Was sind deine Aufgaben vor Ort?

Jan Rogge (links)

Ich bin Büroleiter des Oxfam Büros in Nigeria. Wir sind über 100 Mitarbeiter/innen und haben sieben Büros außerhalb der Landeshauptstadt Abuja, überwiegend im Norden und Nordosten des Landes. Als Länderdirektor trage ich die Gesamtverantwortung für unser Büro und unser Programm. Dazu gehören die Umsetzung unserer Projekte, die Sicherheit unserer Mitarbeiter/innen, die Außendarstellung sowie die Vertretung und Finanzverantwortung gegenüber den Geldgebern.

Zurzeit gilt meine besondere Aufmerksamkeit der humanitären Hilfe, weil im Nordosten Nigerias und auch in den Nachbarstaaten um den Tschadsee, die Menschen an Hunger sterben und zwar zunehmend. Wir steuern mittlerweile in eine Situation, die vergleichbar ist mit der Hungersnot in Somalia 2011.

 

Wie ist die Situation in Nigeria?

Wir blicken zurück auf einen inzwischen sieben Jahre währenden bewaffneten Konflikt zwischen Aufständischen der Boko Haram und den nigerianischen Sicherheitskräften. Über 20.000 Menschen haben ihr Leben verloren. Boko Haram gilt als eine der brutalsten Terrororganisationen, aber das nigerianische Militär ist ebenfalls bekannt für Menschenrechtsverletzungen.

Der Konflikt betrifft vor allem den Bundesstaat Borno, wo zurzeit 1,2 Millionen Menschen auf der Flucht sind. Die meisten haben ungenügend Nahrungsmittel zur Verfügung, viele bekommen höchstens einmal am Tag etwas zu essen. Die Wirtschaft ist zusammengebrochen, die Transportwege sind zerstört und die Märkte funktionieren nicht mehr.

Was ist der Hintergrund des Konfliktes?

Extreme soziale Ungleichheit, Armut und die Bereicherung von Politikern führten 2002/2003 zum Entstehen von Boko Haram, damals als eine Gruppe des zivilen Ungehorsams mit islamischem Hintergrund. Gewalttätig eskalierte der Konflikt erst später.

Der Aufstieg von Boko Haram und die Sympathie für sie resultieren aus dem Wunsch der Bevölkerung des Nordens nach Veränderung des Status Quo, dem Zugang zu Bildung, Gesundheit und Arbeit etwa, die es damals für die breite Masse nicht gab. Das sind die Ursprünge, weshalb sich viele Menschen, dieser Bewegung angeschlossen haben. Heute ist es allerdings eine Terrororganisation, die zu den brutalsten der Welt zählt.

Womit haben die Menschen täglich zu kämpfen?

Kinder, die in einem Camp für Binnenflüchtlinge in Maiduguri im Bundesstaat Borno, Nigeria, leben.

Die meisten Flüchtlinge leben in und um Maiduguri, der Hauptstadt des Bundesstaates Borno. Maiduguri ist eine Millionenstadt, in der zurzeit zusätzlich 1,2 Millionen Menschen in Camps und lokalen Gemeinden leben. 250.000 bis 300.000 Menschen leben in 16 Camps für Binnenflüchtlinge, außerhalb der Großstadt. Wenn wir mit dem Helikopter über diese Region fliegen, dann sehen wir zerstörte Dörfer, Straßen und Brunnen. Da ist kein Leben mehr außerhalb dieser Camps. Das Militär ist für die Versorgung der Menschen in den Camps zuständig und vor allem dort sterben Menschen an Hunger.

Die Menschen, das sind überwiegend Kinder unter fünf Jahren. Junge Frauen und Männer gibt es kaum noch. Zum Teil sind sie im Konflikt gestorben, kämpfen auf Seiten der Boko Haram oder sind außerhalb der Region auf der Flucht. Das heißt, in diesen Camps leben überwiegend ältere Frauen und Kinder.

Laut Ärzte ohne Grenzen, UNICEF und Action Against Hunger sind in diesen Camps 65.000 Menschen vom Hungertod bedroht, täglich sterben Kinder. Ich kann das bestätigen. Bei unseren gelegentlichen Besuchen in diesen Camps  sehen wir Gräber, die dort ausgehoben werden. Und das sind in der Regel kleine Gräber für Kinder.

Spricht Oxfam selber auch schon von einer Hungernot?

Ja, wir reden von einer Hungersnot. Die Situation ist dramatisch. Für humanitäre Organisationen wie Oxfam ist es schwer, sich ein vollständiges Bild zu machen, weil der Zugang zu diesen Camps sehr begrenzt ist. Im Moment ist es für uns aufgrund der schlechten Sicherheitslage fast unmöglich, in diese Camps zu gelangen.

Vermutlich nimmt das Militär an, dass ein großer Teil der Flüchtlinge, Sympathisanten der Boko Haram sind. Diese Menschen werden sozusagen festgesetzt bis auf weiteres. Das heißt, die Menschen, die dort in den 16 Flüchtlingscamps leben, sind eine Art Gefangene, die kaum etwas zu essen bekommen, weil die Nahrungsmittel diese Menschen nicht erreichen. Das ist nicht unbedingt böser Wille des Militärs. Dennoch ist die nigerianische Regierung nicht in der Lage diese Menschen ausreichend würdig zu ernähren.

