„In Zukunft wird jeder vom Klimawandel betroffen sein. Es gibt nur einen Planeten.“

Zwei Wochen lang fuhr Chinma George aus Nigeria durch Deutschland, um über die verheerenden Folgen des Klimawandels in ihrer Heimat zu berichten. Im Interview erzählt sie, wie ihre Malaria-Erkrankung mit dem Klimawandel zusammenhängt, was sie beim Anblick des Braunkohletagebaus Garzweiler fühlte, wie wir den Klimawandel stoppen können – und was uns bevorsteht, wenn wir es nicht tun.
Von Chinma George
Chinma George vor dem Braunkohletagebau Garzweiler von RWE
Chinma George vor dem Braunkohletagebau Garzweiler von RWE. Sie war in Deutschland unterwegs, um vor den Folgen des Klimawandels zu warnen.

Chinma George unterstützt für die Organisation „Human and Environmental Development Agenda“ (HEDA) Kleinbäuerinnen und Kleinbauern bei der Anpassung an den Klimawandel und berät u.a. Institutionen der Vereinten Nationen. Ende März reiste sie gemeinsam mit A.G. Saño von den Philippinen als Klimazeugin durch Deutschland, um über die Folgen des Klimawandels zu berichten. Auf Veranstaltungen in Erkelenz, Essen und Düsseldorf sowie bei den Berliner Klimagesprächen erzählte sie davon, wie Menschen in Nigeria wegen zunehmender Dürren und zerstörerischer Sturmfluten ihre Ernten und Häuser verlieren und viele dadurch gezwungen sind, ihre Dörfer zu verlassen. Am Ende ihrer Reise durften wir die Klimazeugin zu einem Interview einladen.

Oxfam: Chinma, welche Auswirkungen hat bzw. hatte der Klimawandel auf Dein Leben?

Chinma George: In Nigeria erkranken die Menschen sehr häufig an Malaria. Auch ich hatte letztes Jahr durchgehend Malaria. Aufgrund der weltweit steigenden Temperaturen gibt es immer mehr Niederschläge in Nigeria. Diese sind meist sehr kurz und heftig, was zu Überschwemmungen führen kann. Dadurch entstehen mehr Pfützen und stehende Gewässer – die idealen Brutstätten für Moskitos. Aufgrund des Klimawandels gibt es also mehr Moskitos, die Malaria übertragen können, und dementsprechend auch mehr Erkrankungen. Ich selbst wurde sehr lange behandelt und leide noch immer unter den Malaria-Symptomen.

Zudem verlieren wir immer mehr Orte an das Meer. Orte, die wir als Kinder besuchten. So werde ich meinen Kindern niemals den Alpha Beach in Lagos zeigen können. Einen Strand, den ich als Kind besucht habe. Der Meeresspiegel steigt aufgrund des Klimawandels. Dort, wo einst Strand war, ist nun Meer. Und das Meer hat nicht nur den Strand zerstört, sondern auch Häuser und ganze Dörfer, die früher weit im Landesinneren lagen.

Was würdest Du denjenigen sagen, die behaupten, dass es keinen menschengemachten Klimawandel gibt?

Klimazeug/innen und Vetreter/innen von Oxfam und BUND fordern mit einem Transparent vor dem Braunkohlebau Garzweiler „Klima schützen, Kohle stoppen!”
Vor dem Braunkohletagebau Garzweiler fordern die Klimazeug/innen Chinma George (Nigeria) und A.G. Saño (Philippinen) gemeinsam mit Vertreter/innen von Oxfam und BUND: „Klima schützen, Kohle stoppen!”

Die Industrialisierung und Entwicklung der nördlichen Länder, die in den letzten 150 Jahren stattgefunden hat, hat die Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre erhöht. Die Verbrennung fossiler Brennstoffe zur Energieerzeugung trägt den größten Anteil an Treibhausgasen, was zur globalen Erwärmung und Klimawandel führt. Als Folge dessen schmelzen Gletscher und der Meeresspiegel steigt. Es gibt vermehrt Fluten, Taifune, Dürren und Wüstenbildung. In Nigeria verschärft die Wüstenbildung Konflikte, Gewalt, Terrorismus und Armut. Die kleinen Inselstaaten drohen zu verschwinden bzw. verschwinden bereits. In den Philippinen gab es in den letzten Jahren immer mehr Taifune. Das alles würde ich erklären. Und dann aufzeigen, dass die Forschung das Handeln der Menschen eindeutig für den Klimawandel verantwortlich macht.

