Eine Frau hat ein schlafendes Kind auf dem Schoß und hört mit müdem Gesichtsausdruck einer Ärztin zu, die anhand eines Buches etwas erklärt. Beide Frauen tragen ein schwarzes Kopftuch.
Faktencheck

8 verbreitete Irrtümer über Entwicklungshilfe und Geschlechtergerechtigkeit

Gelder, die in die Entwicklungszusammenarbeit fließen, sind immer wieder Gegenstand von aufgeheizten Diskussionen. Unser Faktencheck – vom „Gender-Wahn“ bis zu den „Radwegen in Peru“.

Irrtum

Entwicklungszusammenarbeit bewirkt nichts.

Die Fakten:

In den vergangenen Jahrzehnten konnten enorme Entwicklungserfolge erreicht werden:

  • Seit dem Jahr 2000 ist die weltweite Kindersterblichkeit mehr als halbiert worden.
  • Die Müttersterblichkeit ist im selben Zeitraum um über ein Drittel gesunken.
  • Für HIV sind selbst in den ärmeren Ländern erschwingliche Medikamente verfügbar geworden.
  • Alphabetisierung: Inzwischen können ca. 87 Prozent aller Menschen weltweit lesen und schreiben, 1960 waren es nur 42 Prozent, vor hundert Jahren nur etwa 12 Prozent.
  • Die Einschulungsraten von Mädchen weltweit stiegen auf über 90 Prozent.
  • Hunger konnte bekämpft werden: Seit dem Jahr 2000 konnte die chronische Mangelernährung von Kindern um 40 Prozent zurückgedrängt werden. Im Jahr 2010 war noch jedes dritte Kind aufgrund von Mangelernährung wachstumsverzögert, jetzt ist es etwa jedes fünfte.
  • Infektionskrankheiten wie Malaria oder Tuberkulose wurden stark zurückgedrängt.

Die aktuellen weltweiten Kürzungen drohen viele der bereits erzielten Erfolge zunichte zu machen.

Irrtum

Fahrradwege in Peru haben nichts mehr mit Entwicklungshilfe zu tun. Sowas ist reine Geldverschwendung.

Die Fakten:

Die viel diskutierten Radwege in Peru sind Teil eines größeren Verkehrsprogramms für ein umweltschonendes Metro- und Bussystem mit Fahrradzubringern. Dadurch sollen auch ärmere Menschen sicher und günstig zur Arbeit, zur Schule oder zum Arzt kommen und die starke Luftverschmutzung in der Hauptstadt Lima soll sinken. Es ist also kein Luxusprojekt, sondern ein Programm, das Armut und Abgase verringert und das Klima schützt. Denn ob Lima oder Berlin: Jede eingesparte Tonne CO2 zählt.

Zudem wurden in öffentlichen Debatten die Kosten oft verzerrt dargestellt und verschiedene Projekte zusammengerechnet. Nur ein sehr kleiner Teil des Projekts sind Zuschüsse für Fahrradwege, der größere Teil sind Kredite für Metro und Busverkehr, die Peru zurückzahlen muss – und von denen unter anderem auch die deutsche Wirtschaft profitiert.

Irrtum

Warum zahlen wir Entwicklungshilfe an Indien und China?

Die Fakten:

Deutschland zahlt seit 2010 keine klassische Entwicklungshilfe mehr an China. Die heutige Zusammenarbeit konzentriert sich auf gemeinsame Projekte zu globalen Themen wie Klimaschutz und Gesundheit. Der größte Teil der statistisch erfassten Mittel umfasst die Kosten der Bundesländer für chinesische Studierende an deutschen Hochschulen. In der Zusammenarbeit mit Indien geht es inzwischen vor allem um rückzahlbare, zinsgünstige Kredite für Klima, erneuerbare Energie und nachhaltige Städte.

