Bericht analysiert Zerstörung des Gazastreifens und skizziert Wiederaufbauplan
Im Vorfeld der 81. Sitzung der UN-Generalversammlung veröffentlicht Oxfam gemeinsam mit den palästinensischen Organisationen MAS und PalTrade einen Bericht, in dem ein konkreter Plan für den Wiederaufbau des Gazastreifens vorgestellt wird. Während die neueste Bewertung von UN, EU und Weltbank die benötigten Mittel für den Wiederaufbau auf über 71 Milliarden US-Dollar beziffert, dokumentiert der Bericht darüber hinaus das Zerstörungsausmaß von immateriellen Gütern wie Kultur, sozialem Gefüge, Wissen und Umwelt. Der Bericht betont außerdem, dass der Wiederaufbau auf dem Völkerrecht basieren und die Selbstbestimmung der Palästinenser*innen gewährleistet werden muss.
Der gemeinsame Bericht „Building the Gaza Strip Anew“ von Oxfam, dem Palestine Economic Policy Research Institute (MAS) und dem Palestine Trade Centre (PalTrade) skizziert einen Plan für den Wiederaufbau mit Schwerpunkt auf Rechte von Betroffenen und Wiedergutmachung. Der Aufbau muss strikt auf Grundlage internationalen Rechts erfolgen und von Palästinenser*innen selbst geleitet werden.
Der Bericht analysiert die Verwüstungen des Gazastreifens in den letzten Jahrzehnten und beziffert die Kosten des Wiederaufbaubedarfs nach den Kriegen von 2008/09, 2014 und 2021 auf rund 10 Milliarden US-Dollar. In der Vergangenheit wurde jeder Wiederaufbau durch Blockaden, Zugangsbeschränkungen und fehlende Gebermittel erschwert – und viel von dem, was wieder aufgebaut wurde, durch einen Folgekrieg erneut zerstört. Laut der von UN, EU und Weltbank im April 2026 durchgeführten Bewertung von Schäden und Bedarf (RDNA) hat der Gazastreifen Schäden und wirtschaftliche Verluste in Höhe von 57,9 Milliarden US-Dollar erlitten. Für den Wiederaufbau werden in den nächsten zehn Jahren 71,4 Milliarden US-Dollar benötigt.
Gaza konnte seinen Wiederaufbau nie abschließen.
Familien warteten noch auf ihre Häuser, die 2014 zerstört wurden, als die Bomben zurückkehrten. Das ist kein Zufall, sondern Produkt von Israels illegaler Besatzung und Blockade. Das Völkerrecht verpflichtet alle, die für die enorme Zerstörung in Gaza verantwortlich sind, zur Wiedergutmachung. Dies sowie die Einforderung von Rechenschaft für begangene Kriegsverbrechen sind zentrale Voraussetzungen für einen gerechten Wiederaufbau.
Zerstörung immaterieller Güter
Die 71 Milliarden US-Dollar erfassen die materiellen und wirtschaftlichen Kosten – nicht aber Menschenleben, Kultur und Soziales, die der Krieg ebenfalls ausgelöscht hat. Die menschliche Entwicklung Gazas wurde um Jahrzehnte zurückgeworfen. Der Bericht beleuchtet unter anderem folgende Themen:
- Wissen und Erinnerung: Fast alle Schulen sind zerstört oder beschädigt, Universitäten dem Erdboden gleichgemacht, Tausende von Lehrkräften, Professor*innen und Forschende wurden getötet. Bibliotheken sowie Archive zur palästinensischen Geschichte sind verloren gegangen.
- Zusammengebrochenes Versorgungssystem: Rund 58.600 Haushalte werden nun von Frauen geführt, während die Arbeitslosenquote bei Frauen bei 92 Prozent liegt. Frauen verbringen täglich bis zu 16 Stunden mit unbezahlter Pflege- und Sorgearbeit: Sie stehen ab 5 Uhr morgens Schlange für Wasser, kochen stundenlang Mahlzeiten über Feuerholz oder brennendem Müll und pflegen die Verletzten.
- Körperliche Schäden und geraubte Würde: Etwa jede vierte körperliche Verletzung verändert das Leben nachhaltig, mehr als 50.000 Menschen benötigen langfristige Rehabilitation, und schätzungsweise 83 Prozent der Menschen mit Behinderungen haben ihre Hilfsmittel verloren. Viele leben in überlasteten Zeltstädten oder Notunterkünften, wo es am Nötigsten fehlt. Dort müssen sich bis zu 650 Menschen eine einzige Toilette teilen.
