Oxfam, CARE und andere Hilfsorganisationen fordern mehr Investitionen, um afghanischen Mädchen den Schulbesuch zu ermöglichen.

Mädchenbildung galt in den letzten Jahren als eine der wenigen Erfolgsgeschichten in Afghanistan. Doch sie ist in Gefahr. Davor warnt die Studie „High Stakes – Girls’ Education in Afghanistan“, die von Oxfam, CARE und 14 weiteren Hilfsorganisationen erstellt wurde. Die Studie basiert auf einer Befragung von 1.600 Schülerinnen, Eltern und Lehrer/innen in Afghanistan. Demnach gefährden Armut, frühe oder erzwungene Heirat, die schlechte Sicherheitslage, der Mangel an qualifizierten Lehrer/innen, schlecht ausgestattete Schulen und fehlende Sekundarschulangebote die bisherigen Erfolge.

Die Herausgeber der Studie fordern die internationale Gemeinschaft und die afghanische Regierung auf, wieder mehr in die Bildung von Mädchen zu investieren. Sie kritisieren zudem, dass viele Geber ihre Entwicklungshilfe kurzfristigen Sicherheitsinteressen unterordnen. Anstatt ihre Bildungsprojekte nach dem Bedarf zu richten, setzen sie sie häufig dazu ein, kurzfristig die Sympathie der lokalen Bevölkerung für die Truppen der Geberländer zu erhöhen. Das gefährdet viele Schulen, da sie dann leicht zum Ziel von Angriffen werden.

Armut ist größte Hürde für Schulbesuch

Im Jahr 2001 waren in Afghanistan gerade einmal 5.000 Mädchen in der Schule, heute sind es 2,4 Millionen – eine 480-fache Erhöhung. Doch es gibt nach wie vor viele Hindernisse, die Mädchen vom Schulbesuch abhalten. Armut ist laut 41 Prozent der Befragten das größte Problem, gefolgt von früher oder erzwungener Heirat (39 Prozent) und der schlechten Sicherheitslage (32 Prozent). Viele Familien sind darauf angewiesen, dass ihre Töchter zum Lebensunterhalt beitragen. Auch die Kosten für Transport, Lernmittel und Schuluniformen führen zu der bedenklichen Situation, dass etwa eine halbe Million angemeldeter Mädchen nicht regelmäßig oder gar nicht am Unterricht teilnehmen können. 

Zudem variiert die Qualität des Unterrichts stark, und die Schulbedingungen sind vor allem in ländlichen Regionen oft armselig. Neben geeigneten Schulgebäuden, Tischen, Stühlen und Büchern mangelt es an qualifiziertem Lehrpersonal. Insbesondere fehlende Lehrerinnen auf dem Land sind ein wesentlicher Grund dafür, dass zahlreiche Mädchen keine Schule besuchen können.

Mangelhaft sind auch die Perspektiven nach dem Grundschulabschluss: So sind derzeit 1,9 Millionen Mädchen in Afghanistan in der Grundschule, aber nur etwa 400.000 in Sekundarschulen und gerade einmal 120.000 in einer weiterführenden Schule. Das bedeutet, dass nur 18 Prozent der Mädchen im Alter von 18 Jahren noch die Schule besuchen, verglichen mit 42 Prozent der Jungen.

Friedensverhandlungen nicht auf Kosten von Mädchenbildung!

Schon jetzt stellt die schlechte Sicherheitslage das drittgrößte Hindernis für den Schulbesuch von Mädchen dar. In umkämpften Landesteilen schicken viele Eltern ihre Töchter oft nicht mehr zur Schule. Oxfam und CARE fordern, dass im Zuge der geplanten Übergabe der Sicherheitsverantwortung durch die NATO-Staaten an die afghanische Regierung das in der Verfassung verbriefte Recht auf Bildung für Mädchen und Frauen dauerhaft garantiert wird.

Die Studie „High Stakes – Girls’ Education in Afghanistan” basiert auf einer Umfrage, bei der von Mai bis Juli 2010 insgesamt 630 Eltern, 332 Lehrer, 687 Mädchen und 105 Dorfbewohner in 17 afghanischen Provinzen (Badakhshan, Badghis, Balkh, Bamiyan, Daikundi, Ghazni, Herat, Kabul, Kandahar, Khost, Kunar, Kunduz, Nangarhar, Pansjir, Parwan, Samangan und Takhar) befragt wurden.

High Stakes – Girls’ Education in Afghanistan [PDF | 1,4 MB]

Bildergalerie: Mädchenbildung in Afghanistan