Die weitgehend ungehinderte Ausbreitung von Ebola in Westafrika ist auch auf den Zustand der dortigen Gesundheitssysteme zurückzuführen. Dieser Sachverhalt ist inzwischen auch der breiteren Öffentlichkeit bekannt aber es lohnt sich, die Daten noch einmal Revue passieren zu lassen. Manche Quellen sprechen von 50 Ärzten, andere von 61, die vor Ausbruch der Epidemie in Liberia tätig gewesen sein sollen. Und die WHO-Statistiken sprechen eine Sprache, die klarer nicht sein könnte: In Liberia versorgte vor Ausbruch der Epidemie ein Arzt 100.000 Menschen. Das ist der allerletzte Platz für Ärztedichte weltweit. Die Kapazitäten ärztlicher Versorgung in Sierra Leone (2,5 Ärzte auf 100.000, fünftletzter Platz) und Guinea (10 Ärzte auf 100.000, 29-letzter Platz) sind nicht viel besser.

Auch im Bereich der Versorgung mit Pflegekräften und Hebammen gehören alle drei Länder zu den 15 schlechtversorgtesten Ländern der Welt. Gesundheitssysteme sind hier, zumal in den ländlichen Gebieten, nahezu inexistent. Im Bereich Müttersterblichkeit - ein recht zuverlässiger Proxyindikator für die Stärke von Gesundheitssystemen - liegen alle drei Länder an der Weltspitze. Sierra Leone hat mit 1,100 Todesfällen auf 100.000 Lebendgeburten (2013) sogar die mit Abstand höchste Müttersterblichkeit aller Länder weltweit.

Die Daten der Nachbarländer Senegal und Côte d’Ivoire sehen zwar etwas besser aus, aber nicht viel.

Und just in diesem schlechtversorgtesten Dreiländereck der Welt zwischen Guinea, Sierra Leone und Liberia steckte sich im Dezember 2013 ein zweijähriger Junge mit Ebola an. Seither konnte sich die tödliche Krankheit in alle Richtungen ausbreiten. Wer hätte sie auch daran hindern sollen?

Die Gründe hinter diesem Versagen sind vielfältig und die Bürgerkriege in Liberia und Sierra Leone haben sicherlich ihren Beitrag zur schlechten Gesundheitsversorgung geleistet. Genauso wahr ist, dass die Geberländer regelmäßig hinter ihren Selbstverpflichtungen zurück bleiben. Genannt werden muss aber auch, dass beispielsweise Sierra Leone in den letzten Jahren einer Handvoll international agierender Bergbauunternehmen großzügige Steuerbefreiungen gewährte. Dem Staat entgehen durch diese Steuergeschenke Einnahmen von durchschnittlich 200 Millionen US Dollar pro Jahr. Das entspricht rund 7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes Sierra Leones, beziehungsweise dem achtfachen seines Etats für das öffentliche Gesundheitswesen.

Im weiteren Verlauf der Krise zerfallen die ohnehin schwachen Gesundheitssysteme derzeit weiter: Die WHO schätzt den Anteil von Gesundheitsfachkräften unter den Ebolatoten auf zehn Prozent.

Die zentrale Lehre aus der Ebola-Katastrophe muss lauten: Flächendeckende und gut ausgestattete Gesundheitssysteme weltweit und für alle.

Und das gilt nicht nur für Afrika. Entfernt lassen sich Parallelen zur ersten Ansteckung mit Ebola auf europäischem Boden im Oktober 2014 in einem Madrider Krankenhaus ziehen. Denn auch hier ging der Ansteckung eine Schwächung des Gesundheitssystems voraus. Die ehemalige Madrider Vorzeigeklinik Carlos III war nach den Kürzungen im spanischen Gesundheitssystem laut Gewerkschaftssprechern gar nicht mehr in der Lage, die betreuenden Schwestern den Erfordernissen von Ebola entsprechend einzusetzen.

Auch die deutsche Gesundheitspolitik trägt weltweit zur Schwächung von Gesundheitssystemen bei, denn auch hier sind Gesundheitsfachkräfte und insbesondere Pflegekräfte überaus knapp. Und der hiesige hausgemachte „Pflegenotstand“ wird inzwischen fleißig in die Länder des Südens exportiert: Bundesregierung, Arbeitgeberverbände, Agenturen und Kliniken werben mit zunehmender Intensität Pflegefachkräfte ab. Zwar nicht aus Sierra Leone oder Liberia, wohl aber aus Ländern wie Vietnam, China oder Tunesien. Der hiesige Fachkräftemangel im Gesundheitswesen und die Öffnung der deutschen Grenzen für zuwanderndes Pflegepersonal wirken als "Pull-Faktor" verstärkend auf die Abwanderung von Fachkräften aus den Ländern des Südens.

Und auch aus Guinea, Sierra Leone und Liberia sind in der Vergangenheit große Zahlen der im Land ausgebildeten Ärzte abgewandert. Vornehmlich in die frankophonen und englischsprachigen Länder des Nordens. Sierra Leone und Liberia gehören zu den fünf afrikanischen Ländern, die über die Abwanderung mehr als 50 Prozent ihrer selbst ausgebildeten Ärzte verlieren. Statt am Aufbau nationaler Gesundheitssysteme mitzuwirken subventionieren die medizinischen Hochschulen in Monrovia und Freetown in erster Linie die Gesundheitssysteme des Nordens. In der Fachliteratur zum Thema nennt man das eine „perverse Subvention“.

So wie die Dinge derzeit liegen, kann es in den drei Ebolaländern nur darum gehen der Ausbreitung der Seuche so schnell und so effektiv wie irgend möglich Einhalt zu gebieten. Aber wenn es langfristig in Sierra Leone, Liberia und in Guinea wieder an den Aufbau von Gesundheitssystemen geht, dann ist erstens für eine solide und nachhaltige Finanzierung sowohl aus Gebergeldern wie auch aus dem einheimischen Steueraufkommen (einschließlich multinationaler Bergbauunternehmen!) zu sorgen. Zweitens stehen die Länder des Nordens in der Pflicht für ihren einheimischen Fachkräftemangel endlich einheimische Lösungen zu entwickeln, anstatt wie bisher den globalen Arbeitsmarkt leerzukaufen.

Für Deutschland muss das auch heißen endlich für anständige Arbeitsbedingungen in der hiesigen Kranken- und Altenpflege zu sorgen.

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