Seit dem Jahr 2015 berichtet Oxfam jährlich im Januar zum Stand der globalen Ungleichheit. In diesem Jahr lautet unser Befund, dass das Vermögen der Milliardäre und Milliardärinnen im zurückliegenden Jahr um 12 Prozent anstieg, das sind 2,5 Milliarden US-Dollar pro Tag! Die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung verlor dagegen 11 Prozent, oder 500 Millionen US-Dollar am Tag. Einige Leser*innen fragen angesichts dieser Zahlen, was dagegen getan werden kann, andere wollen wissen, wie wir zu unseren Zahlen kommen und weitere zweifeln daran, dass Ungleichheit überhaupt ein Problem ist. Im Folgenden gehen wir auf 5 zentrale Fragen ein.

  1. Ist nicht Armut das viel größere Problem als Ungleichheit?
    1. Unser Wirtschaftssystem belohnt Reichtum und verfestigt Armut
    2. Ungleichheit heizt das Klima auf – den Schaden tragen die Ärmsten
    3. Ungleicher Zugang zu Bildung und Gesundheit zementiert Armut
    4. Ungleichheit verhindert politische Lösungen zur Armutsüberwindung
  2. Ist Ungleichheit ein globales Problem oder nur in armen Ländern?
    1. Chancen geraubt – Aufstiegsversprechen gebrochen
    2. Gefährdung von Demokratie und Gesellschaft
    3. Bremsklotz wirtschaftlicher Entwicklung
  3. Nimmt Ungleichheit zu oder ab?
    1. Globale Vermögensungleichheit nimmt zu
    2. Vermögensungleichheit innerhalb von Ländern
    3. Einkommensungleichheit innerhalb von Ländern
    4. Globale Einkommensungleichheit
    5. Eine relative Abnahme kann auch eine absolute Zunahme sein
    6. Ungleichheit zwischen Männern und Frauen
  4. Wie kommt Oxfam zu seinen Zahlen zu Ungleichheit?
  5. Was kann gegen Ungleichheit getan werden?
    1. Investitionen in soziale Gerechtigkeit erhöhen!
    2. Geschlechtergerechtigkeit schaffen!
    3. Steuern gerecht und sozial gestalten!

1. Ist nicht Armut das viel größere Problem als Ungleichheit?

Immer wieder wird Oxfam gefragt, ob statt Ungleichheit nicht eigentlich Armut das Hauptproblem sei. Doch der Überwindung von Armut stehen eben jene Strukturen im Weg, die extreme Ungleichheit schaffen und zugleich durch Ungleichheit verstärkt werden:

1.1 Unser Wirtschaftssystem belohnt Reichtum und verfestigt Armut

Von unserem Wirtschaftssystem profitieren diejenigen, die auf der Vermögens- und Einkommensleiter ohnehin schon oben stehen. Die Vermögen der Reichsten erreichen neue Rekorde, während der Anteil der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung am globalen Vermögen abnimmt. Kaum anders sieht es bei den Einkommen aus: Die Spitzenverdiener*innen konnten 27 Cent von jedem Dollar des globalen Einkommenswachstums zwischen 1980 und 2016 für sich verbuchen, für die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung blieben nur 12 Cent pro Dollar, so der World Inequality Report 2018.

Wenn die Wohlstandsgewinne zu so großen Teilen von unten nach oben umverteilt werden, können wir das UN-Entwicklungsziel, extreme Armut bis zum Jahr 2030 zu überwinden, nicht erreichen. Dies erkennt auch die Weltbank an. Zwar ist die Zahl der Menschen in extremer Armut weltweit von 1,9 Milliarden im Jahr 1990 auf 736 Millionen im Jahr 2015 gesunken. Es leben jedoch weiterhin Milliarden von Menschen nur knapp über der extremen Armutsgrenze. Sie sind nur eine Arztrechnung oder eine Missernte von Not und Elend entfernt.

Daher hat die Weltbank für etwas reichere Staaten einen den dortigen minimalen Lebenshaltungskosten angemesseneren neuen Schwellenwert von 5,50 US-Dollar eingeführt. Legt man diesen Maßstab an, so leben 3,4 Milliarden Menschen unter der Armutsgrenze – das ist fast die Hälfte der Weltbevölkerung!

