Die Ergebnisse von Oxfams jährlicher Studie zu globaler Ungleichheit finden zahlreiche Menschen erschütternd, loben aber zugleich die Analyse. Wir erhalten viele Zuschriften von Menschen, die in die Kritik an den Verhältnissen einstimmen und unsere Lösungsvorschläge befürworten. Daneben löst die Veröffentlichung bereits seit einigen Jahren auch Kontroversen aus. Auf unsere Kritiker – in diesem Jahr ausschließlich Männer – in den Redaktionen, liberalen Wirtschaftsinstituten und Think Tanks gehen wir an dieser Stelle ein.

Werden die Armen ärmer?

Besonders prominent wird in diesem Jahr in Beiträgen von Philip Plickert in der FAZ, von Uwe Hessler auf der Deutschen Welle, Christian Rickens im Handelsblatt, Daniel Eckert in der Welt und anderen der ifo-Ökonom Andreas Peichl zitiert, der Zweifel „am neuen Oxfam-Bericht und insbesondere an der behaupteten Verarmung der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung“ äußert. Er führt an, dass dies „nicht der makroökonomischen Realität“ entspreche. Wir fragen uns, welche vergleichbar aktuellen Daten zur globalen Vermögensverteilung Herrn Peichelt zu anderen Annahmen bringen und machen unsere Zahlen und Quellen hier nochmals transparent.

Oxfams jährliche Berechnungen zu globaler Vermögensungleichheit stützen sich auf Angaben der Schweizer Großbank Credit Suisse zum Vermögen der Weltbevölkerung und auf Recherchen des Magazins Forbes zum Vermögen der Superreichen. Hier finden Sie eine Excel-Datei mit den Daten der Credit Suisse.

Nach Angaben der Credit Suisse ist das gemeinsame Vermögen der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung von 154,118 Milliarden US-Dollar (Juni 2017) auf 136,962 Milliarden US-Dollar (Juni 2018), also um 17,155 Mrd. US-Dollar innerhalb eines Jahres, knapp 500 Millionen US-Dollar am Tag – oder 11% zurückgegangen (die Zahlen für 2017 sind inflationsbereinigt, Berechnungen im Detail in unserer englischsprachigen Methodology Note).

Globale Vermögensentwicklung 2017–2018

Im vergangenen Jahr wuchs das Vermögen der 1892 Milliardäre und Milliardärinnen um 12 Prozent an – das sind 2,5 Milliarden US-Dollar pro Tag. Die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung verlor 11 Prozent, oder 500 Millionen US-Dollar am Tag.

Die Zahlen der Credit Suisse zeigen also einen eindeutigen Trend für das vergangene Jahr: Das Vermögen der ärmere Hälfte der Weltbevölkerung ist geschrumpft. Der Rückblick auf die letzten 10 Jahre seit der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise zeigt zudem: Der Anteil der ärmeren Hälfte am globalen Vermögen ist zurückgegangen. Das globale Vermögen steigt rasant, aber diese Wohlstandsgewinne kommen bei der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung nicht an.

Sind die Armen arm?

Auch eine zweite Frage wird regelmäßig gestellt (dieses Jahr u.a. in der Deutschen Welle): Sind denn die so definierten Armen wirklich arm? Um zur ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung zu zählen, darf man über nicht mehr als 4200 US-Dollar Vermögen pro Erwachsener Person verfügen. Als Vermögen gelten für Credit Suisse Nettovermögen, also die „Summe aller finanziellen Werte plus Sachwerte (v.a. Immobilien) minus ihrer Schulden“. Menschen, die einen Immobilienkredit haben, bei dem der Wert des Hauses, die Kreditsumme übersteigt, gelten in diesem Punkt nicht als verschuldet. Ein Studienkredit würde dagegen tatsächlich als Schulden gezählt.

Dies wirft uns Christian Rickens im Handelsblatt vor, denn „Nach der Oxfam-Logik zählt zum Beispiel ein junger US-Investmentbanker, der sich für seine Studiengebühren und seinen ersten Porsche verschuldet hat, zum Heer der weltweit Armen. Ärmer sogar als ein afrikanischer Kleinbauer, der weder Vermögen noch Schulden hat.“ Er übersieht dabei, dass diese Gruppe statistisch in der Gesamtmenge der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung von 3,8 Milliarden Menschen nicht wirklich ins Gewicht fällt.

