• 12. April 2012

Hirten werden zu Fischern

Eine Hirtenschule macht Anpassung an die Trockenheit möglich

In der Region Turkana im Norden Kenias fiel in den letzten fünf Jahren durchgehend zu wenig Regen. Dadurch gibt es nicht genug Gras für die Viehherden, die die Lebensgrundlage der Menschen in der Region bilden.

Hochzeiten finden nicht  mehr statt

Schon vor der schweren Hungerkatastrophe von 2011 hat die anhaltende Dürre das Leben der Menschen stark beeinträchtigt – auch in kultureller Hinsicht. So finden zum Beispiel Hochzeiten kaum noch statt. Um heiraten zu können, muss der Bräutigam eine festgelegte Anzahl von Tieren an die Familie der Braut übergeben. Das ist für die meisten Männer in den letzten Jahren unmöglich geworden, weil das Vieh in der Dürre verendet oder keinen Nachwuchs bekommt. Die Viehherden schrumpfen.

Die Ziegen, Kamele oder Rinder stellen die einzige Einkommensquelle der nomadisch lebenden Menschen dar. Inzwischen hat die Dürre die Erde so stark ausgetrocknet, dass sich tiefe Risse im Boden gebildet haben und kaum noch etwas wächst. Die gesamte Region ist betroffen, sodass die Hirten nicht auf andere Weideflächen ausweichen können. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als auf die Rückkehr des Regens zu warten. Das kann Monate dauern und in der der Zwischenzeit werden weitere Tiere verenden oder so schwach werden, dass sie nicht mehr für den Tauschhandel geeignet sind.

Turkana ist eine der vielen Regionen am Horn von Afrika, die von der schweren Dürre von 2011 nach einer Serie von dürftigen oder komplett ausgefallenen Regenzeiten besonders schwer betroffen sind. Auch in der Vergangenheit hat es Dürren gegeben. Wissenschaftliche Studien und die Beobachtungen der Hirten zeigen jedoch, dass die aktuellen Entwicklungen am Horn von Afrika Teil eines langfristigen Trends sind. Extreme Dürren traten in der Region Turkana früher rund alle zehn Jahre auf, inzwischen ereignen sie sich alle fünf Jahre oder noch häufiger. Zwischen 1960 und 2006 ist die Jahresdurchschnittstemperatur um ein Grad gestiegen. Auch die Zahl der besonders heißen Tage hat zugenommen.

Für Mais wird ein Rückgang von 20% vorausgesagt, für Bohnen bis zu 50%

Für die Zukunft berechnen Klimamodelle für die Region eine Zunahme von klimatischen Extremwetterlagen wie Dürren, aber auch Starkregenfälle, die dann zu Überschwemmungen führen und insgesamt unregelmäßigere Niederschläge. Gleichzeitig wird es heißer – in der Region Turkana bis zur Jahrhundertwende voraussichtlich um drei bis vier Grad Celsius.

Neben den Viehherden leidet dadurch auch der Anbau von Grundnahrungsmitteln. Schätzungen zufolge könnten die für Landwirtschaft nutzbaren Jahreszeiten deutlich kürzer werden und die Ernteerträge wichtiger Grundnahrungsmittel sinken. Für Mais wird ein Rückgang von 20% vorausgesagt, für Bohnen ein Rückgang von bis zu 50%.

Mikrokredite erschließen neue Einkommensquellen

Während Dürren eine Folge von ausbleibendem Regen sind, sind die dadurch entstehenden Hungerkrisen auch menschengemacht. Kriegerische Konflikte und langjährige Vernachlässigung durch Regierung und Verwaltung haben dazu beigetragen, dass die andauernde Trockenheit erst zur Hungerkrise werden konnte.

Mit Projekten wie der Hirtenschule von Akadeli versucht Oxfam, die Abhängigkeit der Menschen von rechtzeitigen und ausreichenden Regenfällen zu verringern. Nachdem viele der Hirten die meisten oder alle Tiere verloren haben, sollen Mikrokredite neue Einkommensquellen erschließen helfen, zum Beispiel den Fischfang im Turkana-See. Ehemalige Hirten fangen und trocknen nun Fisch, den sie auf lokalen Märkten verkaufen können.