Mehr als 1,5 Grad wirken tödlich

Tote, Verletzte, abgebrannte Häuser. Der Begriff Klimawandel hört sich harmlos an – seine Folgen sind es nicht. Im Norden Kenias führt die Klimaüberhitzung zu einer Eskalation gewaltsamer Konflikte. Jonathan Odongo, kenianischer Klima-Aktivist und Gründer der Organisation „Kenya Environmental Education Network“, hat sie selbst erlebt. Hier erläutert er, welche Folgen ein paar Grad Celsius mehr haben – und was wir tun können.
Von Jonathan Odongo
Klimawandel: Nur ein paar Grad mehr wirken tödlich.

Seit ich im letzten Jahr in den Norden Kenias gezogen bin, habe ich bereits den Überblick über die Vielzahl an Konflikten verloren, von denen man mir berichtete oder die ich selbst erlebte. Anfang des Jahres geriet ich bei einer tödlichen Auseinandersetzung in Leparua zwischen die Fronten, entlang der Grenze zwischen den Verwaltungsbezirken (Counties) Isiolo und Laikipia, bei der drei Menschen starben und eine Person schwer verletzt wurde. In der Region leben die traditionellen Hirtenvölker der Samburu, Ndorobo, Turkana, Somali und Borana. Der Kampf brach aus, nachdem einige Morans (junge Krieger) der Samburu die benachbarten Ndorobo überfallen und 60 ihrer Rinder gestohlen hatten.

Aufgefallen ist mir jedoch vor allem die Stellungnahme des stellvertretenden Bezirksverwalters von Isiolo, der zufolge die Konflikte zwischen den Gruppen „in jüngster Zeit eskaliert“ seien. Eine Auffassung, die mir von meinen Kollegen, Bekannten und Freunden bestätigt wurde. In einer Studie, die ich später zu Rate zog, hieß es: „Gewaltsame Konflikte unter den Viehzüchtern sind im nördlichen Rift Valley und den nordöstlichen Regionen Kenias mittlerweile weit verbreitet und nehmen an Intensität zu.“

Neben Leparua wurden ebenfalls aus dem nördlichen Rift Valley, aus dem Nordosten und dem Nordwesten sowie aus anderen Teilen Kenias von zahlreichen Konflikten berichtet. Bei einem weiteren Zusammenstoß entlang der Grenze zwischen den Bezirken Kisumu und Nandi kam es im selben Zeitraum und aus den gleichen Gründen zu mehreren Toten, abgebrannten Häusern und vielen Verletzten.

Was sind die Gründe für diese Eskalation der Konflikte?

Vieh ist ein Symbol von Wohlstand und dient den Viehzüchtern als Lebensunterhalt. Der Landbesitz ist unter den Hirtenvölkern überwiegend gemeinschaftlich geregelt. Weideflächen und Wasser müssen geteilt werden und Konkurrenz ist bei einer Verknappung der Ressourcen quasi unvermeidbar. In jüngster Zeit sind die natürlichen Ressourcen der Weidewirtschaft immer weniger geworden. Wasserquellen versiegen und Weideflächen werden knapper aufgrund schwerer Dürren.

Die Daten zu Niederschlägen und Trockenheit sowie Haushaltsbefragungen im Norden Kenias bestätigen, dass die „Häufigkeit und Schwere der Dürren in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen hat, wobei seit den 1980er Jahren mehrfach mittlere bis schwere Dürreperioden aufgetreten sind“. Bei lang anhaltenden Regenfällen in Zentralkenia ist die Wassermenge um 100 Millimeter seit Mitte der 1970er Jahre gesunken. Dies ist ein klarer Beleg für den Klimawandel.

Wenn die Weideflächen der Hirten infolge der Klimaveränderung lang anhaltender Trockenheit ausgesetzt sind, wie es in den vergangenen Jahren der Fall war, verlieren die Gemeinden unglaublich viele Tiere. Dies führt dann häufig zu Überfällen und Viehdiebstählen, um die eigenen Herden zu vergrößern, sowie zu gewaltsamen Auseinandersetzungen um die abnehmenden natürlichen Ressourcen.

Verknappung von Nahrungsmitteln und Trinkwasser führt zu Migrationsbewegungen

Zwischen September und Dezember 2008 sind in Mandera bei Auseinandersetzungen um Wasser viele Menschen ums Leben gekommen. Zwischen 2008 und 2009, als Kenia eine der schlimmsten Dürren seiner Geschichte ereilte, war der Norden am stärksten betroffen. Die Bezirke Isiolo, Marsabit und Samburu erlebten eine akute Verknappung der Nahrungsmittel, massive Migrationsbewegungen und viele Tote.