Und nicht nur die Verbrennung fossiler Brennstoffe stellt ein Problem dar, sondern auch die Zerstörung der natürlichen Ökosysteme. Wenn es beispielsweise regnet, sollten Feuchtgebiete überschüssiges Wasser aufnehmen; Bäume sollten die Umwelt stabilisieren. Allerdings mussten diese natürlichen Mechanismen zunehmend weichen. Sie wurden durch Bürgersteige, Straßen und dergleichen ersetzt. Auch das ist menschengemacht – und erhöht das Risiko, dass der Klimawandel voranschreitet.

Was ist Deiner Meinung nach der effektivste Weg, um die Menschen auf den Klimawandel aufmerksam zu machen?

Chinma George bei einer Kunstaktion in Düsseldorf, die auf die Folgen des Klimawandels aufmerksam machen soll.
„Mit Kunst das Klima retten!“ Chinma George bei einer Kunstaktion in Düsseldorf, die auf die Folgen des Klimawandels aufmerksam machen soll.

Durch Kampagnen und Kommunikation müssen wir die Menschen auf den Klimawandel aufmerksam machen und ein neues Bewusstsein dafür schaffen. Wir müssen unsere Erfahrungen über die Auswirkungen des Klimawandels teilen und vom Leiden der betroffenen Menschen berichten. Dies kann über verschiedene Plattformen erfolgen, wie beispielsweise Social Media, Radio, Fernsehen oder durch friedliche Proteste. Darüber hinaus müssen wir Schulkinder aufklären. Der Klimawandel sollte nicht nur in den Bildungsplan aufgenommen werden, sondern auch in die nationalen Entwicklungsziele und die Regierungspolitik einbezogen werden. Natürlich helfen auch innovativere Veranstaltungen dabei, auf den Klimawandel aufmerksam zu machen, beispielsweise Klima-Festivals, Wettkämpfe, Kunstaktionen oder Konzerte.

Wir sollten auch Menschen sprechen lassen, die vom Klimawandel betroffen sind. Sie können aus erster Hand berichten, was sich durch den Klimawandel verändert hat. Diese Informationen basieren nicht auf Studien, sondern auf der Erfahrung von Menschen, die seit vielen Jahren an den betroffenen Orten leben. Auf diese Weise erhalten wir Informationen darüber, wie sich die Umwelt verändert und wie wir den Problemen entgegentreten können.

Darüber hinaus müssen wir uns mit Menschen zusammentun, um gemeinsam für die Sache zu kämpfen. In der Region und auf der ganzen Welt. Um die Umwelt zu schützen und zu retten, müssen wir Bündnisse schaffen und die vorhandenen stärken. In der Vergangenheit zeigte sich, dass friedliche Proteste und Kampagnenarbeit zu positiven Ergebnissen führen.

Du bist zwei Wochen durch Deutschland gereist. Was sind Deine Eindrücke? Was hat Dich bewegt?

Deutschland ist ein sehr entwickeltes Land. Mich hat der Gedanke bewegt, dass Nigeria womöglich niemals die Möglichkeit haben wird, eine solche Entwicklungsstufe zu erreichen. Das liegt vor allem daran, dass der Klimawandel bereits einiges an Entwicklung zerstört hat. Er nahm Menschen die Lebensgrundlagen und verursachte riesige wirtschaftliche Verluste. Es ist sehr traurig. Noch bevor wir Grundbedürfnisse wie Wohnraum, Nahrung und Bildung stillen können, müssen wir uns den zunehmenden Folgen des Klimawandels stellen. Das ist eine große Herausforderung.

Das Dorf Borschemich in der Nähe des Braunkohletagebaus Garzweiler muss der Braunkohleförderung weichen.
Wie in Nigeria werden auch die Bewohner des Dorfes Borschemich in Nordrein-Westfalen aus ihrer Häusern vertrieben. Die Gründe sind jedoch verschieden.

Und als ich den Braunkohletagebau Garzweiler und die von der Abbaggerung bedrohten Dörfer besuchte, war ich schockiert. Wie in Nigeria werden auch hier Menschen vertrieben. Allerdings sind die Gründe ganz verschieden. Die Dörfer um den Tagebau Garzweiler müssen für wirtschaftliche Profite weichen. Die betroffenen Menschen erhalten eine Entschädigung und werden in neue Dörfer umgesiedelt. In Nigeria gibt es plötzliche Regenfälle und Fluten, die die Menschen zwingen, ihre Heimat aufzugeben. Menschen müssen ihre Heimat aufgrund von Wetter- und Klimaproblemen verlassen, nicht wegen wirtschaftlicher Profite.