Indien und China sind die bevölkerungsreichsten Länder der Welt. Wenn sie beim Klimaschutz vorankommen, profitieren alle. Entwicklungszusammenarbeit ist hier also vor allem Kooperation, um globale Probleme gemeinsam zu lösen.

Irrtum

Die Gelder der Entwicklungshilfe verschwinden nur in korrupten Regierungen.

Die Fakten:

Korruption ist ein reales Problem – deshalb gibt es auch strikte Regeln und Kontrollen zu Rechenschaftslegung, Mittelverwendung und Transparenz. Die staatliche deutsche Entwicklungszusammenarbeit hat gezielte Programme zur Bekämpfung von Korruption sowie integrierte spezielle Antikorruptionsmaßnahmen in den Programmen, etwa im Gesundheitsbereich. Sie fördert zudem zivilgesellschaftliche Organisationen, denn eine aktive, gut informierte Öffentlichkeit ist wichtig, um Rechenschaft und Transparenz von den Regierungen einzufordern. Entwicklungszusammenarbeit hilft also konkret vor Ort – und stärkt gleichzeitig Initiativen, die Korruption bekämpfen.

Ein Beispiel ist das Tax Justice Network Africa, ein Verbund zivilgesellschaftlicher Organisationen, das Bürger*innen mobilisiert und Druck auf die Politik macht, Steuergerechtigkeit herzustellen und die Mittel für staatliche Bildungs- und Gesundheitssysteme einzusetzen.

Irrtum

Die Armut irgendwo in Afrika geht uns nichts an, wir haben genug eigene Probleme.

Die Fakten:

Armut und soziale Ungleichheit sind ein weltweites Problem. Reichtum und Macht konzentrieren sich in den einkommensstarken Ländern wie Deutschland und den USA in den Händen weniger Einzelpersonen; gleichzeitig werden immer mehr Menschen abgehängt und Millionen Menschen leben in Armut (auch in Deutschland). Diese globale Ungleichheit schadet uns allen, da sie die Welt immer mehr auseinanderreißt und Konflikte befeuert.

Entwicklungszusammenarbeit verteilt keine Almosen, sie zielt auf Kooperation und Selbsthilfe, die es Menschen ermöglicht, sich selbst aus der Armut zu befreien.

Und Entwicklungszusammenarbeit bildet die Basis für partnerschaftliche Kooperation beispielsweise mit dem Nachbarkontinent Afrika, um globale Probleme wie den Klimawandel gemeinsam anzugehen.

Anstatt benachteiligte Menschen in Deutschland und in anderen Ländern gegeneinander auszuspielen, ist es sinnvoller, wenn wir solidarisch für eine gerechtere Verteilung von Reichtum und Macht kämpfen. Solidarität und Gerechtigkeit sind Grundpfeiler des menschlichen Miteinanders.

Irrtum

Statt Geld in Gender-Projekte zu verschwenden, sollten wir lieber in wirklich wichtige Dinge wie Nothilfe investieren.

Die Fakten:

Diese Rechnung geht nicht auf. Nothilfe und Geschlechtergerechtigkeit sind kein Gegensatz, sondern bedingen sich gegenseitig. Geschlechtergerechtigkeit ist eine Voraussetzung dafür, dass Nothilfe überhaupt bei denjenigen ankommt, die sie am dringendsten brauchen.

Konkret bedeutet geschlechtergerechte Nothilfe zum Beispiel:

  • getrennte, sichere sanitäre Einrichtungen in Geflüchteten- und Notunterkünften, damit Frauen und Mädchen nicht sexualisierter Gewalt ausgesetzt sind, wenn sie zur Toilette gehen
  • Zugang zu Menstruationshygiene und reproduktiver Gesundheitsversorgung, die in klassischen Nothilfe-Paketen oft fehlen, obwohl sie überlebenswichtig sein können
  • Schutzmechanismen gegen geschlechtsspezifische Gewalt, die in Krisensituationen häufig drastisch zunimmt. Laut UN Women haben mehr als 70 Prozent der Frauen in Krisensituationen diese Form von Gewalt erlebt.

