Fragen und Antworten: Oxfams Arbeit im besetzten palästinensischen Gebiet
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Oxfam engagiert sich seit den 1950er Jahren im besetzten palästinensischen Gebiet und ist dort seit den 1980er Jahren auch mit einem Regionalbüro vertreten.
Oxfam arbeitet sowohl mit israelischen als auch mit palästinensischen Partnerorganisationen zusammen, um die Lebensbedingungen von marginalisierten und von Armut betroffenen Palästinenser*innen im Gazastreifen und im Westjordanland sowie in Ost-Jerusalem zu verbessern und ihre Rechte zu stärken.
Gemeinsam mit Partnerorganisationen schafft Oxfam den Menschen Zugang zu Lebensmitteln, sauberem Trinkwasser sowie zu umfassenden Schutz- und Unterstützungsangeboten. Diese umfassen psychosoziale Unterstützung, rechtliche Aufklärung und Unterstützung, sichere Schutzräume sowie Sensibilisierungs- und Kompetenzförderungsmaßnahmen.
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Oxfam fordert ein sofortiges Ende der militärischen Gewalt im Gazastreifen und von dessen Blockade. Nur so kann die extreme Not der dortigen Zivilbevölkerung beendet werden. Alle Kriegsparteien müssen die im Oktober 2025 verkündete Waffenruhe vollständig einhalten, dem Schutz der Zivilbevölkerung oberste Priorität einräumen und ungehinderte humanitäre Hilfe ermöglichen. Zudem müssen die Weichen für einen gerechten Wiederaufbau gestellt werden.
Der Krieg im und um den Gazastreifen hat nicht erst am 7. Oktober 2023 begonnen. Die Menschen leiden dort bereits seit vielen Jahren unter periodisch wiederkehrenden Bombardements und einer weitgehenden Abriegelung und Einschränkung der Versorgung durch Israel. Gleichzeitig haben bewaffnete palästinensische Gruppen immer wieder israelische Städte und Dörfer mit Raketen beschossen.
Der von der Hamas und von anderen bewaffneten Gruppen in den Tagen um den 7. Oktober 2023 aus dem Gazastreifen heraus verübte brutale Angriff gegen Israel sowie die anschließende verheerende israelische Militäroperation im Gazastreifen bedeuten eine bedrohliche Eskalation nicht nur der Krise in Gaza, sondern auch im übrigen besetzten palästinensischen Gebiet und in der weiteren Region.
Das damalige Massaker sowie die damit verbundene Geiselnahme von israelischen Zivilist*innen stellen nach Maßstäben des humanitären Völkerrechts ein mutmaßliches Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar.
Israel hat das Recht, sich gegen derartige Attacken zur Wehr zu setzen und die eigene Bevölkerung zu schützen. Regierung und Armee müssen dabei aber strikt den völkerrechtlichen Grundsatz der Verhältnismäßigkeit bezüglich militärischer Notwendigkeit und zivilen Opfern wahren. Die flächendeckenden Angriffe der israelischen Armee gegen den Gazastreifen, bei denen bislang zehntausende palästinensische Zivilist*innen getötet sowie zahlreiche Wohnhäuser, Krankenhäuser, Wasserversorgungsanlagen und andere lebenswichtige Einrichtungen der zivilen Infrastruktur zerstört und weit über eine Million Menschen vertrieben worden sind, sind jedoch nicht verhältnismäßig und stellen daher mutmaßliche Kriegsverbrechen dar.
Die seit Jahren bestehenden drastischen Einschränkungen der Ein- und Ausfuhr von humanitärer Hilfe, essenziellen Gütern sowie des Personenverkehrs durch Israel gehen ebenfalls weit über den legitimen Schutz der eigenen Bevölkerung vor Gewaltakten hinaus. Derartig gravierende Versorgungseinschränkungen stellen eine verbotene Kollektivbestrafung dar, unter der vor allem die Zivilbevölkerung leidet. Oxfam erfährt dieses völkerrechtswidrige Vorgehen im Rahmen der eigenen Arbeit in Gaza und hat die humanitären Auswirkungen unter anderem im Bericht „Water War Crimes: How Israel has weaponised water in its military campaign in Gaza“ von Juli 2024 dokumentiert.