Ließe man alle verschuldeten Menschen auf der Welt – und damit neben einigen tausend Harvard-Absolvent*innen mit offenen Studienkrediten auch einige Millionen afrikanischer Kleinbauern und asiatischer Textilarbeiterinnen, die sich für Saatgut oder Arztrechnungen Kredithaien ausliefern mussten – außen vor, würden sich die Ergebnisse nicht relevant ändern.

Wie die Grafik von Credit Suisse zeigt, ist die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung (alle links der 50 auf der unteren Achse) vorrangig im globalen Süden zu Hause. 21 Prozent von ihnen leben in Indien, 21 Prozent in Afrika, nur zwei Prozent in Nordamerika und 8 Prozent in Europa. In den reicheren Ländern sind es vor allem junge alleinstehende Frauen, die dem größten Risiko ausgesetzt sind, zu dieser Gruppe zu gehören, so Credit Suisse.

Daher steht für uns fest: Die übergroße Mehrheit der Menschen in der so definierten ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung hat kaum Vermögen, das ihr etwas Sicherheit über das tägliche Einkommen hinaus gibt. Ausführlich haben wir uns mit dieser – nicht neuen – Kritik bereits in früheren Jahren auseinandergesetzt (z.B. in unseren Blogs aus den Jahren 2017 und 2018).

Einkommen oder Vermögen?

Mit der Frage nach Einkommen und Vermögen sind wir bei einem weiteren Knackpunkt der Debatte. Woran denken Sie, wenn Sie gebeten werden, an eine reiche Person zu denken? Denken Sie an jemanden mit viel Vermögen oder an jemanden mit einem hohen Einkommen? Wahrscheinlich kommen sowohl ein Top-Manager als auch ein Milliardär in Frage. In diesem Sinne ist es verständlich und richtig, dass Ungleichheit sowohl mit Bezug auf Vermögen als auch auf Einkommen bestimmt werden kann – und sollte, anders als Agenda Austria und Welt und FAZ behaupten, die meinen, nur Einkommen sei eine wichtige Kategorie.

Vermögens- und Einkommensungleichheit sind dabei nicht identisch, jedoch miteinander verwoben: Einkommen kann in Vermögen umgewandelt werden, wenn es nicht konsumiert wird. Dies ist vor allem den Bezieher*innen höherer Einkommen möglich. Vermögen kann zusätzliches Einkommen generieren, etwa wenn Investitionen Rendite erzielen. Doch jede Kleinsparerin/jeder Kleinsparer weiß: Relevante Gewinne aus Erspartem oder Anlagen erzielen vor allem die Besitzer*innen größerer Vermögen.

Ein Bericht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung aus dem Jahr 2016 zeigt für Deutschland, dass ein hohes „Geldvermögen auch mit einem hohen Nettovermögen als auch einem weit überdurchschnittlichen Haushaltsnettoeinkommen einhergeht“. Vermögen kann für den laufenden Konsum genutzt werden, in die Ausbildung der eigenen Kinder investiert werden, oder einem genug Sicherheit verschaffen, um wirtschaftliche Risiken einzugehen. Werden große Vermögen vererbt, werden diese Sicherheit, die Privilegien und möglicherweise auch wirtschaftliche Macht – in Form von Unternehmensanteilen an Nachkommen weitergegeben. Das unterscheidet sie übrigens auch von vielen Renten- und Pensionsansprüchen, die Uwe Hessler von der Deutschen Welle gern in die Berechnungen einbezogen sähe. Hochvermögende Haushalte haben überdurchschnittlich häufig und überdurchschnittlich hohe Erbschaften und Schenkungen erhalten (der Durchschnitt der Bevölkerung hat zu einem Drittel eine Erbschaft erhalten, unter Hochvermögenden sind es drei Viertel).

Die meisten Menschen weltweit haben jedoch keine nennenswerten Vermögen, sie bestreiten ihren täglichen Bedarf aus ihrem Einkommen aus Arbeit. Daher ist es ebenfalls richtig und wichtig, sich anzuschauen, wie sich die Einkommen global entwickelt haben. Dies haben wir vor allem in unserem Bericht im letzten Jahr getan. In diesem Blogbeitrag erläutern wir ausführlicher Trends zu verschiedenen Ebenen von Ungleichheit.

Rückgang der Armut?

Eine wichtige Rolle spielt das Einkommensniveau auch bei der Frage nach dem Rückgang der extremen Armut. In extremer Armut befindet sich nach Definition von UN und Weltbank, wer weniger als 1,90 US-Dollar pro Kopf und Tag zur Verfügung hat. Die so definierte Armut ist in den letzten Jahrzehnten massiv zurückgegangen.

