Kiribati im Klimawandel

„Das Meer ist wie unsere Familie. Doch jetzt bedroht es uns“

Kiribati ist einer der Inselstaaten im Pazifik, die am stärksten durch den Klimawandel bedroht sind. Claire Anterea hilft dort ihren Landsleuten, trotz Klimawandel zu überleben. Im Interview erzählt sie, wie Kiribati den Klimawandel spürt – und was sie von der deutschen Klimapolitik hält.
Ein Kind sitzt und fünf Kinder stehen auf einem Damm und blicken auf das Meer.
Betio, Süd-Tarawa, Kiribati: Kinder blicken auf das Meer. Sie stehen auf einem Damm, der die Insel Betio vor der nächsten Flut beschützen soll.

Seit wann arbeitest Du für die Organisation KiriCAN und wie kam es, dass Du Dich im Bereich Klimawandel einsetzt?

Claire Anterea
Claire Anterea aus Kiribati ist Gründungsmitglied der NGO KiriCAN.

Claire Anterea: Vor zwölf Jahren habe ich mich als Nonne für soziale Gerechtigkeit eingesetzt. Meine Ordensschwestern waren der Meinung, dass der Einsatz gegen den Klimawandel Teil der sozialen Gerechtigkeit ist, da wir stark unter dessen Folgen litten, wie zum Beispiel die schwere Küstenerosion, Stürme, verschmutztes Wasser und Dürren. Daher habe ich innerhalb der Kirche eine Arbeitsgruppe zum Thema Klimawandel gegründet. Als ich 2010 das Kloster verließ, war mir klar, dass ich meine Arbeit fortführen und mich weiterhin für soziale Gerechtigkeit und für die Menschen in Kiribati einsetzen muss. Die Menschen müssen mehr über die Folgen des Klimawandels erfahren und lernen, wie sie für ihre Rechte kämpfen können. Also gründete ich mit zwei Mitstreiter/innen die Gruppe KiriCAN – das Kiribati Climate Action Network.

Welche Folgen des Klimawandels sind in Kiribati momentan am stärksten spürbar?

Ich denke, das dringendste Problem ist sauberes Trinkwasser. Es heißt ja nicht umsonst „Wasser ist Leben“. Ohne Wasser können wir nicht überleben. Die Menschen in Kiribati haben mit einer lang anhaltenden Dürre zu kämpfen und das Wasser ist versalzen. Unsere Insel liegt nur ein paar Meter über dem Meeresspiegel. Damit ist unsere Insel stark bedroht.

Das Meerwasser tritt über das Ufer und überschwemmt unser Land. Die einzigen uns zur Verfügung stehenden zwei Wasserquellen sind Regen- und Brunnenwasser, wobei Brunnenwasser unsere Hauptwasserquelle ist. Durch die Dürre und das über die Ufer tretende Meerwasser versalzt unser Trinkwasser langsam. Außerdem ist ein Großteil unseres Brunnenwassers in den Dörfern aus demselben Grund mittlerweile bräunlich; viele Menschen klagen über schmutziges Wasser.

Ein Mädchen holt Wasser aus einem einfachen Brunnen.
Die siebenjährige Akineti Touna holt Wasser aus dem Brunnen ihres Dorfes. Das Wasser benutzen die Anwohner/innen nur noch zum Waschen, nicht zum Trinken, da es mit Salzwasser verschmutzt wurde.

Was bedeutet das für die Menschen in Kiribati?

Die meisten Einwohner/innen haben kein sauberes Trinkwasser für ihre Kinder. Es gibt allerdings einige Projekte, die den Menschen helfen sollen. KiriCAN zum Beispiel versucht Fördermittel für betroffene Gemeinschaften zu erhalten. Auch die Regierung setzt sich stark dafür ein, dass es genügend Regenwassertanks gibt. Das Problem ist, dass diese Tanks ohne Regen wenig nützen. Die Menschen leiden darunter, weil ihr Brunnenwasser bereits betroffen ist und sie vom Regen abhängig sind. Allerdings  gab es bei uns seit letztem Jahr keinen Regen. Das heißt, dass die Tanks leer sind und wir kein frisches Trinkwasser haben.

Gab es schon Fälle, bei denen Menschen aufgrund des steigenden Meeresspiegels ihre Inseln verlassen mussten?

Menschen, die sehr nah an der Küste gelebt haben, mussten ins Landesinnere umsiedeln. Ihre Häuser sind also bereits betroffen. Momentan muss niemand aus Kiribati die Inseln verlassen, denke ich. Die raue Wirklichkeit ist, dass sie es sich auch gar nicht leisten könnten, ins Ausland umzuziehen. Und davon abgesehen, möchten die Menschen auch gar nicht weg: Kiribati ist für uns das Paradies; niemand möchte irgendwo anders leben. Wir wollen hier bleiben, denn das Meer ist wie unsere Familie. Doch jetzt bedroht es uns. Jedes Mal, wenn die Flut bei einem Sturm kommt, haben wir Angst. Wir haben das Meer immer geliebt, aber jetzt haben wir Angst davor. Wenn ich mir den steigenden Meeresspiegel ansehe, spüre ich in meinem Herzen, dass meine Insel und die Menschen verschwinden werden.

Deutschland ist eines der Länder, die am meisten für den Klimawandel verantwortlich sind, und wird aller Voraussicht nach sein Klimaziel für 2020 nicht einhalten. Wie denkst Du darüber?

Ich finde das wirklich traurig. Wir wissen, dass Deutschland große Mengen an Emissionen verursacht, die viele Folgen des Klimawandels hervorrufen, die wir hier auf Kiribati zu spüren bekommen. Emissionen zu reduzieren, um dadurch das Leben anderer Menschen zu retten, ist nicht Deutschlands oberste Priorität. Aber für uns hier auf Kiribati geht es ums Überleben. Daher ist es so traurig zu erfahren, dass Deutschland nicht alles daran setzt, mein Land und uns Menschen zu retten.

Ich denke allerdings, dass Deutschland hier kein Einzelfall ist. Viele reiche Länder in der Welt sorgen sich nicht vorrangig um unser Überleben. Ihre oberste Priorität ist ihre Wirtschaft und ihr eigener Wohlstand. Deswegen wollen sie uns nicht helfen. Das macht mich so wütend und frustriert.

Ich gebe die Hoffnung aber nicht auf. Ich hoffe, dass die reichen Länder das Überleben kleiner Inselstaaten wie Kiribati und Tuvalu, die unter den Folgen des Klimawandels leiden, zur obersten Priorität machen und auch den Bewohner/innen anderer Inseln helfen, bleiben zu können und ein glückliches Leben mit ihren Familien zu führen. Das ist meine Hoffnung.

Claire Anterea aus Kiribati, geboren 1978, ist Gründungsmitglied der Nichtregierungsorganisation (NGO) Kiribati Climate Action Network (KiriCAN). Im Rahmen ihrer Arbeit möchte sie auf die Folgen des Klimawandels aufmerksam machen. Sie unterstützt Gemeinschaften in Kiribati dabei, sich an das veränderte Klima anzupassen; beispielsweise dabei, Fördermittel für Anlagen zur Regenwassernutzung zu erhalten. Außerdem unterstützt sie Küstengebiete bei der Mangrovenbepflanzung, um die Küsten besser vor den Folgen des Klimawandels zu schützen. Vor ihrer Tätigkeit für KiriCAN führte Claire Anterea neun Jahre lang als katholische Nonne ein religiöses Leben. Dabei arbeitete sie eng mit jungen Menschen zusammen und stärkte sie und die katholische Jugend in ihrer Entwicklung.

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