Im Januar 2024 hat der Internationale Gerichtshof (IGH) in einer vorläufigen Rechtsprechung das „Risiko eines Völkermordes“ durch Israel in Gaza festgestellt und zahlreiche Hinweise auf diesen Tatbestand angeführt. Oxfam ist auf Basis eigener Erkenntnisse und im Einklang mit zahlreichen anderen Nichtregierungsorganisationen, Expert*innen der Vereinten Nationen und Völkerrechtler*innen der Auffassung, dass Israel einen Völkermord an den Palästinensern in Gaza begeht.
Oxfam fordert internationale Regierungen und Institutionen auf, jeglichen Bruch von Völkerrecht in Gaza, im übrigen besetzten palästinensischen Gebiet und in Israel zu unterbinden und gleichzeitig ihre diplomatischen Anstrengungen für eine gerechte Friedenslösung zu verstärken. Dazu muss die Gewalt enden, ausreichende humanitäre Hilfe zu den Menschen gelangen und stabilisierende Aufbauhilfe ermöglicht werden. Zugleich müssen Pläne für den langfristigen Wiederaufbau entwickelt werden, der die Sicherheit der Menschen garantiert, ihre Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellt und der ihnen ermöglicht, selbst über ihre Zukunft zu entscheiden. Oxfam hat gemeinsam mit palästinensischen Wirtschaftsexpert*innen einen Bericht veröffentlicht, der einen entsprechenden Fahrplan enthält: Ein konkreter Plan für den Wiederaufbau des Gazastreifens
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Die Situation der Menschen in Gaza ist unerträglich: Einen sicheren Ort gibt es für sie nicht. Trotz der seit dem 10. Oktober 2025 geltenden Waffenruhe sterben täglich Zivilst*innen. Die schreckliche Bilanz der Waffenruhe: Mehr als 1.500 Menschen wurden getötet, davon etwa 37 % Frauen und Kinder. Seit Beginn des Kriegs 2023 wurden insgesamt über 74.000 Palästinenser*innen getötet, darunter über 20.000 Kinder.
Obwohl sich die Versorgungslage im Gazastreifen seit dem Waffenstillstand durch die teilweise wieder möglichen kommerziellen Einfuhren leicht verbessert hat, bleibt die Gesamtsituation extrem angespannt und der humanitäre Bedarf weiterhin extrem hoch: Zwischen Mitte April und dem 30. Juni 2026 waren über 1,2 Millionen Menschen (59 % der Bevölkerung) von einer akuten Ernährungskrise oder Schlimmerem betroffen (IPC-Phase 3 oder höher), darunter 212.000 Menschen in einer Notlage (IPC-Phase 4).
Die ohnehin prekäre Ernährungssituation wird durch die wirtschaftliche Lage zusätzlich verschärft: Mehr als 80 % der Menschen im Gazastreifen sind arbeitslos. Dadurch können sich viele Familien frisches Obst und Gemüse sowie proteinreiche Lebensmittel nicht leisten, selbst wenn diese verfügbar sind. Hinzu kommt, dass das Welternährungsprogramm (WFP) aufgrund weltweiter Mittelkürzungen gezwungen ist, die Lebensmittelrationen für die Menschen im Gazastreifen zu reduzieren.
Unzureichende sanitäre Einrichtungen, eingeschränkter Zugang zu sauberem Wasser sowie die extrem beengten Lebensverhältnisse im Gazastreifen führen dazu, dass sich der Gesundheitszustand der Menschen in Gaza weiter verschlechtert. Das Risiko für die Ausbreitung von Krankheiten, darunter Durchfall, sind hoch.
Mehr als 70 % der Menschen im Gazastreifen sind auf Wasser angewiesen, das per Tankwagen geliefert wierd. Die Wasserknappheit zwingt Familien dazu, täglich abzuwägen, ob sie das verfügbare Wasser zum Trinken, für die Hygiene oder zur Vorbeugung von Krankheiten verwenden.
Mit dem nahenden Beginn der Regenzeit verschärfen sich die Gesundheits- und Schutzrisiken für die Menschen im Gazastreifen. Mehr als 13 % der Bevölkerung lebt in unsicheren und überschwemmungsgefährdeten Gebieten. Unzureichende und abgenutzte Zelte, überfüllte Unterkünfte, mangelhafte sanitäre Bedingungen sowie ein Mangel an Bettzeug, warmer Kleidung, Beleuchtung und sicheren Heizungsmöglichkeiten verschärfen die ohnehin prekäre Situation zusätzlich. Im gesamten Gazastreifen wurden 451 Notunterkunftsstandorte als besonders überschwemmungsgefährdet eingestuft. Dort leben schätzungsweise 464.402 Menschen.