Vergiftetes Land: Obstgärten, die Jahrzehnte heranwachsen, bis sie Früchte tragen sowie Gewächshäuser und Mutterboden wurden zerstört. Ackerland ist mit Schwermetallen und Sprengstoffrückständen verseucht. Der Küstengrundwasserleiter ist erschöpft und versalzen. Ungeklärtes Abwasser fließt ins Meer und bringt einst ausgerottete Krankheiten wie Polio zurück.
Was in Gaza zerstört wurde, war nicht nur Stahl und Beton. Israel hat eine ganze soziale und wirtschaftliche Welt ausgelöscht, die über Generationen hinweg aufgebaut wurde.
Der Wiederaufbau ist nicht nur eine humanitäre, sondern auch eine politische Aufgabe.
Ein in ausländischen Hauptstädten entworfener Plan, wäre nur eine weitere Form der Kontrolle über palästinensisches Land und Leben. Es dürfen keine Entscheidung über die Zukunft Gazas über die Köpfe der Palästinenser*innen hinweg getroffen werden.
Die Welt ist gut darin, die Kosten der Zerstörung Gazas zu beziffern,
aber schlecht darin, die Zerstörung zu stoppen“, sagte Behar. „Die Beschränkungen, die jeden bisherigen Wiederaufbau erstickt haben, müssen aufgehoben werden. Es braucht eine politische Perspektive, die die Besatzung beendet und den Palästinenser*innen endlich Selbstbestimmung gewährt.
Redaktionelle Hinweise
- Der Bericht bietet einen umfassenden, evidenzbasierten Plan für den Wiederaufbau des Gazastreifens. Er stützt sich auf Fokusgruppengespräche mit über 70 palästinensischen Expert*innen, Wissenschaftler*innen sowie Vertreter*innen des Privatsektors und der Zivilgesellschaft, die im Gazastreifen vom Palestine Economic Policy Research Institute (MAS) und dem Palestine Trade Centre (PalTrade) durchgeführt wurden, sowie auf 13 Experteninterviews, die in die Analyse zu den Themen Geschlechtergleichstellung, Behinderung und Inklusion einflossen.
- Der abschließende RDNA-Bericht von EU, UN und Weltbank schätzt die Schäden und Verluste auf 57,9 Mrd. US-Dollar und den Wiederaufbaubedarf über ein Jahrzehnt auf 71,4 Mrd. US-Dollar, davon 26,3 Mrd. US-Dollar in den ersten 18 Monaten. Über die Hälfte der Sachschäden entfiel auf Wohnhäuser (18 Mrd. US-Dollar).
- Laut OCHA der UN wurden seit Oktober 2023 mehr als 73.000 Palästinenser*innen wurden getötet, 173.000 verletzt, 1,9 Millionen vertrieben.
- Zusagen sind keine Auszahlungen: Von den auf der Kairoer Konferenz 2014 zugesagten 5,4 Mrd. US-Dollar wurde etwa die Hälfte des Anteils für den Gazastreifen tatsächlich ausgezahlt (Erfassung durch die Weltbank). Von den über das „Board of Peace“ (Februar 2026) zugesagten 17 Mrd. US-Dollar war bis Mai 2026 nur ein kleiner Teil ausgezahlt worden.
- Die Zahlen zu den 58.600 von Frauen geführten Haushalten, der Frauenarbeitslosenquote von 92 % und dem Anteil an Hilfsmitteln von 83 % basieren auf Angaben des UN-Ausschusses für die Rechte von Menschen mit Behinderungen aus dem Jahr 2025. Quelle: UN und PCBS.
- Die Erkenntnisse zur unbezahlten Sorge- und Pflegearbeit stützen sich auf die im Januar 2026 veröffentlichte „Rapid Care Analysis for Gaza“ von Oxfam (Datenerhebung vom 15. November bis 1. Dezember 2025), die auf 14 Fokusgruppen mit 156 Frauen und Mädchen in ganz Gaza, der „Middle Area“ und Khan Younis sowie auf 13 Interviews mit Schlüsselinformanten basiert.