Wollte man – unter Beibehaltung der gegenwärtigen Verteilung der Wohlstandsgewinne – jedem Menschen bis 2030 ein Einkommen von mindestens fünf US-Dollar am Tag ermöglichen, so müsste die globale Wirtschaft um das 175-Fache anwachsen. Ein solches Wachstum wäre jedoch angesichts der begrenzten Ressourcen unseres Planeten katastrophal. Fest steht: Wenn wir Armut besiegen wollen, müssen wir Wohlstandsgewinne gerechter verteilen und Ungleichheit bekämpfen.

1.2 Ungleichheit heizt das Klima auf – den Schaden tragen die Ärmsten

Durch ihren Lebensstil verantworten die Reichsten dieser Welt einen Großteil der klimaschädlichen Emissionen – das zeigt ein Oxfam Bericht aus dem Jahr 2015. Zugleich sind sie vor möglichen Naturkatastrophen besonders gut geschützt: dank besserer Infrastruktur, Versicherungen gegen Ernteverluste oder Schäden an ihren Immobilien und durch Dämme gegen Hochwasser.

Hingegen sind die Auswirkungen des Klimawandels wie Unwetter, Dürren und Überschwemmungen für Menschen in Armut besonders dramatisch. Ihre Lebens- und Einkommensgrundlagen hängen häufiger von intakten Ökosystemen ab, beispielsweise in der Landwirtschaft. Zugleich haben ärmere Bevölkerungsgruppen weniger Möglichkeiten, sich an Klimaveränderungen anzupassen oder sich vor ihnen zu schützen. So verschärft der Klimawandel die Lage derjenigen, die bereits am Existenzminimum leben.

1.3 Ungleicher Zugang zu Bildung und Gesundheit zementiert Armut

Armut wird überall dort zementiert, wo es an flächendeckender, guter und vor allem öffentlicher Gesundheitsversorgung sowie entsprechenden Bildungsangeboten mangelt. Denn Zugang zu diesen öffentlichen sozialen Diensten sind eine Voraussetzung für ein gesundes und langes Leben. Zudem können Menschen dadurch einen gut bezahlten Job bekommen, der ihnen einen Weg aus der Armut bietet.

Unser jüngster Bericht zeigt, dass in Kenia jeder dritte Junge aus einer reichen Familie die Möglichkeit erhält, sich nach der Mittelstufe weiterzubilden. Für ein Mädchen aus einer armen Familie liegen die Chancen bei 1 zu 250. Statt ihre Fähigkeiten zu entfalten und zur Lösung von Menschheitsproblemen einzusetzen, holen potenzielle Ärztinnen, Lehrerinnen und Unternehmerinnen Wasser oder sammeln Brennholz. Insgesamt haben weltweit 262 Millionen Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 17 Jahren keinen Zugang zu Bildung.

Die Auswirkungen einer mangelnden Gesundheitsversorgung sind ebenfalls dramatisch: Nachweislich sterben mehr Menschen an vermeidbaren Krankheiten, wenn mehr Gesundheitsdienstleistungen aus der eigenen Tasche bezahlt werden müssen. 100 Millionen Menschen verarmen jedes Jahr, weil sie für ihre Gesundheitsversorgung bezahlen müssen. Unser Bericht zeigt hingegen die lebensrettende Rolle öffentlicher Gesundheitsversorgung. So leistet sie etwa 90 Prozent der Geburtshilfe, die werdenden Müttern in Entwicklungsländern das Leben rettet, während es in nur acht Prozent der Fälle private Anbieter sind.

1.4 Ungleichheit verhindert politische Lösungen zur Armutsüberwindung

Wenn Menschen in extremer Armut ihre gesamte Zeit dafür aufwenden müssen, ihr Überleben zu sichern, bleibt ihnen kaum eine Möglichkeit, politisch aktiv zu werden. In vielen Ländern ist die Beteiligung von ärmeren Menschen an Wahlen und politischen Prozessen deshalb gering – auch politische Ämter haben ärmere Menschen nur selten inne. Bleibt Menschen in Armut ihr Recht auf Teilhabe verwehrt, werden zahlreiche Stimmen nicht gehört.

So zeigen Untersuchungen der Professorin Nora Lustig von der Tulane University, dass die Steuerpolitik in manchen Ländern so regressiv ist, dass die Ärmsten am Ende weniger Geld haben, als sie an Steuern gezahlt haben. Dies ist das Ergebnis einer Politik einer verhältnismäßig kleinen Zahl von Reichen, denen es gelungen ist, politische Regeln zu ihren Gunsten zu gestalten – auf Kosten weiter Teile der Bevölkerung. Ein neuer Oxfam-Report aus Lateinamerika zeigt diese Mechanismen und deren fatale Folgen.