Auch in Deutschland gibt es Obdachlose und Geflüchtete. Der Klimawandel ist einer der Gründe, weshalb Menschen aus ihrer Heimat flüchten. Deshalb sollten wir uns fragen: Was machen wir? Was passiert als nächstes? Es gibt nur eine Erde. Entwickelte Länder müssen ihre Emissionen reduzieren.

Was passiert, wenn wir den Klimawandel nicht stoppen?

Schusslöcher markieren die Mauer einer zerstörten Schule in Banki in der Taschadee-Region in Nordost-Nigeria
Bewaffnete Konflikte durch Boko Haram in der Tschadsee-Region in Nordost-Nigeria: Schusslöcher markieren die Mauer einer zerstörten Schule in Banki.

Nicht nur in Nigeria, sondern auch im restlichen Afrika und anderen Entwicklungsländern gibt es Küstenstädte, die verschwinden werden, wenn die Emissionen nicht reduziert werden. Infolge der Auswirkungen des Klimawandels wird es mehr Klimaflüchtlinge geben. In Bezug auf Nahrungssicherheit gibt es bereits heute weitreichende Probleme. Sowohl Dürren als auch Fluten zerstören Farmen. Und das ist nur der Anfang. Nicht nur in Nigeria, sondern in ganz Afrika betreibt man Regenfeldbau, [Anm. d. Red.: eine Form der Landwirschaft, die ausschließlich mit Wasser aus Niederschlägen auskommt]. Bleibt Regen aus, bedeutet dies, dass es weniger Nahrung geben wird und Landwirte zunehmend ihre Jobs verlieren. Als Folge dessen entstehen in Nigeria zunehmend Konflikte und Terrorismus, beispielsweise in der vom Austrocknen gefährdeten Tschadsee-Region. Die Menschen werden um ihre Ressourcen kämpfen, und viele werden ihr Leben verlieren.

Hast Du eine Botschaft an die Menschen, die in reichen Ländern wie Deutschland leben?

Afrika ist durch den Klimawandel besonders gefährdet, da wir uns nur schwer an die klimatischen Veränderungen anpassen können. Einem Bericht von Oxfam zufolge sind die G7-Staaten für etwa 50 Prozent der der weltweiten historischen Emissionen verantwortlich. Deutschland gehört demnach zu den Ländern, die hauptsächlich für den Klimawandel verantwortlich sind. Als entwickeltes Land hat Deutschland die Verantwortung, nicht nur diejenigen zu unterstützen, die durch den Klimawandel besonders gefährdet sind, sondern auch diejenigen, die kaum zum Klimawandel beigetragen haben. Als Unterzeichner des Pariser Abkommens ist Deutschland dazu verpflichtet, seine Emissionen zu reduzieren. Je mehr Kohle verbrannt wird, um damit Profit zu machen, desto katastrophaler sind die Folgen in Nigeria.

Es ist nie zu spät. Deutschland hat das Geld, das Know-how und die Technologien, um auf erneuerbare Energien umzusteigen. Je früher man damit anfängt, desto besser für alle. In Zukunft wird jeder vom Klimawandel betroffen sein, auch ihr. Vergesst das nicht, während ihr tatenlos dabei zuschaut, wie Leute sterben, die vom Klimawandel betroffen sind. Es gibt nur einen Planeten. Denkt nicht, dass ihr nicht vom Klimawandel betroffen sein werdet. Fangt damit an, eure Kohlekraftwerke außer Betrieb zu setzen und übernehmt Verantwortung!

Dieses Projekt wurde gefördert von UBA und BMUB

Hier erfahren Sie noch mehr über die Auswirkungen des Klimawandels in Nigeria:

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2 Kommentare

Wir haben nur diese eine Erde und der Mensch bemerkt jetzt schon wie sich das Klima verändert ! Mit der Erde verschwindet auch der Mensch!

Es ist unfassbar dass zB in Frankfurt im Heizkraftwerk West jährlich 330 000t Steinkohle verbrannt werden
- gleichzeitig gibt es hohe Ausgaben für Klimaanpassungen

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