringen zwei grundsätzliche Einwände vor: Zum einen, dass sie die Liquidität an den Finanzmärkten gefährden wird, und zum anderen, dass die Steuer negative Auswirkungen auf die Rentenfonds haben wird. Aber stimmt das?

Ich spreche oft davon, dass hier die Liquiditätskarte gespielt wird. Eine Art Trumpf-Ass, das jeder Diskussion ein Ende setzt. Aber das Argument stimmt schlichtweg nicht. Die Art von Finanztransaktionen, die die Finanztransaktionssteuer eindämmen soll – der computergesteuerte Hochfrequenzhandel, bei dem Aktien binnen Bruchteilen von Sekunden die Hände wechseln – hat kaum Auswirkungen auf die tatsächliche Liquidität an den Finanzmärkten. Klar, sie erzeugen den Eindruck, dass sehr viel Geld im System herumschwirrt. Aber sobald der Markt unerwartete Signale sendet und etwas tut, was die Algorithmen noch nicht kennen, kann man sicher sein, dass zwecks weiterer Nachforschungen der Stecker gezogen wird – und schon trocknet die Liquidität aus.

Genau dies konnten wir beim „Flash Crash“ (Anm. d. Red.: mehrere starke Kurseinbrüche) von 2010 beobachten. Wenn es um Liquidität geht, sollte man sich also lieber nicht auf etwas so Unstetes wie den Hochfrequenzhandel verlassen.

Was die Renten anbelangt: Nehmen wir mal an, dass eine kleine Steuer auf Transaktionen an die Verbraucher weitergegeben wird und dies Folgen für deren Renten hat. Wie groß werden diese Folgen sein? Falls die Altersvorsorge auf den Hochfrequenzhandel setzt, dann ist es durchaus möglich, dass die Betroffenen dabei schlecht wegkommen. Aber der typische Rentenfonds hält seine Investitionen monate- oder gar jahrelang und nicht bloß für wenige Millisekunden. Die Auswirkung der Finanztransaktionssteuer auf normale Rentenfonds wird daher winzig sein. Aber weitere, durch den Hochfrequenzhandel verursachte Flash Crashes würden durchaus enorme negative Folgen haben. In dem Fall kann ich die Ausreden jetzt schon hören: „Die schlechte Nachricht ist, dass 20% Ihrer Rentenersparnisse durch einen algorithmengetriebenen Crash ausradiert wurden. Die gute Nachricht ist, dass wir Ihnen die 1,50 € für die Finanztransaktionssteuer nicht berechnen mussten.“ Am falschen Ende gespart.

Ein differenzierter Ansatz

Die Unterstützer der Finanztransaktionssteuer schimpfen häufig über die Boshaftigkeit von Spekulation und Märkten. Das ist natürlich Blödsinn. Finanzmärkte ermöglichen es Unternehmen, sich Geld für neue Vorhaben oder Expansionen zu besorgen, Einzelpersonen und Firmen, Risiken zu begegnen. Was wir brauchen, ist eine Finanztransaktionssteuer, die die guten Seiten der Finanzmärkte schützt und gleichzeitig die schlechten verringert. Aus meiner Sicht ist dies durchaus möglich.

Viele Transaktionen auf den Finanzmärkten finden in einer Zeitspanne von Wochen, Monaten oder Jahren statt. Man kauft Aktien, weil man glaubt, das Unternehmen wird gedeihen, und beabsichtigt, sie lange zu halten. Wenn man recht hat, steigt der Aktienkurs, und am Ende steht ein Gewinn. Auch das ist eine Form von Spekulation, aber sie ist in der Regel von wirtschaftlichem Nutzen. Demgegenüber steht der algorithmische Hochfrequenzhandel, bei dem Aktien in nur Bruchteilen von Sekunden ge- und wieder verkauft werden. Der Preis wird von gegeneinander agierenden Computern festgelegt, das Unternehmen ist lediglich das Symbol auf dem Ticker. Diese Art von Spekulation kann sehr zerstörerisch sein – für die Aktionäre, das Unternehmen, die Belegschaft und die gesamte Wirtschaft. Genau diese Formen der schädlichen Spekulation könnte die Finanztransaktionssteuer unter Kontrolle bringen.

Handel findet auch aus anderen Gründen statt, beim Hedging zum Beispiel. Hier können Investoren und Unternehmen Risiken absichern und dadurch Schwankungen bei Kosten und Anlagewerten minimieren. Hedging zwecks Risikominimierung ist erkennbar nützlich – will ein Produzent sich zum Beispiel vor sinkenden Maispreisen schützen, kann er den Preis auf der Terminbörse im Vorfeld festlegen. Hedging dieser Art kann häufig erfolgen – zum Teil mehrmals am Tag – aber es unterscheidet sich sehr stark vom Hochfrequenzhandel, der mehrmals in der Sekunde und ohne wirtschaftlichen Nutzen vonstattengeht.

Für mich ist die Frage nicht, ob wir eine Finanztransaktionssteuer brauchen, sondern nur auf welchem Niveau. Ist sie zu niedrig, hat sie keinen Einfluss auf den Hochfrequenzhandel. Ist sie zu hoch, hindert sie das gute Hedging. Ein Niveau von ca. 0,01 Prozent, ein Basispunkt, auf jede Transaktion sollte richtig liegen. Würde es dem guten Hedging schaden? Nein. Würde es mittel- bzw. langfristige Spekulationen einschränken? Nein. Würde es den Hochfrequenzhandel, kurzfristige Spekulation und die wirtschaftlich nutzlosen und destabilisierenden Hedging-Strategien einschränken? Darauf können Sie wetten. Dies ist genau der differenzierte Ansatz, den wir brauchen.

Dr. Paul Wilmott ist Präsident des CQF Institute, Zeitschriftenverleger, und zusammen mit David Orrell Autor des neuen Buchs The Money Formula. Zuvor hat er als Hedgefonds-Manager und akademischer Direktor an der University of Oxford gearbeitet.

1 Kommentar

Es ist höchste Zeit für eine derartige Abgabe auf Finanztransaktionen. Es kann gar nicht sein, dass Spekulation besser gestellt wird als produktive Arbeit!!!

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