Die Antwort auf solch eine verfehlte Politik liegt jedoch nicht darin, sich ganz zurück zu ziehen und Politik komplett den Interessengruppen der Reichen zu überlassen. Ebenso wenig darin, Parteien oder Kandidaten zu unterstützen, die sich als die echte Stimme des Volkes ausgeben. Politik ist immer ein Aushandlungsprozess zwischen zahlreichen Interessen, oftmals mühsam, manchmal langwierig und von Kompromissen geprägt. Doch nur wer sich einmischt, kann auch gewinnen. Daher liegt für Oxfam die Lösung für dieses demokratische Defizit darin, mehr Beteiligungsmöglichkeiten einzufordern und mit von Armut betroffenen Menschen gemeinsam dafür zu kämpfen, dass ihre Stimme gehört wird.

2. Ist Ungleichheit ein globales Problem oder nur in armen Ländern?

Ungleichheit ist eine globale Herausforderung und betrifft Menschen sowohl in armen als auch in reichen Ländern. Einerseits haben die oben beschriebenen Probleme viel mit Deutschland zu tun. Die Mehrzahl der Deutschen gehört global gesehen zu den Reichen. Würden beispielsweise alle Menschen so leben, konsumieren und reisen wie der/die durchschnittliche Deutsche, so hätten wir bereits am 2. Mai so viele Ressourcen verbraucht, wie die Erde pro Jahr regenerieren kann. In anderen Worten: Wir leben auf Kosten anderer.

Allerdings sind auch innerhalb Deutschlands und Europas die Einkommen und Vermögen sehr ungleich verteilt – und damit auch die Möglichkeiten zur wirtschaftlichen, sozialen und politischen Teilnahme. Auch hier profitieren Vermögende und Spitzenverdiener stärker von unserem Wirtschaftssystem als Menschen mit niedrigen Löhnen. Nach unseren Recherchen haben die deutschen Milliardäre allein im letzten Jahr ihre Vermögen um 20 Prozent steigern können. Die niedrigsten Einkommen sind dagegen zwischen 1991 und 2015 real zurückgegangen. Trotz boomender Wirtschaft ist die Ungleichheit der Einkommen in Deutschland auf einem Höchststand. Und auch hierzulande zeigt sich, dass Menschen mit geringerem Einkommen in der Politik weniger Gehör finden.

Zahlreiche Probleme, die mit Ungleichheit einhergehen, die sie verschärfen, oder über Generationen fortschreiben, unterscheiden sich nicht grundlegend zwischen armen und reichen Ländern, sondern nur in der Intensität. Dazu gehören ein Mangel an öffentlichen Diensten, insbesondere an Bildung und Gesundheitsversorgung,

2.1 Chancen geraubt – Aufstiegsversprechen gebrochen

Die Zustände mögen nicht so katastrophal sein, wie in Ländern des globalen Südens, aber auch hier wird Armut ebenso über Generationen weitergegeben wie Reichtum und den damit verbundenen Privilegien. Auch in Deutschland sterben Menschen in strukturschwachen Regionen deutlich früher als in wohlhabenden Gegenden: Für Männer liegt der Unterschied bei fast elf Jahren, für Frauen bei über acht Jahren. Und auch das deutsche Bildungssystem erschwert es Kindern aus einkommensschwachen Familien, den gleichen Bildungsstand zu erreichen wie Kinder aus besser verdienenden Haushalten, stellte die OECD unlängst wieder fest.

Und neben der physischen Gesundheit wirkt sich Ungleichheit auch negativ auf das psychische Wohlbefinden, Selbstbild und Selbstwertgefühl aus. Mit zunehmender Ungleichheit steigen zudem Status- und Abstiegsangst sowie Stress und Depressionen. Dies führen etwa Kate Pickett und Richard Wilkinson in ihrem neuen Buch „The Inner Level“ ausführlich aus. Menschen in Armut bekommen das Gefühl vermittelt, sie hätten individuell versagt, obwohl es gesellschaftliche Strukturen sind, die dazu führen, dass große Vermögen und materieller Mangel gleichermaßen vererbt werden.

Verantwortlich hierfür ist nicht zuletzt die Idee der Leistungsgerechtigkeit. Diese besagt in Kürze, dass diejenigen, die es nicht an die Spitze schaffen, sich nicht genug angestrengt haben und damit selbst schuld sind. Tatsächlich werden Unterschiede in der Leistung jedoch maßgeblich durch bestehende Ungleichheiten – in Einkommen, Vermögen aber auch Geschlecht und Herkunft – verursacht. Gabriela Ramos, Stabschefin der OECD, macht Einkommensungleichheit als eine der Hauptursachen für den Mangel an Chancengleichheit aus.