Du erwähnst am Anfang die Hungerkrise in Somalia 2011 - was muss geschehen, um eine solche Not in Nigeria zu vermeiden?

Es ist ein Teil der Strategie des nigerianischen Militärs, Boko Haram auszuhungern und ihnen keine Möglichkeit zu geben, Nachschub zu bekommen. Deshalb werden die Menschen weiterhin vom Militär in Camps festgehalten, zu denen humanitäre Organisationen kaum Zugang haben.

Die nigerianische Regierung muss die Situation in den Camps verbessern. Die Verwaltung kann nicht weiter in der Hand des Militärs sein. Das ist nicht die Aufgabe der Militärs, das ist die Aufgabe von humanitären Organisationen. Oxfam würde da gerne helfen. Erst dann, wenn diese Camps wieder unter zivile und humanitäre Kompetenz gelangen, könnte die wachsende Hungersnot gelindert werden.

Welche humanitäre Hilfe leistet Oxfam?

Kinder und Männer stehen um einen Oxfa-Wassertank in einem Camp für Binnenflüchtlinge, Nigeria
Jan Rogge, Oxfam-Länderdirektor in Nigeria (rechts im Bild), besucht ein Camp für Binnenflüchtlinge in Maiduguri. Oxfam versorgt dort die Menschen unter anderem mit Trinkwasser. (Wassertank im Hintergrund)
Oxfam war eine der ersten Hilfsorganisationen, die im humanitären Bereich im Nordosten Nigerias tätig wurde. Wir haben seit 2014 über 200.000 Menschen mit Wasser, sanitären Einrichtungen und Fortbildungen in Hygiene versorgt. Wir verteilen Grundnahrungsmittel, stellen Saatgut und einfache Geräte zur Verfügung, wenn die Menschen Anbauflächen zur Verfügung haben. Oxfam schafft auch Notunterkünfte. Wir planen bis Ende nächsten Jahres 1,4 Millionen Menschen zu erreichen, weil sich die Situation der Menschen innerhalb der letzten anderthalb Jahre dramatisch verschlechtert hat.

Oxfam arbeitet überwiegend in Gastgemeinden, da 80 Prozent der Binnenflüchtlinge dort und nicht in den offiziellen Camps leben. Es handelt sich dabei um ländliche Gemeinden von 6.000 - 9.000 Menschen, die überwiegend von der Landwirtschaft leben. Die Gastgemeinden haben den Menschen Flächen zur Verfügung gestellt, wo sie ihre Hütten mit unserer Hilfe aufstellen und etwas anbauen können, um sich zu ernähren.

Wie ist das Leben in den Gastgemeinden?

Die große Mehrheit der Nigerianer nimmt ihre Brüder und Schwestern klaglos auf und versorgt sie. Für mich sind das Helden. Denn die Gastgemeinden leiden unter den schwierigen Bedingungen. Sie müssen ihr Essen mit den Flüchtlingen teilen. Das gehört tatsächlich zum Selbstverständnis der Nigerianer: Menschen in Not aufzunehmen. Es ist keineswegs das Selbstverständnis zum Staat zu laufen und staatliche Hilfe einzufordern. Deswegen sucht die Mehrheit der Binnenflüchtlinge Zuflucht in Gemeinden und eben nicht in den schlecht verwalteten staatlichen Einrichtungen. 

Mit welchen Problemen ist Oxfam bei der Versorgung der Menschen konfrontiert?

Der Zugang zu den Menschen ist ein großes Problem. Die Sicherheitslage und zerstörte Straßen erschweren unsere Arbeit. Die Abstimmung unter den Akteuren seitens der Vereinten Nationen, deren Mandat die Koordination der Akteure ist, muss verbessert werden.

Wir sind der Überzeugung, dass diese Situation nicht militärisch zu lösen ist. Es ist wichtig, die Wurzeln des Konfliktes anzupacken und den Menschen ein Leben in Würde zu ermöglichen. Eine entscheidende Maßnahme wäre der Zugang zu einem öffentlichen Bildungs- und Gesundheitswesen.  

Ein anderer Punkt ist die unzureichende finanzielle Ausstattung der Nothilfe durch die internationale Gemeinschaft. Nigeria und dazu gehört die gesamte Region um den Tschadsee, also Kamerun, Niger, Tschad, sind eine Krisenregion, die kaum auf dem Radar der Geldgeber ist. Die Regierungen unternehmen viel zu wenig, um den Menschen zu helfen.

In welchem Umfang sind Mittel nötig?

Für die humanitäre Arbeit haben wir im Moment jährlich fünf Millionen Euro zur Verfügung. Um der Aufgabe gerecht zu werden, die 1,4 Millionen Menschen zu erreichen, die dringend Hilfe benötigen, wären mindestens 30 Millionen nötig. Zurzeit haben wir 15 Prozent dessen, was wir bräuchten, um die Menschen in Nigeria angemessen zu versorgen.

Was kann die deutsche Regierung tun?

Ich erwarte mir vor allem mehr politisches Engagement seitens Deutschlands, diese unwürdige Situation der Menschen, nicht nur in Borno, nicht nur im Konflikt, immer wieder offen gegenüber der nigerianischen Regierung anzusprechen. Als eines der reichsten öl- und gasfördernden Länder der Welt wäre Nigeria in der Lage, mehr Verantwortung für seine Probleme zu übernehmen.

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