Grafik: Eine Frau in pink und lila gezeichnet steht vor einem Pult und spricht in ein Mikrofon, sie streckt ihre linke Faust in die Luft, am Handgelenk trägt sie ein regenbogenfarbenes Armband. Im Hintergrund sich Köpfe von anderen Menschen zu sehen (man kann sie als vielfältig lesen).

Pride bedeutet globale Solidarität

| Autor*in: Hirschfeld-Eddy-Stiftung
Warum wir Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe nicht kaputtsparen dürfen

Während in vielen Städten Regenbogenflaggen wehen, verschärft sich die Lage für queere Communitys in vielen Teilen der Welt dramatisch. In dieser Situation will die Bundesregierung bei Menschenrechtsprojekten kürzen und lässt schutzbedürftige Menschen im Stich, schreibt die Hirschfeld-Eddy-Stiftung in einem Gastbeitrag.

Die Pride-Saison in Deutschland steht für Sichtbarkeit, Solidarität und den Einsatz für LSBTIAQ*- Rechte. Während in vielen Städten Regenbogenflaggen wehen und Menschen für Vielfalt und Demokratie auf die Straße gehen, verschärft sich gleichzeitig die Lage für queere Communitys in vielen Teilen der Welt dramatisch.

Weltweit nehmen autoritäre Entwicklungen, Hasskampagnen und Angriffe auf die Zivilgesellschaft zu. Queere Menschen werden kriminalisiert, aus dem öffentlichen Leben gedrängt oder verlieren den Zugang zu Schutz, Gesundheitsversorgung und sicheren Räumen. Gleichzeitig plant die Bundesregierung weitere Kürzungen bei der Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe. Die Förderung von internationalen Menschenrechtsprojekten der Hirschfeld-Eddy-Stiftung wurde sogar vollständig eingestellt.

 

Die Realität hinter abstrakten Zahlen

Was in politischen Debatten oft wie abstrakte Haushaltszahlen klingt, hat in der Realität direkte Folgen für Menschenleben.

Eine Partnerorganisation der Hirschfeld-Eddy-Stiftung in Uganda beschreibt die aktuelle Situation so:

Organisationen wie unsere sind oft eine Lebensader für Menschen, die sonst niemanden haben, an den sie sich wenden können.

Internationale Unterstützung hilft uns Notunterkünfte, psychosoziale Beratung, rechtliche Unterstützung, Zugang zu Gesundheitsversorgung und Community-Arbeit anzubieten.

Anonym, Partnerorganisation Uganda

Besonders betroffen sind junge Menschen, trans* Personen sowie Menschen ohne familiären oder finanziellen Rückhalt. Oft sind lokale LSBTIAQ*-Organisationen die einzigen Orte, an denen Betroffene Schutz, psychosoziale Unterstützung oder Zugang zu grundlegender Versorgung erhalten können.

Die Partnerorganisation berichtet von Emma (Name geändert), einer jungen Person, die nach ihrem Outing von der eigenen Familie verstoßen wurde:

Durch Community-Strukturen konnte Emma vorübergehend eine sichere Unterkunft finden, Beratung erhalten und später wieder Zugang zu Bildung und eigenen Einkommensmöglichkeiten bekommen.

Ohne diese Unterstützung hätte Emma wahrscheinlich Obdachlosigkeit und ein noch höheres Risiko von Gewalt und Ausbeutung erlebt.

Anonym, Partnerorganisation Uganda

Doch genau diese Strukturen geraten zunehmend unter Druck.

Die Folgen der Kürzungen in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit und Humanitären Hilfe sind verheerend: 

  • Wenn Beratungsstellen schließen,
  • Gesundheitsangebote wegfallen und
  • Schutzräume verschwinden, 

bedeutet das für viele Menschen mehr Unsicherheit, Isolation und ein höheres Risiko von Gewalt, Obdachlosigkeit oder gesundheitlichen Krisen. In humanitären Kontexten kann fehlende Unterstützung lebensbedrohlich werden.

Gleichzeitig wird an demokratischen Strukturen und gesellschaftlicher Stabilität gespart.

Lokale zivilgesellschaftliche Organisationen leisten jeden Tag Arbeit, die weit über einzelne Communitys hinausgeht: Sie unterstützen Menschen in Krisensituationen, dokumentieren Menschenrechtsverletzungen, bekämpfen Desinformation und stärken gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Werden diese Strukturen geschwächt, entstehen Räume für Polarisierung, Gewalt und autoritäre Akteure.