2.2 Gefährdung von Demokratie und Gesellschaft

In ungleichen Gesellschaften sinkt das Vertrauen in die Gemeinschaft und der soziale Zusammenhalt leidet. Darin sind sich Autor*innen wie Kate Pickett und Richard Wilkinson und der Internationale Währungsfonds einig. Zudem heizt Ungleichheit auch hierzulande eine politische Krise an, in der es Vermögenden und großen Konzernen gelingt, Politik in ihrem Sinne zu beeinflussen. Auf der anderen Seite verlieren zahlreiche Menschen das Interesse an Wahlen und Politik, weil sie ihre Belange nicht repräsentiert sehen und ihre Anliegen weniger Gehör finden. In anderen Worten: Aus der materiellen Kluft wird eine demokratische Kluft.

Zugleich trägt Ungleichheit dazu bei, dass auch Menschen in der Mitte der Gesellschaft, die nicht von Armut betroffen sind, sich zunehmend vom sozialen Abstieg bedroht oder von der Gesellschaft nicht anerkannt fühlen. Fatalerweise dienen als Projektionsfläche sozialer Ängste oftmals Zugewanderte und Geflüchtete, obwohl sie nicht die Ursache, sondern ebenfalls Betroffene der Ungleichheitskrise sind.

Doch Armut und soziale Ängste sind weder persönliche Schwächen noch dem eigenen Unvermögen geschuldet. Ungleichheit erzeugt diese Strukturen gesellschaftlicher Spaltung, und gemeinsam können wir sie überwinden. Um allen Mädchen und Jungen, allen Frauen und Männern die gleiche Chance auf ein gutes Leben zu ermöglichen, brauchen wir größere Gerechtigkeit bei der Verteilung von Einkommen, Vermögen, Landbesitz, Wasser und dem Zugang zu intakter Natur. Auf Dauer kann dies nur gelingen, wenn arme und marginalisierte Teile der Bevölkerung auch gleichberechtigt an den Prozessen beteiligt sind, in denen über die Verteilung von Ressourcen entschieden wird – in Deutschland genauso wie in Ländern des globalen Südens. In anderen Worten: Gerechte Chancen, gerechte Verfahren und gerechte Verteilung bauen aufeinander auf und bedingen sich gegenseitig.

2.3 Bremsklotz wirtschaftlicher Entwicklung

Nicht zuletzt ist das gegenwärtige Ausmaß von Ungleichheit auch ökonomisch nicht zu rechtfertigen. Während es lange hieß, Ungleichheit wäre notwendig, um Wirtschaftswachstum zu schaffen, sieht dies heute selbst der Internationale Währungsfonds kritisch. Drei Argumente werden für die Neubewertung von Ungleichheit als Bremse wirtschaftlicher Entwicklung herangezogen: Erstens drückt Ungleichheit die Nachfrage, wenn ärmere Bevölkerungsgruppen geringe Einkommen haben und sich nichts leisten können.

Zweitens wird das Potential für Produktion und Innovation nicht ausgeschöpft, wenn zahlreiche Menschen nicht die Gelegenheit bekommen, sich umfassend zu bilden und ihre Talente auch wirtschaftlich einzusetzen. Drittens ist auch die Marktkonzentration in zahlreichen Wirtschaftsbereichen – etwa der Digitalwirtschaft oder dem Ernährungssektor – ein Hindernis. Denn die weltweit größten Konzerne nutzen ihre Marktmacht, schöpfen sehr viel mehr Gewinne ab, bauen damit ihre Finanzmacht aus, kaufen kleinere Wettbewerber auf und sichern ihre Vormachtstellung weiter ab. In Oligopolen und Monopolen ballt sich neben wirtschaftlicher auch politische Macht, was die Ungleichheit weiter vertieft.

Kritiker werfen Oxfam – und anderen, die soziale Ungleichheit thematisieren – vor, damit die Gesellschaft zu spalten. Tatsächlich ist es jedoch die tägliche Erfahrung von Ungleichheit, die den sozialen Zusammenhalt sprengt. Ungleichheit – nicht die Kritik daran – schadet der wirtschaftlichen Entwicklung, der Armutsbekämpfung, heizt die Erderwärmung an und unterhöhlt Demokratien.