Nothilfe, die diese Perspektive ignoriert, behandelt eine Krise so, als träfe sie alle Menschen gleich. Doch Krisen treffen Frauen und Mädchen häufig besonders hart. Bestehende Ungleichheiten verschärfen sich, das Risiko geschlechtsspezifischer Gewalt steigt, der Zugang zu Gesundheitsversorgung und wirtschaftlichen Ressourcen wird schwieriger. Gleichzeitig nimmt die unbezahlte Pflege- und Sorgearbeit zu, wenn Frauen und Mädchen zusätzlich zur Betreuung von Kindern und kranken Angehörigen auch noch weite Strecken zurücklegen müssen, um Wasser zu beschaffen, weil Schulen, Krankenhäuser und die reguläre Versorgung ausgefallen sind.

Außerdem reicht Nothilfe allein nicht aus. Sie lindert akute Not, verändert aber nicht die Strukturen, die Menschen überhaupt erst in Abhängigkeit bringen. Deshalb braucht es gleichzeitig Entwicklungszusammenarbeit, die Frauen und Mädchen Teilhabe ermöglicht und durch Bildung, wirtschaftliche Unabhängigkeit und rechtliche Absicherung langfristige Perspektiven schafft.

Irrtum

Steuerfinanzierte Gender-Projekte – das ist Ideologie, das ist doch Gaga!

Die Fakten:

Gender-Projekte sind Projekte für Geschlechtergerechtigkeit. Sie berücksichtigen unterschiedliche Lebensrealitäten und setzen dort an, wo Geschlecht oder Geschlechterrollen zu Benachteiligung und ungleichen Chancen führen.

Was auf den ersten Blick abstrakt klingt, ist in der Praxis häufig sehr konkret und rettet Leben. Bei einem Gesundheitsprojekt bedeutet das zum Beispiel, sicherzustellen, dass Frauen Zugang zu medizinischer Versorgung haben. Bei einem Bildungsprojekt geht es darum, dass Mädchen tatsächlich zur Schule gehen können. In der Nothilfe bedeutet es, dass Frauen und Mädchen Zugang zu Nahrung, sauberem Wasser, medizinischer Versorgung und Schutz vor sexualisierter Gewalt haben.

Gerade in Krisen ist das entscheidend. 2024 lebten 700 Millionen Frauen und Mädchen innerhalb von 50 Kilometern zu einem tödlichen Konflikt, so viele wie seit den 1990er-Jahren nicht mehr.

2023 starben jeden Tag mehr als 700 Frauen an vermeidbaren Ursachen im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt, davon mehr als 90 Prozent in Ländern mit niedrigem oder unterem mittlerem Einkommen.

Geschlechtergerechtigkeit bedeutet nicht, Frauen gegenüber Männern zu bevorzugen. Es geht darum, bestehende Benachteiligungen zu erkennen und abzubauen. Deshalb können solche Projekte auch Männer und Jungen einbeziehen, z.B. bei der Prävention von Gewalt, der Überwindung benachteiligender Rollenbilder oder einer gerechteren Aufteilung von Pflege- und Sorgearbeit.

Gender-Projekte sind keine Symbolpolitik. Sie sorgen dafür, dass Entwicklungszusammenarbeit und Nothilfe die Menschen, die sie brauchen, tatsächlich erreicht.

Irrtum

Regierung und Medien stecken sowieso unter einer Decke, um Korruption und Skandale zu vertuschen.

Die Fakten:

Gezielte Desinformation und bewusste Überspitzungen sind ein verbreitetes Mittel rechtspopulistischer Kommunikationsstrategien: Komplexe Themen wie Entwicklungszusammenarbeit werden auf Schlagworte und vermeintliche „Skandale“ reduziert, um Empörung zu erzeugen und bestimmte Gruppen oder politische Ansätze zu diskreditieren.