Menschenfeindliche Bewegungen vernetzen sich

Ein Kollege von GENDERDOC-M beschreibt, wie LSBTIAQ* Menschen während politischer Auseinandersetzungen in Moldau gezielt zum Feindbild gemacht wurden:

Wir haben erlebt, wie Desinformation und Propaganda genutzt wurden, um LSBTIAQ* Menschen als Bedrohung darzustellen und die Gesellschaft zu spalten. LSBTIAQ*-Rechte wurden sogar als Argument gegen die europäische Integration Moldaus instrumentalisiert.

Anonym, GENDERDOC-M

Diese Entwicklungen zeigen: Angriffe auf LSBTIAQ*-Menschen stehen selten allein. Sie sind oft Teil größerer Angriffe auf Demokratie, Menschenrechte und offene Gesellschaften.

Weltweit beobachten wir, wie anti-demokratische und queerfeindliche Bewegungen international zunehmend vernetzt agieren. Gleichzeitig kämpfen viele lokale Organisationen mit immer weniger Ressourcen, obwohl der Bedarf an Unterstützung steigt.

Wer heute bei der internationalen Solidarität spart, legt die Axt an Schutz, Sicherheit und Menschenrechte und überlässt den Menschenfeinden das Feld.

Gerade lokale LSBTIAQ*-Organisationen leisten unter schwierigsten Bedingungen unverzichtbare Arbeit für gesellschaftlichen Zusammenhalt, Demokratie und den Schutz vulnerabler Menschen. Diese Strukturen jetzt zu schwächen, ist gefährlich und greift die Werte unserer offenen Gesellschaft und der Allgemeinen Menschenrechte an der Wurzel an.

Klaus Jetz, Geschäftsführer der Hirschfeld-Eddy-Stiftung

Aktivist*innen geben nicht auf

Deutschland hat sich international zu Menschenrechten, humanitärer Verantwortung und nachhaltiger Entwicklungszusammenarbeit bekannt. Dazu gehören auch die Agenda 2030 der Vereinten Nationen, der Schutz zivilgesellschaftlicher Räume und das Versprechen, besonders vulnerable Gruppen nicht zurückzulassen. Massive Kürzungen bei Entwicklungszusammenarbeit und humanitärer Hilfe stehen dazu in deutlichem Widerspruch.

Trotz der schwierigen Situation geben viele Aktivist*innen weltweit nicht auf:

Was mir Hoffnung gibt, ist die Stärke der Menschen, mit denen wir arbeiten.

Jedes Mal, wenn ich sehe, wie jemand neues Selbstvertrauen gewinnt, Unterstützung findet, Zugang zu Gesundheitsversorgung erhält oder sich einfach sicher genug fühlt, um die eigene Person zu sein, weiß ich: Diese Arbeit verändert Leben.

Anonym, Aktivist Uganda

Die Pride-Saison sollte deshalb nicht nur ein Moment der Sichtbarkeit sein, sondern auch ein Moment politischer Verantwortung und Solidarität. Es braucht konkrete politische Entscheidungen und eine verlässliche Unterstützung für Menschenrechtsarbeit weltweit.

Gemeinsam mit zahlreichen Organisationen aus Entwicklungszusammenarbeit, humanitärer Hilfe und Menschenrechtsarbeit fordern wir deshalb: Die geplanten Kürzungen müssen gestoppt werden!

Unterstützt jetzt die Petition „Solidarität nicht kaputtsparen“ gegen die Kürzungen bei Entwicklungszusammenarbeit und humanitärer Hilfe.

  • Die Hirschfeld-Eddy-Stiftung, die Menschenrechtsstiftung des LSVD+ Verband Queere Vielfalt, setzt sich dafür ein, die Menschenrechte von LSBTAIQ* weltweit zu stärken. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht die Verankerung von sexueller Orientierung, Geschlechtsidentität und -ausdruck sowie Geschlechtsmerkmalen (SOGIESC) in der deutschen Außenpolitik und Entwicklungszusammenarbeit.

    Die Stiftung arbeitet eng mit Aktivist*innen und zivilgesellschaftlichen Organisationen im Globalen Süden und Osteuropa zusammen, stärkt lokale Strukturen, unterstützt Austausch und Vernetzung und setzt sich für eine menschenrechtsbasierte, inklusive Entwicklungszusammenarbeit ein.

    Zu den Projekten gehören unter anderem Capacity-Building und Empowerment für LSBTAIQ*-Organisationen sowie der Schutz und Unterstützung von Menschenrechtsverteidiger*innen.

  • LSBTIAQ* und ähnliche Abkürzungen stehen für Menschen, die nicht heterosexuell sind und/oder sich nicht mit dem bei ihrer Geburt zugeordneten Geschlecht identifizieren.