Dies macht auch deutlich: Wir alle haben viel zu gewinnen, wenn es uns gelingt, Ungleichheit zu überwinden – mehr gesellschaftlichen Zusammenhalt, mehr Solidarität und mehr Vertrauen. In Gesellschaften mit geringerer Ungleichheit gibt es weniger Gewaltverbrechen und die Menschen fühlen sich sicherer. Weniger Ungleichheit erhöht die Bereitschaft von Menschen, sich für das Gemeinwohl einzusetzen: Der Stress, mit anderen mithalten zu müssen, sinkt und setzt Energien für gemeinsames Engagement frei. Packen wir es an!

3. Nimmt Ungleichheit zu oder ab?

Bevor man diese Frage beantworten kann, ob Ungleichheit zu- oder abnimmt, muss zunächst geklärt sein, über welche Ungleichheit eigentlich gesprochen wird.

Ungleichheit kann mit Bezug auf Vermögen wie auch auf Einkommen bestimmt werden. Vermögens- und Einkommensungleichheit sind nicht identisch, jedoch miteinander verwoben: Einkommen kann in Vermögen umgewandelt werden, wenn es nicht konsumiert wird. Dies ist vor allem den Bezieher*innen höherer Einkommen möglich. Vermögen kann zusätzliches Einkommen generieren, etwa wenn Investitionen Rendite erzielen. Doch jeder Kleinsparer und jede Kleinsparerin weiß: relevante Gewinne aus Vermögen erzielen vor allem die Besitzer*innen größerer Einkommen. 

Diese Formen der Ungleichheit können sowohl global als auch national gemessen werden. Nationale Ungleichheit erfasst die Unterschiede der Einkommen oder Vermögen innerhalb der Bevölkerung eines Landes. Nationale Ungleichheit ist relevant, da zahlreiche Maßnahmen politischer Entscheidungsträger*innen, die Ungleichheit beeinflussen, hier die größte Wirkung erzielen (mehr zu wirksamen Politiken gegen Ungleichheit und Oxfams Forderungen finden Sie hier). Außerdem vergleichen sich Menschen zumeist eher mit Menschen in ihrer Umgebung, bevor sie Vergleiche mit Menschen in anderen Erdteilen anstellen.

Globale Ungleichheit erfasst Einkommens- und Vermögensunterschiede zwischen allen Menschen auf der Welt. Für eine Entwicklungsorganisation wie Oxfam ist der Vergleich auf globaler Ebene wichtig, da wirtschaftliche Gewinne aus weltumspannenden Produktions- und Handelstätigkeiten stammen. Extremer Reichtum und extreme Armut sind durch das globalisierte Wirtschaftssystem miteinander verbunden und müssen daher auch gemeinsam in den Blick genommen werden.

Darüber hinaus gibt es weitere Formen der Ungleichheit, beispielsweise im Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung oder in der politischen Beteiligung. Diese stehen oftmals in engem Bezug zu Einkommen und Vermögen – aber auch zu Geschlecht und Herkunft.

3.1 Globale Vermögensungleichheit nimmt zu 

Die globale Vermögensungleichheit ist dramatisch und hat sich über Jahre verschärft – das zeigen die jährlichen Berichte von Oxfam zu Ungleichheit aus diesem und den vergangenen Jahren. Sie ist dramatisch hoch und hat auch im vergangenen Jahr weiter zugenommen. Das Vermögen der Milliardäre und Milliardärinnen stieg im zurückliegenden Jahr um 12 Prozent an, die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung verlor dagegen 11 Prozent.

3.2 Vermögensungleichheit innerhalb von Ländern

Die nationale Vermögensungleichheit hat in den letzten Jahrzehnten vielerorts weiter zugenommen. Laut World Inequality Report 2018 stieg in den USA der Anteil des reichsten Prozents am Gesamtvermögen von 22 Prozent 1980 auf 39 Prozent im Jahr 2014. In Deutschland besitzt das reichste Prozent ebenso viel die ärmeren 87 Prozent der Bevölkerung. Das ist im europäischen und internationalen Vergleich sehr viel.

