Illustration zeigt zwei Frauen, die eine hält Feuer in der Hand, die andere Wasser.

Rechte ohne Ressourcen

| Autor*in: Pia-Natalina Schwertner
Wie Kürzungen in der Entwicklungshilfe Frauen und Mädchen weltweit gefährden

Weltweit sind die Rechte und Existenzen von Frauen, Mädchen und queeren Menschen bedroht. In Deutschland finden von Gewalt betroffene Frauen vielerorts keinen Platz im Frauenhaus. In den USA dürfen Frauen in vielen Bundesstaaten nicht mehr selbst über Schwangerschaftsabbrüche entscheiden. Und im Tschad riskieren Frauen bei Schwangerschaft und Geburt ihr Leben, weil medizinische Versorgung fehlt.

Was all diese Beispiele zeigen: Rechte existieren nicht von allein. Sie müssen geschützt, ermöglicht und finanziert werden. Rechte sind nur dann real, wenn Menschen sie auch tatsächlich wahrnehmen können. Ein Recht auf Schutz vor Gewalt bedeutet wenig, wenn es keinen Platz im Frauenhaus gibt. Das Recht auf gesundheitliche Versorgung bleibt abstrakt, wenn keine Klinik erreichbar ist oder Medikamente fehlen. Und das Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper verliert seinen Sinn, wenn fehlende Infrastruktur oder Finanzierung den Zugang zu medizinischer Versorgung verhindern.

Genau deshalb bedrohen die aktuellen internationalen Kürzungen in der Entwicklungszusammenarbeit und Nothilfe die Rechte von Frauen, Mädchen und queeren Menschen weltweit: Ohne ausreichende Mittel schließen mobile Kliniken und Schutzräume, Bildungsangebote fallen weg.

Die globale Kürzungswelle

Vorläufigen Schätzungen zufolge ist die globale öffentliche Entwicklungszusammenarbeit 2025 um bis zu 17 Prozent zurückgegangen. Es war bereits das zweite Jahr in Folge mit sinkenden Mitteln. Und der Ausblick ist alarmierend: Auch in den kommenden Jahren ist mit weiteren Kürzungen zu rechnen. Die Folgen treffen besonders Frauen und Mädchen, die in Krisen- und Armutskontexten stärker auf öffentliche Unterstützung angewiesen sind.

Besonders betroffen: Gesundheit und Schutz vor Gewalt

Besonders stark von Kürzungen betroffen ist die UN-Organisation für sexuelle und reproduktive Gesundheit (UNFPA). Der Organisation zufolge könnten bis zu 12 Millionen Frauen und Mädchen wichtige Gesundheits- und Schutzdienste verlieren, wenn bestehende Finanzierungslücken nicht geschlossen werden. Die Folgen wären gravierend: Die Müttersterblichkeit würde steigen, ungewollte Schwangerschaften zunehmen und der Zugang zu Diensten zur Prävention und Bekämpfung geschlechtsspezifischer Gewalt wäre erheblich eingeschränkt.

Kritisch ist die Lage vor allem in Konflikt- und Krisenkontexten. Rund 7,7 Millionen schwangere Frauen benötigen dort humanitäre Unterstützung. Das Risiko, während Schwangerschaft oder Geburt zu sterben, ist dort bis zu fünfmal höher als in stabilen Kontexten. Mobile Kliniken, Hebammenprogramme und Notfallversorgung sind für viele Frauen überlebenswichtig, doch genau diese lebensrettenden Angebote sind durch die Kürzungen bedroht.

Frauenrechtsorganisationen unter Druck

Gleichzeitig geraten lokale Frauenrechts- und frauengeführte Organisationen unter Druck. Viele betreiben Beratungsstellen und Schutzräume, sind aber stark von internationaler Finanzierung abhängig. Eine internationale Umfrage von UN Women zeigt, dass bereits 90 % der Frauenrechtsorganisationen von negativen Folgen durch sinkende Fördermittel berichten. Über die Hälfte sieht sich gezwungen, Programme einzustellen oder steht vor der möglichen Schließung. Für Frauen und Mädchen bedeutet dies einen noch eingeschränkteren Zugang zu Bildung, sexueller und reproduktiver Gesundheit und Rechten sowie zum Schutz vor geschlechtsbasierter Gewalt.

Die fatalen Folgen der US-Kürzungen

Wohin der globale Trend führen kann, zeigt ein Blick in die USA: Im Zuge massiver Kürzungen der internationalen Hilfe wurden dort 2025 rund 88 % der Mittel für die Mutter-Kind-Gesundheit sowie 94 % der Mittel für die sexuelle und reproduktive Gesundheit von Frauen und Mädchen gestrichen. Die konkreten Folgen: die Versorgung von bis zu 16,8 Millionen schwangeren Frauen ist gefährdet. Jährlich könnten mehr als 17 Millionen Frauen und Mädchen ungewollt schwanger werden und bis zu 34.000 Frauen an vermeidbaren Komplikationen während Schwangerschaft und Geburt sterben.

Gleichzeitig wurden etwa 78 % der humanitären Mittel zur Bekämpfung geschlechtsbasierter und sexueller Gewalt gekürzt. Infolge dieser Einschnitte haben laut eines Berichts der Women‘s Refugee Commisson mindestens 3 Millionen Frauen und Mädchen in humanitären Krisen den Zugang zu dringend benötigten Präventions- und Unterstützungsangeboten verloren.

Auch in Deutschland wird der Rotstift angesetzt

Vor diesem Hintergrund ist es besonders kritisch zu bewerten, dass auch die deutsche Bundesregierung unter Friedrich Merz weitere Kürzungen bei humanitärer Nothilfe und Entwicklungszusammenarbeit plant. Diese Einschnitte treffen ausgerechnet jene Bereiche, in denen finanzielle Mittel unmittelbar Leben retten und die Rechte von Frauen und Mädchen stärken.

Dabei besteht durchaus finanzieller Spielraum: Eine gerechte Besteuerung sehr großer Vermögen könnte erhebliche zusätzliche Einnahmen generieren. Dennoch wird häufig der Eindruck erweckt, man müsse zwischen internationaler Solidarität und einer starken sozialen Infrastruktur in Deutschland wählen. Eine Gegenüberstellung, die in die Irre führt und die Lebens- und Zukunftschancen von Frauen und Mädchen gefährdet.

Geschlechtergerechtigkeit braucht Finanzierung

Denn das ist der Kern: Rechte, die nicht finanziert werden, bleiben Theorie. Geschlechtergerechtigkeit entsteht nicht durch gute Absichten, sondern durch politische Verantwortung und verlässliche finanzielle Mittel. Die aktuellen internationalen und nationalen Kürzungen bei der Entwicklungszusammenarbeit gefährden beides. Und damit das Leben und die Chancen von Frauen und Mädchen weltweit.