Dies erkennt Oxfam ausdrücklich an und begrüßt diese Entwicklung regelmäßig in Berichten und Pressemitteilungen. Auf diesen Erfolgen darf man sich allerdings nicht ausruhen, denn sie sind gefährdet: Das Tempo, in dem extreme Armut abnimmt, hat sich seit 2013 halbiert. In Teilen Afrikas steigt die extreme Armut sogar wieder an. Und wer sein Einkommen von 1,90 auf 2 Dollar pro Tag gesteigert hat, mag technisch der extremen Armut entkommen sein, lebt deswegen aber noch lange nicht auskömmlich. Auch deutlich über dieser Schwelle sind Milliarden von Menschen nur eine Arztrechnung oder eine Missernte von Not und Elend entfernt – unter der angepassten Armutsschwelle von 5,50 Euro pro Tag lebt mit 3,4 Milliarden Menschen fast die Hälfte der Weltbevölkerung.

Der Tenor unseres Berichts ist daher nicht, „es werde alles immer schlimmer auf der Welt“, wie Andreas Peichel der FAZ sagte, sondern, dass wir trotz des massiven Wachstums der Weltwirtschaft immer noch nicht weit genug sind in der Armutsbekämpfung. Denn es ist richtig, dass die Weltwirtschaft wächst und die Armut an vielen Orten zurückgegangen ist. Fakt ist jedoch auch: Würde das Wachstum an Wohlstandsgewinnen gerechter verteilt, so könnten wir in Sachen Armutsreduktion schon viel weiter sein (dazu ausführlich auch die Blogs der letzten Jahre).

Und Maximilian Stockhausen vom Institut der Deutschen Wirtschaft IW meint, „das Ziel, die absolute Armut in der Welt bis 2030 zu überwinden, [sei] immer noch herausfordernd – ganz sicher aber ist die Ungleichheit nicht außer Kontrolle geraten“. Der Punkt ist, und das sagt auch die Weltbank, auf deren Zahlen sich das IW (genauso wie wir) bezieht: Das Ziel, Armut zu überwinden, kann nur erreicht werden, wenn wir gerechter verteilen, mit anderen Worten: weil wir (extreme) Armut überwinden wollen, müssen wir Ungleichheit reduzieren; wir müssen die Wohlstandsgewinne gerechter verteilen..

Hat Oxfam falsch gerechnet?

Der Vollständigkeit halber wollen wir auch noch auf einen Kritikpunkt der Morgenpost eingehen, die von einem „Rechenfehler“ ausgeht, weil Oxfam im Januar 2017 erklärte, dass die acht reichsten Personen der Erde so viel Vermögen besäßen wie die ärmeren 50 Prozent der Weltgesellschaft und wir heute sagen, dass es 26 Milliardär*innen sind – und die Vermögenskonzentration dennoch gestiegen ist.

Ursache für die Korrektur ist kein Rechenfehler von Oxfam, sondern eine verbesserte Datengrundlage bei Credit Suisse, die ihre Daten jährlich aktualisiert und auch rückwirkend verbesserte – den neuen Informationen angepasste – Zahlen für die Vorjahre angibt. Nach diesen neuesten Erkenntnissen besaßen vor zwei Jahren 49 Menschen ebenso viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, und damit deutlich mehr als die 26 im vergangenen Jahr. Im Detail erläutern wir unsere Berechnungen jedes Jahr in einer englischsprachigen „Methodology Note“.

Ein etwas älterer Hut ist auch die Kritik, dass die Daten der Credit Suisse sich zur jährlichen Milliardärsliste des Magazins Forbes verhalten wie „Äpfel zu Birnen“, wie die Morgenpost schreibt. Wer sich ausführlich mit dieser Kritik auseinandergesetzt hat, sollte unsere ausführliche Antwort in den Blogs der vergangenen Jahren gesehen haben. Nur so viel an dieser Stelle: Credit Suisse selbst bezieht die Daten von Forbes zur Schätzung der Vermögen der Allerreichsten dieser Welt in ihre Berechnung mit ein – es sind also doch eher Äpfel die hier mit Äpfeln verglichen werden.

Und der Vergleich zeigt: Während wenige auf Bergen von Äpfeln sitzen, die sie nie werden essen können, kommen andere nie in den Genuss eines einzigen Apfels. Das kritisieren wir heute und – wenn sich an dem derzeitigen Trend nicht ändert – auch im nächsten Jahr wieder.

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