3.3. Einkommensungleichheit innerhalb von Ländern

Auch die Einkommensungleichheit innerhalb nationalstaatlicher Grenzen stieg laut Internationalem Währungsfonds in der Mehrheit der Länder an. Da dies insbesondere bevölkerungsreiche Länder betrifft, leben weltweit sieben von zehn Menschen in einem Land, in dem die Einkommensungleichheit zugenommen hat. In Deutschland ist auch die Ungleichheit der Einkommen seit Jahren anhaltend hoch. 2017 waren 15,8 Prozent der Bevölkerung hierzulande von Einkommensarmut betroffen – ein Negativrekord – und jedes fünfte Kind galt als arm. Hinzu kommt: Die Wahrscheinlichkeit, arm zu bleiben, ist ebenso gestiegen wie die, reich zu bleiben – die soziale Mobilität nimmt ab.

Zugleich gibt es gerade auf der nationalen Ebene zahlreiche Möglichkeiten, für Regierungen erfolgreich gegen Einkommensungleichheit vorzugehen: durch faire Steuerpolitik, durch Investitionen in Gesundheit, Bildung und soziale Sicherung, sowie durch faire Löhne und Gleichstellung von Frauen. Daher nimmt Ungleichheit nicht überall gleichermaßen zu, sondern vor allem dort, wo Regierungen sich nicht ausreichend engagieren. Welche Regierungen sich besonders gegen Ungleichheit einsetzen, haben wir im vergangenen Jahr untersucht.

3.4 Globale Einkommensungleichheit

Einkommensungleichheit nimmt global gesehen nach Meinung der Weltbank ab. Dies könnte also die einzige der vier Ebenen von Ungleichheit sein, auf der es Entwarnung gibt. Allerdings: Wäre die Welt ein Land, dann würde sie ein ähnliches Maß an Ungleichheit aufweisen wie Südafrika, eines der ungleichsten Länder der Welt.

Die Daten der Weltbank zeigen vor allem, dass der Unterschied zwischen einem Durchschnittseinkommen in beispielsweise China und Deutschland abgenommen hat. Der Grund dafür ist, dass die Einkommen in China deutlich stärker gewachsen sind als in Deutschland, dies gilt auch für eine Reihe von anderen bevölkerungsreichen asiatischen und lateinamerikanischen Ländern. Ließe man jedoch allein China bei dieser Berechnung außen vor, so hätte auch die globale Einkommensungleichheit weiter zugenommen. Dass zahlreiche Chinesen heute über höhere Einkommen verfügen ist begrüßenswert. Um von einer Trendwende der globalen Einkommensungleichheit zu sprechen, reicht dies jedoch nicht aus. Hinzu kommt die bleibende absolute Ungleichheit, die im nächsten Abschnitt aufgezeigt wird.

3.5 Eine relative Abnahme kann auch eine absolute Zunahme sein

Entwarnung gibt es mit Blick auf globale Ungleichheit auch deswegen nicht, weil sich die oben genannten Messungen ausnahmslos auf relative Unterschiede beziehen. Doch gerade für die Ärmsten sind auch absolute Veränderungen von großer Bedeutung.

Deutlich wird das an folgendem Beispiel: Person A verdient pro Tag 2 US-Dollar, Person B 200 US-Dollar. Erhalten beide eine Lohnerhöhung von 50 Prozent, nimmt die relative Ungleichheit zwischen den beiden nicht zu. Person B wird noch immer 100-mal mehr Einkommen haben als Person A. Zugleich nimmt die absolute Ungleichheit zu: Das Einkommen von Person A steigt nur um 1 US-Dollar, während Person B eine Erhöhung von 100 US-Dollar erhält. Der absolute Abstand zwischen beiden ist von 198 auf 297 US-Dollar angewachsen.

Hungerlöhne können auch bei einer riesigen Steigerung Armutslöhne bleiben, während kleine prozentuale Steigerungen bei hohen Gehältern viel Geld bedeuten. Für Menschen mit geringem Einkommen, kann selbst eine 50- oder 100-prozentige Steigerung des Lohns zu wenig sein, um ein existenzsicherndes Einkommen zu erzielen. In Nigeria liegt der monatliche Mindestlohn beispielsweise bei 57 US-Dollar. Um einen menschenwürdigen Lebensstandard zu gewährleisten, bräuchte es jedoch eine Steigerung um fast 150 Prozent auf 177 US-Dollar.

Es kann also zugleich zu einer Abnahme der relativen und einer Zunahme der absoluten Einkommensungleichheit kommen – und genau dies ist auf globaler Ebene geschehen: Das Einkommen des ärmsten Zehntels der Weltbevölkerung stieg zwischen 1988 und 2013 um 75 Prozent. Die Steigerungsrate ist ungefähr doppelt so hoch wie für das reichste Zehntel (36 Prozent Steigerung), so die Weltbank. Für die unteren 10 Prozent bedeutete dies jedoch eine Erhöhung des Pro-Kopf-Einkommens von nur 217 US-Dollar über einen Zeitraum von 25 Jahren; die Einkommen des reichsten Zehntels stiegen zeitgleich um 4.887 US-Dollar pro Kopf, so Weltbank-Ökonom Christoph Lakner.