Im Januar 2009 verloren mehr als 40 Menschen ihr Leben bei Auseinandersetzungen um Wasser und Weideflächen allein in diesen drei Bezirken. Die Kinder konnten nicht länger zur Schule gehen und das Vieh litt unter klimabedingten Krankheiten. Gewaltsame Kämpfe, Trinkwasserverknappung und eine Verschlechterung der Wasserqualität führten zu massiven Migrationsbewegungen in Ijara und Wajir. Landesweit litten etwa zehn Millionen Menschen unter Ernährungsunsicherheit.

Am 2. Mai 2011 wurden 28 Händler/innen der Turkana, überwiegend Kinder und Frauen, von einer Miliz der Dassanetch (Merille) angegriffen, brutal ermordet und zerstückelt. Bei einem darauffolgenden Vergeltungsschlag der Krieger der Turkana starben insgesamt 46 Personen. Als Auslöser des Konflikts gilt die klimabedingte Verknappung der natürlichen Ressourcen (Fisch, Wasser und Weideflächen).

Dem Klimawandel entgegenwirken

Leider ist in Kenia von einem Anstieg der Durchschnittstemperaturen um 1° bis 3° Celsius bis 2050 auszugehen, wobei bereits ein Anstieg von mehr als 1° Celsius die Folgen der Trockenheit insbesondere im Tiefland verschlimmern könnte. Sollte dies eintreten, könnten die Konflikte noch weiter eskalieren.

Um Konflikte, Tote, Verletzte, Abwanderung und Ernährungsunsicherheit zu vermeiden, müssen wir dem Klimawandel entgegenwirken und die globale Erwärmung unter 1,5° Celsius halten. Klimawandel bedeutet Ungerechtigkeit, und Ungerechtigkeit betrifft alle, egal wo sie auftritt. Unser Verhalten hat Auswirkungen auf das gesamte System.

Jonathan Odongo mit einem Spaten neben einem frisch gepflanzten kleinen Baum
Einfache Aktionen wie das Pflanzen neuer Bäume können einen Beitrag gegen den Klimawandel leisten.

Wir können überall etwas gegen den Klimawandel tun. Einfache Aktionen wie das Pflanzen neuer Bäume, das Ausschalten nicht benötigter Lampen, die Vermeidung umweltschädlicher Produkte, eine sinnvolle Müllentsorgung zur Verringerung der Treibhausgase aus Deponien, die Nutzung erneuerbarer und sauberer Energien wie beispielsweise Biogas, Solar- und Windenergie können einen Beitrag leisten. Aber auch die Verringerung von Luftverschmutzung und Treibhausgasen, die Verhinderung von Entwaldung und der Nutzung von Holzkohle, Steinkohle und fossilen Energieträgern, der Schutz von Wassereinzugsgebieten, der Verzicht auf Massentierhaltung, die Anwendung nachhaltiger Landnutzungsverfahren, die Sensibilisierung und Aufklärung anderer über den Klimawandel und seine Auswirkungen und darüber, was wir tun können, um unseren Planeten zu retten, werden uns langfristig nutzen.

Jonathan Odongo ist kenianischer Klima-Aktivist und Gründer des „Kenya Environmental Education Network“. Er forscht zu den Auswirkungen des Klimawandels auf Biodiversität und Ökosysteme in Nordkenia. Durch Kampagnen und Bildungsangebote u.a. für Schüler/innen und Studierende klärt er über die Auswirkungen des Klimawandel und Handlungsmöglichkeiten auf. Kleinbäuerinnen und Kleinbauern berät er darin, wie sie ihre Anbauweisen an die veränderten klimatischen Bedingungen anpassen können.

1 Kommentar

Ich war noch nie in Kenia und kann deshalb diesen Bericht nicht wirklich beurteilen. Wenn man den Anbau an die veränderten klimatischen Bedingungen wirkungsvoll anpassen kann, ist das sicher eine wertvolle Unterstützung. Dass aber Biogasanlagen eine saubere Energiegewinnung sind , streite ich aus eigener Erfahrung ab: In meinem Umfeld gibt es sehr viele Biogasanlagen. Leider wird die Landwirtschaft win Bayern dafür extrem subventioniert, doch ist sie verantwortlich für rasantes Artensterben in der Tier- und Pflanzenwelt. Glyphosat breitet sich durch Luftströmungen und Regen überall aus. Seit 2 Jahren werden neben meinem großem alten Obstgarten die Felder auch mit Glyphosat und Co besprüht. Die Obstbäume produzieren zum 1. Mal starke Verformungen der Früchte, bei dem Starkregen in der Region um Simbach/Inn gingen Fische in privat angelegten kleinen Teichen zugrunde, wenn Wasser von Äckern in die Privatgrundstücke floss. So giftig ist das Konzentrat der Ackerböden geworden. Außerdem gibt es vermutlich schlimmere Luftverschmutzer als die Kleinverbraucher wie der maßlose Lastwagen- und Flugverkehr,, staatl. Subventionierung von Kohleabbau usw.

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