Nicht zuletzt ist die Telekommunikationsinfrastruktur weiterhin stark beschädigt und kaum funktionsfähig, was die ohnehin schwierigen Lebensbedingungen weiter verschärft. Die Verantwortung für die anhaltende humanitäre Krise liegt bei den Kriegsparteien, darunter die israelische Armee und militante palästinensische Gruppen im Gazastreifen.
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Oxfam musste nach Kriegsausbruch zunächst die gesamte humanitäre- und Entwicklungszusammenarbeit im Gazastreifen aufgrund der Kriegshandlungen aussetzen. Inzwischen können wir jedoch gemeinsam mit unseren Partnerorganisationen wieder Nothilfemaßnahmen durchführen.
Seit Beginn der Eskalation haben wir in Gaza mehr als 80.0000 Menschen beispielsweise mit frischen Lebensmitteln, sauberem Wasser, Hygieneartikeln und Schutzmaßnahmen wie Beratung von Mädchen und Frauen erreicht.
In Zusammenarbeit mit unseren Partnerorganisationen unterstützen wir durch:
- Versorgung der Menschen mit sauberem Wasser, sanitären Einrichtungen und Hygieneartikeln. Mit dem nahenden Beginn der kalten und regenreichen Jahreszeit verstärken wir unsere Maßnahmen, um Überschwemmungen im Gazastreifen einzudämmen. Zu den Maßnahmen gehören die Beseitigung von Verstopfungen in Entwässerungssystemen, die Verstärkung von Unterkünften sowie die Instandsetzung wichtiger Wasser- und Sanitärinfrastruktur.
- Wiederherstellung von Wasser- und Abwassernetzen, die durch die Bombardierung zerstört wurden.
Verteilung von Lebensmitteln und lebenswichtigen Haushaltsgegenständen für Menschen, die alles verloren haben. - Unterstützung von Frauen und Mädchen durch rechtliche Beratung zu geschlechtsspezifischer Gewalt (GBV) sowie psychosoziale Unterstützung
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Nein. Oxfam hat immer wieder völkerrechtswidrige Handlungen von allen Parteien im Nahostkonflikt verurteilt und alle Seiten aufgefordert, völkerrechtliche Grundsätze zu befolgen und insbesondere das humanitäre Völkerrecht sowie die internationalen Menschenrechte zu achten. So haben wir zum Beispiel regelmäßig sowohl von israelischen als auch von palästinensischen Akteuren begangene rechtswidrige Gewalt gegen die Zivilbevölkerung kritisiert.
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Oxfam kritisiert den israelischen Siedlungsbau im besetzten palästinensischen Gebiet als schwerwiegenden Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht und als ein ernstes Hindernis für den Frieden. Damit stimmen wir mit der großen Mehrheit der Staatengemeinschaft überein – darunter die Bundesregierung, die den Siedlungsbau ebenfalls als völkerrechtswidrig einschätzt und sich regelmäßig dagegen ausgesprochen hat.
Wir sehen darüber hinaus in den Siedlungen eine der größten Ursachen für die weit verbreitete Armut und rechtliche Benachteiligung großer Teile der palästinensischen Bevölkerung. Bei unserer Arbeit im besetzten palästinensischen Gebiet beobachten wir, wie der fortgesetzte Siedlungsbau palästinensischen Gewerbetreibenden, Bäuer*innen und Hirt*innen ihre Existenzgrundlagen entzieht.
Das besetzte Westjordanland ist durch israelische Siedlungen und Militäranlagen in zahlreiche voneinander getrennte Enklaven geteilt, die Bewegungsfreiheit der Menschen und die wirtschaftliche Entwicklungsfähigkeit sind dadurch stark eingeschränkt. Hinzu kommt die völkerrechtswidrige Ausbeutung von Bodenschätzen und anderer natürlicher Ressourcen durch Israel – während diese den Palästinenser*innen weitgehend vorenthalten werden.
Militante Siedlergruppen verüben Gewalttaten gegen palästinensische Bewohner*innen, vertreiben viele von ihnen aus ihren Häusern, zerstören landwirtschaftliche Flächen und eignen sich ihr Land an. Dies geschieht mit Schutz und Billigung der israelischen Armee und Regierung, die das besetzte Gebiet nicht mehr bloß militärisch besetzt hält, sondern unter Bruch des Völkerrechts zunehmend auch annektiert, also in zivile staatliche Strukturen eingliedert. Ein zukünftiger palästinensischer Staat im Rahmen der international angestrebten Zwei-Staaten-Lösung erscheint dadurch kaum noch realistisch.