Jason Hickel von der London School of Economics weist zudem darauf hin, dass auch die Einkommensschere zwischen den ärmsten und den reichsten Ländern in absoluten Zahlen größer geworden ist. Lag der Unterschied des Bruttonationalprodukts pro Kopf im Jahr 1980 noch bei 18,438 US-Dollar, so waren es 2010 bereits 30,465 US-Dollar.

3.6  Ungleichheit zwischen Männern und Frauen

Ungleichheit besteht nicht allein zwischen Reich und Arm, innerhalb eines Landes oder global, sie existiert auch zwischen Männern und Frauen. Weltweit verdienen Frauen durchschnittlich 23 Prozent weniger als Männer. In der EU sind es im Durchschnitt 16 Prozent  und in Deutschland über 21 Prozent. Frauen verfügen über weniger Vermögen und sie sind seltener in politischen und wirtschaftlichen Spitzenpositionen vertreten.

Eine Ursache sind Gesetze, die es Frauen vielerorts verwehren, über Ressourcen wie Land, Kredite, oder Erbschaften zu verfügen. Zudem benachteiligen diese Gesetze Frauen im Arbeits-, Steuer- oder Erbrecht,. Auch stehen einer echten Gleichberechtigung gesellschaftliche Normen und Stereotype im Wege, die Erziehungs-, Pflege- und Hausarbeit als „Frauenarbeit“ definieren.

In der Folge – und weil öffentliche Dienste in diesen Bereichen fehlen – sind es Frauen und Mädchen, die vorranging die unbezahlte Pflege von Kindern, älteren und kranken Menschen sowie das Waschen, Putzen und Kochen übernehmen. Die Zeit, die Frauen mit unbezahlter und kaum anerkannter Sorgearbeit verbringen, fehlt ihnen, um Einkommen zu erwirtschaften, sich weiter zu qualifizieren und den eigenen Interessen Gehör zu verschaffen.

Insbesondere in dem Alter, in dem Frauen Kinder bekommen können und sich deren Betreuung und Erziehung widmen, sind sie häufiger von Armut betroffen, so die Weltbank. Im Laufe ihres gesamten Lebens haben Frauen daher weniger Möglichkeiten, eine bezahlte Arbeit auszuüben Zudem  müssen sie häufiger prekäre oder schlecht bezahlte Arbeiten verrichten, was wir in unserem Bericht vom letzten Jahr umfassend aufgezeigt haben. Frauen können so weniger Vermögen und eigenständige soziale Absicherung aufbauen, wodurch sie auch im Alter eher in Armut leben.

Nicht zuletzt fehlt Frauen durch ihre unbezahlten Zusatzaufgaben häufig die Zeit, sich in politische Prozesse einzubringen. Wo Politik weder von, noch für Frauen gemacht wird, verstärkt das ihre Benachteiligung. Ein Wirtschaftssystem, das unbezahlte Sorgearbeit nicht anerkennt, wertschätzt und umverteilt, ist nicht gerecht – es ist vorrangig von Männern für Männer gemacht.

4. Wie kommt Oxfam zu seinen Zahlen zu Ungleichheit?

Oxfams jährliche Berechnungen zu globaler Vermögensungleichheit stützen sich auf Angaben der Schweizer Großbank Credit Suisse zum Vermögen der Weltbevölkerung und auf Recherchen des Magazins Forbes zum Vermögen der Superreichen. Die Zahlen sind nicht leicht zu erheben, weder für die Reichsten, noch für die Ärmsten.

Das geringe Vermögen eines indischen Bauern oder etwa seine Schulden bei einem Geldverleiher im Nachbardorf finden nicht unbedingt Eingang in eine offizielle Statistik. Ebenso wenig erfasst werden in die Steueroasen geparkten Milliardenvermögen der Superreichen. Solche partielle Datenlücken werden von den Forscher*innen bei Credit Suisse und Forbes durch Hochrechnungen und Schätzungen ergänzt – beides sind in den Wirtschaftswissenschaften gängige Verfahren.

