Jeder Tag ist Frauentag
Seit 1911 gibt es den internationalen Frauentag. Die Welt ist seitdem für viele Frauen moderner, offener, gerechter und demokratischer geworden, aber längst nicht für alle.
Aktuell sind Werte, Macht und Beziehungen weltweit im Wandel: Wachsende Ungleichheit, Erstarken antidemokratischer Haltungen, autoritäre Machtgefüge und traditionelle Stereotype sind auf dem Vormarsch. Antifeministische Rhetorik und Haltungen unterstreichen den Rückfall in traditionell legitimierte Formen der Unterdrückung von Frauen.
Weltweit sind Menschenrechtsverteidiger*innen jeden Tag für die Gleichstellung der Geschlechter und Frauenrechte im Einsatz – nicht nur am symbolträchtigen Internationalen Frauentag.
„Unsere Stimme bleibt“
In Tunesien konnten Frauenorganisationen und feministische Bewegungen den Weg in die Demokratie und eine progressive Gesetzgebung mitgestalten. Hoffnungsvolle Zeiten für neue Perspektiven in Gesellschaft und Politik – auch für Geschlechtergerechtigkeit und formale Gleichstellung.
Doch der arabische Frühling mit seiner Demokratiebewegung konnte sich nicht wie gewünscht entfalten. Mittlerweile sind demokratische und zivilgesellschaftliche Handlungsspielräume wieder eng. Frauenorganisationen und feministische Bewegungen erfahren scharfen Gegenwind.
Unsere Partnerorganisation in Tunesien, der tunesische Verband demokratischer Frauen, bewegt sich genau in diesem Spannungsfeld zwischen erlahmtem demokratischem Aufbruch und autokratischem Rückschritt. Doch Frauen* nehmen diesen Rückschritt nicht hin und engagieren sich weiterhin für Frauenrechte, Frauenvertretungen, Demokratie und politische Teilhabe.
Dem Staat ist es recht, dass Frauen sich sozial engagieren. Doch mittlerweile sollen wir uns politisch nicht mehr äußern. Frauen sollen schweigen. Das machen wir jedoch nicht. Unsere Stimme bleibt!
Wozu sich der Verband äußert, erläutert die Verbands-Koordinatorin der Kommission gegen Gewalt gegen Frauen, die die Frauenberatungszentren für gewaltbetroffene Frauen organisiert: „Wir informieren weiter unerlässlich über Femizide in unserer Gesellschaft. Diese schreckliche patriarchale Gewalttat von Männern an Frauen muss aufhören ... Auch Maßnahmen gegen sexuelle Belästigung und Schutz vor Cybergewalt finden Gehör.“
Innovativ. Generationsübergreifend. Engagiert.
Oxfam unterstützt den Verband nicht nur beim Betrieb der Frauenberatungszentren, sondern auch bei der Feministischen Universität, die auf unterschiedliche Weise stattfindet: junge Menschen können sich in Wochenendseminaren konkret zu sechs Themenfeldern rund um Menschen- und Frauenrechte, reproduktive und sexuelle Gesundheit sowie zivilgesellschaftliches Engagement weiterbilden.
Zusätzlich gibt es die feministische Winteruniversität, ein mehrtägiges Format, um ein politisches Thema mit kreativen Mitteln zu bearbeiten. Die Feministische Universität findet auch an Bildungsinstituten statt, um im Dialog mit Student*innen und Professor*ìnnen neue Wege des zivilgesellschaftlichen Engagements zu erörtern.
„In einem politisch aufgeheizten Kontext ist es zum einen wichtig, mit Menschen so zu kommunizieren, dass es nicht gefährlich für sie ist. Zum anderen sind wir ständig auf der Suche nach innovativen, zeitgemäßen und kreativen Wegen, um zur demokratischen und menschenrechtlichen Meinungsbildung beizutragen“ erklärt die Moderatorin der Winteruniversität. Und die 27-jährige Koordinatorin der feministischen Universität fügt hinzu „Die feministische Universität hat Kunst und kreativen Ausdruck als wirkungsvolle Instrumente für sozialen Wandel und feministisches Engagement eingesetzt, um den Dialog zu fördern, das Bewusstsein zu schärfen und zu kollektivem Handeln für eine gerechtere und gleichberechtigtere Gesellschaft zu inspirieren.“
Die feministische Winteruniversität im Februar 2026 stand unter dem Motto „Feminismus, Kunst und Kultur“. Die jungen Teilnehmer*innen konnten verschiedene Ausdrucksformen zum Thema ‚Antifeminismus und Feminismus‘ unter professioneller Anleitung erkunden: einen kreativen Schreibworkshop, einen Workshop zur inhaltlichen und technischen Erstellung eines Podcasts sowie einen Theaterworkshop. Was die Teilnehmer*innen in der Abschlussveranstaltung enthusiastisch und publikumswirksam auf die Bühne gebracht haben, wirkte nicht wie das Ergebnis eines mehrtägigen Workshops, sondern das Resultat eines wochenlangen Arbeitsprozesses.
„Junge Menschen sind die Triebkraft des sozialen Wandels“
Befragt danach, warum es wichtig ist, dass junge Menschen sich für Fragen der Geschlechtergleichstellung und für Feminismus interessieren sollten, antwortet eine 25-jährige Teilnehmerin: „Junge Menschen sind die Triebkraft des sozialen Wandels. Das Interesse an Gleichstellungsfragen ermöglicht es uns, Stereotype schon in jungen Jahren abzubauen und sich gegen geschlechtsspezifische Gewalt einzusetzen. Die Podiumsdiskussionen über aufstrebende feministische Medien und Konflikte haben gezeigt, dass Ungleichheiten systemisch sind und manchmal unsichtbar bleiben. Wir jungen Menschen müssen daher informiert sein, um bewusst und engagiert handeln zu können.“
„Lernen, Solidarität und Kreativität“
Die Koordinatorin berichtet nach der Winteruniversität: „Ich habe sehr positives Feedback von den Teilnehmer*innen erhalten, darunter aufrichtige Worte der Wertschätzung dafür, dass sie Teil dieser Erfahrung sein durften. Viele drückten ihre Dankbarkeit für die Gelegenheit aus, sich auszutauschen, zu reflektieren und gemeinsam etwas zu erschaffen. Ich möchte eine kurze Nachricht einer Teilnehmerin weitergeben: ‚Ihr seid alle so wunderbar. Ich bin so froh, euch getroffen zu haben. Einer der besten Tage meines Lebens. So viel Liebe, so viel Reflexion und so viel Kreativität. Lang leben die demokratischen Frauen‘.“
In drei Worten bringt die 27-jährige Koordinatorin die feministische Universität auf einen Nenner: „Lernen, Solidarität und Kreativität.“
Und damit umreißt die junge Frau das, worum es beim internationalen Frauentag geht: Voneinander lernen, in Solidarität zusammenstehen und Veränderung gestalten. In Zeiten von Diskursverschiebungen hat der internationale Frauentag seit 1911 nicht an Bedeutung verloren.