Im März 2016 verschärften die EU und viele Mitgliedsstaaten drastisch ihre Flüchtlingspolitik; Grenzen wurden geschlossen und ein Abkommen zwischen der EU und der Türkei regelt seitdem die Rückführung aller auf griechischen Inseln ankommenden Geflüchteten in die Türkei. Mehr als 50 000 Menschen sind nun über Griechenland verstreut in verlassenen Gebäuden, Internierungscamps und anderen Übergangseinrichtungen untergebracht. Die oftmals schlechten Lebensbedingungen, sowie Mangel an Nahrungsmitteln, medizinischer Fürsorge und Informationen lassen viele Menschen unsicher, ängstlich und depressiv werden; Hungerstreiks, Selbstverletzungen und gewalttätige Auseinandersetzungen nehmen zu. Die griechische Regierung, die immer noch mit der Bewältigung der Wirtschaftskrise zu tun hat, schafft es kaum, den nötigen Schutz, die Unterbringung und Grundversorgung der Geflüchteten sicherzustellen.

Oxfam und ActionAid haben über 250 nach Griechenland geflüchtete Frauen und Männer über ihre Motive für und ihre Erlebnisse auf der Flucht sowie über ihre dringendsten Probleme und Hoffnungen befragt. Fazit: Die Menschen sind verzweifelt und appellieren an die Verantwortlichen in Europa, ihre Lage zu verbessern. Oxfam unterstützt sie dabei und ruft die Europäische Union und die Regierungen ihrer Mitgliedsstaaten auf, entsprechend tätig zu werden.

Säugling liegt in einer improvisierten Wiege

Die vier Monate alte Jalileh* wurde auf dem Weg von Afghanistan nach Griechenland im Iran  nahe der türkischen Grenze ohne medizinische Betreuung in einem Schuppen geboren. Nachdem der Vater durch illegale Arbeiten in der Türkei genug Geld verdient hatte, brachten Schmuggler die Familie nach Griechenland. „Wir waren mehr als 60 Menschen auf dem Schlauchboot, der Motor stoppte auf dem halben Weg. Alle wurden gerettet und nach Lesbos gebracht. Wir machen uns Sorgen um die Zukunft unserer Tochter“, erzählt die Mutter von Jalileh. Die Familie lebt nun in einem Zelt in einem Camp bei Filippiada in der Region Epirus im Nordwesten Griechenlands.

Am häufigsten äußern die Menschen den Wunsch nach einer würdevollen Zukunft und rufen Europa auf, sie nicht zu vergessen. Viele Geflüchtete sind verzweifelt und hoffnungslos angesichts der physischen, psychischen und rechtlichen Ausnahmesituation, in der sie sich befinden. Oxfam fordert von der Europäischen Union, ein gemeinsames Vorgehen, um Geflüchteten internationalen Schutz zu geben, ihre Integration zu fördern, ein Leben in Würde und Sicherheit zu unterstützen und ihren Kindern eine Schulausbildung zu ermöglichen.

*Name geändert

Faramaz zeigt sein Handydisplay, auf dem drei Verwandte von ihm zu sehen sind

Faramaz (21) zeigt ein Bild seiner zwei Brüder und seines Neffen, die in Deutschland leben. Der gebürtige Afghane lebt nun mit seiner Familie in einem Zelt im Kara Tepe Camp im Südosten von Lesbos. „Ich bleibe mit meinen Brüdern über What´s App in Kontakt. Es ist gut für meine Familie, voneinander zu hören und zu wissen, wie es dem anderen geht. Ich hoffe darauf, dass wir in Zukunft zusammen in Deutschland leben können.“

Viele Geflüchtete hoffen, dass sich Europa stärker für Familienzusammenführungen einsetzt. Oxfam fordert, vorhandene Verfahren zu beschleunigen und auszuweiten, damit Menschen mit ihren Angehörigen zusammenleben können. Außerdem würde dadurch auch das mit der Flüchtlingsaufnahme überforderte Griechenland entlastet werden.

Ein Vater hält seine Tochter auf dem Arm, im Hintergrund ist ein größeres Steingebäude zu sehen

„Wir sind seit über 2,5 Monaten hier. Die griechische Bevölkerung ist sehr nett zu uns, trotzdem ist es schwer, hier zu leben.“

Nader (33) lebt mit seiner Frau und seiner Tochter Adileh (4) im Doliana-Camp in der Region Epirus im Nordwesten Griechenlands. Rund 200 Menschen sind hier in einem alten Internatsgebäude untergebracht, die Lebensbedingungen sind schlecht. Oxfam stellt Heizöl zur Verfügung und verteilt Hygiene-Artikel und Haushaltswaren.

Ein zentraler Wunsch der Geflüchteten ist, menschenwürdig untergebracht und würdevoll behandelt zu werden. Oxfam drängt deshalb auf Unterkünfte, die nicht Internierungseinrichtungen gleichen, sondern offen gestaltet sind. Auch müssen die Versorgung mit Lebensmitteln, die medizinische Fürsorge und die Sanitäreinrichtungen verbessert werden.

Marianna Kapelle vom Oxfam Gender & Protection Team im Gespräch mit geflüchteten Frauen

Frauen im Camp bei Filippiada sind im Gespräch mit Marianna Kapelle vom Oxfam Gender & Protection Team. Oxfam ermöglicht es Frauen, sich in einem geschützten Rahmen auszutauschen und bietet ihnen Beistand in schwierigen Situationen. „Als Schutzbeauftragte verbringe ich viel Zeit in den Camps, spreche mit den Menschen. Ich bin sehr dankbar, diese mutigen Menschen unterstützen zu können.“

Schutz, besonders vor sexueller Gewalt und Ausbeutung, ist für die oftmals traumatisierten Menschen äußerst wichtig. Sie müssen deshalb Kontakt zu Personen erhalten, die sich um ihre Sicherheitsbedürfnisse kümmern können.

Mastura, 45, aus Afghanistan sitzt  mit ihrer Tochter Dewya auf einer Bank, beide arbeiten zusammen an einer Handarbeit.

Mastura (45) aus Afghanistan strickt mit ihrer sechzehnjährigen Tochter Dewya*. Mastura ist mit ihren fünf Kindern im Camp Kara Tepe auf Lesbos untergebracht, ihre beiden ältesten Söhne leben in Deutschland.

„Vor unserer Flucht besuchten meine Kinder die Schule, nun ist dies nicht möglich. Ich habe mir niemals vorstellen können, dass wir einmal in eine solche Situation geraten würden. Ich dachte, wenn wir erst einmal Europa erreicht haben, würden wir ein paar Tage später meine Söhne in Deutschland wiedertreffen.“

Informationen über ihre Rechte, den Aufenthaltsstatus und ihre Möglichkeiten sind wichtig, um den geflüchteten Menschen Ängste zu nehmen, unter denen sie aufgrund ihres unsicheren Schicksals leiden. Sie müssen deshalb Informationen darüber erhalten, wie lange sie in den Camps untergerbacht sein werden, welche Rechte und Ansprüche sie gemäß griechischem und europäischem Recht haben, wer Aussicht auf Familienzusammenführung hat und wer berechtigt ist, in ein anderes Land der EU weiter zu reisen.

Oxfam setzt sich auch dafür ein, dass alle Geflüchteten Zugang zu ordnungsgemäßen Asylverfahren, kostenloser Rechtsberatung und adäquaten Übersetzungsangeboten erhalten.

*Name geändert

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