In der Summe sind dies die beiden besten verfügbaren und über Jahre in ihrem Vorgehen konsistenten Quellen zur weltweiten Verteilung von Vermögen. Sie werden zudem laufend aktualisiert. Jedes Jahr gibt Credit Suisse daher rückwirkend verbesserte – den neuen Informationen entsprechende – Zahlen für die Vorjahre an. Forbes erstellt jährlich eine Liste der weltweiten Milliardär*innen.

Nach diesen Daten verfügten im vergangenen Jahr 26 Personen über ebenso viel Vermögen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung – das sind 3,8 Milliarden Menschen. Obwohl Oxfam vor zwei Jahren meldete, dass acht Männer ebenso viel besitzen wie die ärmere Hälfte der Menschheit, hat die weltweite Konzentration des Vermögens nicht abgenommen.

Denn nach neuesten Erkenntnissen besaßen vor zwei Jahren 49 Menschen ebenso viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, für das Jahr 2017 lautet die bereinigte Summe 44 und für 2018 sind es nach derzeitigem Stand 26 Menschen. Die veränderten Zahlen gehen allein auf Veränderungen in der Datenbasis von Credit Suisse zurück und zeigen weiterhin den Trend einer zunehmenden Konzentration von Vermögen bei den Reichsten.

Im Detail erläutern wir unsere Berechnungen jedes Jahr in einer englischsprachigen „Methodolgy Note,“ die zusammen mit unseren Berichten auf unserer Webseite verfügbar sind. Die Publikationen zu globaler Ungleichheit aus dem Januar 2019 finden Sie hier.

Auf Kritik an unseren Zahlen und den Berechnungen sind wir in den vergangenen Jahren hier und hier ausführlich eingegangen.

5. Was kann gegen Ungleichheit getan werden?

Ungleichheit ist keine Naturgewalt. Die tiefe und wachsende Kluft zwischen Reich und Arm ist das Ergebnis politischer Entscheidungen. Im Zentrum steht die Frage, worauf Regierungen Steuern erheben und wofür sie diese einsetzen. Hier gibt es eine Reihe von Ansatzpunkten für Regierungen auf der ganzen Welt gegen Ungleichheit vorzugehen.

Entschiedenes Handeln in drei Bereichen ist dafür unverzichtbar:

5.1 Investitionen in soziale Gerechtigkeit erhöhen!

Gebührenfreie öffentliche Bildung, Gesundheitsversorgung und soziale Sicherungsnetze sind unverzichtbar im Kampf gegen Armut und Ungleichheit – und wichtig für mehr Geschlechtergerechtigkeit. Zur Finanzierung dieser Dienste brauchen Staaten Spielraum, der nicht durch Spardiktate eingeschränkt werden darf. Das gilt für Deutschland und Europa ebenso, wie für Partnerländer in der Entwicklungszusammenarbeit.

5.2 Geschlechtergerechtigkeit schaffen!

Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern in Bezug auf Einkommen, Vermögen und politische Teilhabe sind vielerorts gewaltig und müssen abgebaut werden. Insbesondere müssen global die Rechte von Frauen gestärkt werden, und wir müssen in Deutschland und Europa die Gleichstellung von Frauen vorantreiben.

5.3 Steuern gerecht und sozial gestalten!

Damit in soziale Gerechtigkeit und Gleichberechtigung investiert werden kann, müssen Konzerne und Superreiche ihren fairen Beitrag zum Allgemeinwohl leisten. Wir müssen Steuervermeidung stoppen, Konzerne angemessen besteuern und Superreiche stärker in die Verantwortung nehmen.

Deutschland als eine der weltweit führenden Wirtschaftsmächte und die Europäische Union als größter Wirtschaftsraum der Welt sind hier in einer besonderen Verantwortung. die Weichen müssen richtig gestellt werden, und zwar durch eine Politik der Solidarität und Weltoffenheit, die soziale Ungleichheit bei uns, in Europa und weltweit effektiv bekämpft.

Die Wahlen zum Europaparlament im Mai 2019 sind daher eine wichtige Weichenstellung, um ein Europa zu schaffen, von dem alle profitieren. Oxfam fordert daher die deutschen Spitzenkandidat*innen für die Europawahl dazu auf, sich klar zu einem Europa der Weltoffenheit und der Solidarität zu bekennen und entsprechende Politik zu machen.

Fordern Sie die deutschen Spitzenkandidat*innen zur Europawahl auf, diese 6 Versprechen für ein gerechtes Europa abzugeben!

Jetzt mitmachen

Kommentieren