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Nein. Oxfam ist der Ansicht, dass das Völkerrecht überall weltweit im selben Maß geachtet werden muss. Dies trifft auch auf andere Staaten zu, die von ihnen besetzte Territorien völkerrechtswidrig wirtschaftlich ausbeuten, ihren Bewohner*innen grundlegende Rechte vorenthalten und die ungerechtfertigte Gewalt gegen sie ausüben.
Widersprüchlich ist jedoch die Politik der EU, die in einzelnen vergleichbaren Fällen bereits Handels- und Investitionsverbote gegen die jeweiligen Besatzungsmächte verhängt hat, um geltendes Völkerrecht durchzusetzen, während sie in Bezug auf Israel bislang keine vergleichbaren Maßnahmen ergriffen hat.
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Oxfam unterstützt keine Boykottforderungen gegen Israel oder andere Länder und ist kein Mitglied der sog. BDS-Kampagne („Boycott, Divestment and Sanctions“ / Kampagne für Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen gegen Israel). Oxfam stellt keine Mittel für die Förderung der BDS-Kampagne zur Verfügung und finanziert auch keinerlei Aktivitäten, die zu derartigen Maßnahmen aufrufen. Unsere Zusammenarbeit mit israelischen und palästinensischen zivilgesellschaftlichen Partnerorganisationen erstreckt sich auf Nothilfe, Armutsbekämpfung und die Stärkung von Menschenrechten.
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Oxfam verurteilt jegliche Gewalt gegen Zivilisten, unabhängig von welcher Seite. Wir sind fest davon überzeugt, dass alle Menschen im besetzten palästinensischen Gebiet und in Israel ein Recht auf ein würdevolles Leben ohne Armut und Gewalt haben. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Einhaltung der bürgerlichen und politischen Grundrechte und des humanitären Völkerrechts. Wir fordern daher einen gerechten und dauerhaften Frieden auf Basis geltender völkerrechtlicher Prinzipien. Nur so lassen sich Sicherheit und Wohlstand für Israelis und Palästinenser*innen gleichermaßen erreichen. Oxfam ist grundsätzlich davon überzeugt, dass eine gerechte Zwei-Staaten-Lösung die notwendige Grundlage dafür ist. Allerdings sehen wir mit großer Sorge, wie die extreme Gewalt im Gazastreifen sowie die seit Jahren voranschreitende gewaltsame Aneignung von palästinensischem Land im Westjordanland im Rahmen des von Israel vorangetriebenen völkerrechtswidrigen Siedlungsbaus, die damit einhergehende Gewalt von israelischen Siedler*innen sowie die Vertreibung von Palästinenser*innen von ihrem Land eine solche Lösung immer unwahrscheinlicher machen.
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Oxfam ist davon überzeugt, dass ein Friedensprozess für Palästinenser*innen und Israelis inklusiv sein muss. Das heißt, alle politischen Akteur*innen und relevanten Interessensvertreter*innen – einschließlich der Zivilgesellschaft, Geflüchteten und speziell Frauen – müssen darin eingebunden werden.
Nur so können Fragen zum endgültigen Status des besetzten palästinensischen Gebiets, die seit Jahrzehnten im Zentrum des Konfliktes stehen, in gerechter Weise gelöst werden (zur Frage der Zwei-Staaten-Lösung siehe auch Frage 2).
Beide Seiten tragen Verantwortung dafür, dass ein dauerhafter Frieden geschlossen und aufrechterhalten werden kann: Auf der einen Seite muss die israelische Regierung dafür sorgen, dass die Voraussetzungen für einen lebensfähigen palästinensischen Staat bestehen – unter anderem der Zugang zu Land, Wasser, Bodenschätzen und anderen natürlichen Ressourcen, die Möglichkeit zu grenzüberschreitendem Handel sowie Bewegungs- und Reisefreiheit.
Auf der anderen Seite dürfen palästinensische Akteure nicht die territoriale Integrität des Staates Israels und die Sicherheit von dessen Bürger*innen bedrohen. Notwendig ist schließlich eine Versöhnung aller maßgeblichen palästinensischen Parteien und Gruppierungen, um den Weg für eine geeinigte und demokratisch legitimierte palästinensische Regierung zu ebnen, die die Bedürfnisse ihrer Bevölkerung erfüllt und den Schutz und die Rechte ihrer Bürger*innen garantieren kann.





