Welttag der Alphabetisierung: Bildung schafft Zukunft

UNESCO-Welttag weist auf die grundlegende Bedeutung von Alphabetisierung und Erwachsenenbildung hin
Bildung ist zentral, um soziale Ungleichheit zu überwinden: Sie befähigt Menschen, ein selbstbestimmteres Leben zu führen, eine gut bezahlte Arbeit zu finden, ihre Rechte wahrzunehmen und sich an politischen Prozessen zu beteiligen. Doch lesen und schreiben zu können ist in vielen Teilen der Welt noch immer keine Selbstverständlichkeit, insbesondere für Frauen und arme Familien in ländlichen Gebieten: Fast 760 Millionen Erwachsene gelten weltweit als Analphabet/innen, rund zwei Drittel davon sind Frauen. Dabei zeigt sich in der Praxis: Erhalten Mädchen eine Chance auf Bildung, schreiben sie ihre Zukunft neu.
Von Sandra Dworack

Sidonie aus Benin hat es geschafft. Sie hat sich als Schneiderin für Frauenkleider selbstständig gemacht, hat sich durch harte Arbeit eine Stammkundschaft aufgebaut und erzielt mittlerweile so gute Gewinne, dass sie damit auf ihren Traum sparen kann: Ein eigenes Schneideratelier, in dem sie selbst eines Tages Lehrlinge ausbilden will. Der Weg dorthin führte sie über die Marktschule von Oxfams Partnerorganisation ASSOVIE. Ihre Familie hatte nicht genug Geld, um die Schulgebühren für alle 9 Kinder zu zahlen. Daher schickte sie Sidonie mit 12 Jahren aus ihrem Heimatdorf zu ihrer Tante nach Cotonou, doch zunächst konnte sie auch hier nicht zur Schule gehen, sondern musste sich der Pflege der Großmutter widmen.

Auf dem Markt, auf dem ihre Tante arbeitete, traf sie auf die Mitarbeiter/innen von ASSOVIE, die die Tante schließlich überzeugen konnten, Sidonie am Grundbildungsunterricht in der Marktschule teilnehmen zu lassen. Sie machte so große Fortschritte, dass sie mit 16 Jahren in die Ausbildung zur Schneiderin überwechseln konnte, und im März 2016 schließlich ihren Abschluss machte. Sidonie hat ihre Zukunft neu geschrieben: Bildung ermöglichte ihr den Weg aus der Armut, machte sie selbstbewusst und unabhängig.

Ungleichheit beim Bildungszugang

Doch warum musste Sidonie erst die Hilfe von ASSOVIE bekommen, um Zugang zu Bildung zu bekommen? Obwohl es in Benin inzwischen keine Schulgebühren mehr für die Grundschule gibt, sind die staatlichen Bildungssysteme stark unterfinanziert, es fehlen ausreichend Schulen und Lehrkräfte. Die Grundschulen sind völlig überfüllt und können viele Kinder im grundschulfähigen Alter nicht mehr aufnehmen. Private Schulen, die das staatliche System weiter aushöhlen, sind teuer und verschärfen die Ungleichheiten im Bildungszugang eher. Können nicht alle Kinder in einer Familie zur Schule gehen, werden meist die Mädchen nicht eingeschult. Frühes Arbeiten zur Unterstützung der Familie und arrangierte Ehen sind häufige Faktoren für einen Schulabbruch vieler Mädchen. Gesetze und Bestimmungen zum Recht auf Bildung und zum Schutz der Kinder werden oft nicht durchgesetzt.

In vielen Ländern ist die Situation ähnlich oder sogar noch gravierender. Die Folge: Massive Ungleichheit. Ungleichheit beim Bildungszugang zwischen armen und reichen Familien, zwischen Mädchen und Jungen, zwischen Stadt und Land, zwischen Eliten und marginalisierten Gruppen. Und daraus wiederum speist sich soziale Ungleichheit: Kinder armer Familien bleiben im Teufelskreis aus Armut, mangelnder Bildung und schlecht bezahlter oder gar keiner Arbeit gefangen, Mädchen und Frauen können ihre Rechte nicht wahrnehmen und häufig kein selbstbestimmtes Leben führen.

Entwicklungsländer brauchen Steuereinnahmen, um Bildung zu finanzieren

Daher ist es enorm wichtig, dass lokale Organisationen wie ASSOVIE auch auf politischer Ebene aktiv werden und Druck auf Politik und Verwaltung ausüben. Um auf die Einhaltung von Kinder- und Jugendschutzbestimmungen zu pochen und die Umsetzung des Rechts auf Bildung zu fordern. Vor allem auch, um den Regierungen genau in die Finanzbücher zu schauen: Wie viel Geld geben die Regierungen tatsächlich für den Bau von Schulen und für die Ausbildung und Bezahlung von Lehrkräften aus? Und könnten sie mehr eigene Mittel generieren, um staatliche Bildungssysteme auszubauen? Denn Entwicklungszusammenarbeit ist wichtig, um Länder beim Ausbau sozialer Grunddienste wie Bildung zu unterstützen, langfristig müssen die Länder des Südens jedoch einen größeren Anteil der Finanzierung über solide Steuersysteme und -einnahmen leisten.

Dazu gehört die faire Besteuerung der eigenen Bevölkerung ebenso wie Steuereinnahmen aus der Tätigkeit großer multinationaler Unternehmen, die allzu oft von der Steuerlast befreit werden oder ganz legal allerlei Kniffe zur Steuervermeidung anwenden. Allein dadurch entgehen Entwicklungsländern, vorsichtig geschätzt, jährlich mindestens 100 Milliarden Euro – Geld, das dringend zur Finanzierung staatlicher Bildungssysteme gebraucht wird. Hier braucht es internationale Regelungen für mehr Steuergerechtigkeit. Eine starke Zivilgesellschaft, die diese Fragen mit der Politik diskutiert, ist der Schlüssel zur Veränderung. Eine starke Zivilgesellschaft entsteht mit Frauen wie Sidonie, die nicht nur ihr eigenes Leben in die Hand nehmen, sondern auch andere fördern wollen und sich über lokale Organisationen in den politischen Diskurs einbringen.

Bildung ist ein Zukunftsthema, überall auf der Welt. Arme Länder dabei zu unterstützen, gute Bildungssysteme auszubauen und ihre Eigenverantwortung zu stärken, bleibt eine wichtige Aufgabe staatlicher Entwicklungszusammenarbeit. Wenn in Deutschland Ende September gewählt wird, wird auch über die künftige Ausrichtung der Entwicklungspolitik abgestimmt. Die zukünftige Regierungskoalition muss die Förderung von Bildung in armen Ländern sowie internationale Steuergerechtigkeit zu Kernanliegen ihrer Agenda machen – damit es zukünftig Frauen wie Sidonie überall auf der Welt möglich ist, sich durch Bildung eine eigenständige Zukunft aufzubauen.

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Zusammen mit unserer lokalen Partnerorganisation machen wir uns in Benin vor allem im Bereich Bildung stark.

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