Die Rohstoffgeschäfte der Deutschen Bank bleiben intransparent

Am vergangenen Donnerstag (05.12.2013) machten Pressemeldungen die Runde, wonach die Deutsche Bank ihr Rohstoffgeschäft reduzieren und künftig nicht mehr mit Agrarrohstoffen handeln wolle. Doch was steckt hinter dieser Meldung? In einer ersten Reaktion fragten wir uns, ob das tatsächlich ernst gemeint ist, oder ob es sich lediglich um ein weiteres hohles PR-Manöver handelt, denn Details waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt.

Ich habe direkt bei der Deutschen Bank nachgefragt, doch dort war man offenbar selbst überrascht. Die Frankfurter Pressestelle wusste zunächst nichts und verwies mich auf die Londoner Niederlassung, dort sagte man mir ich sollte mich an Frankfurt wenden. Als ich schließlich doch den dortigen Pressesprecher am Apparat hatte und ihn fragte, aus welchem Geschäft die Bank denn nun eigentlich aussteigen will, war offenbar auch er überfragt. Lediglich zu Rohstofffonds bekam ich eine einigermaßen klare Antwort: die seien wohl nicht gemeint und sollten weiter angeboten werden. Doch auf welche Form des Rohstoffhandels bezieht sich der Ausstieg dann?

Kurze Zeit später versuchte die Deutsche Bank auch in Reaktion auf eilige Anfragen verschiedener Medien klarzustellen, dass lediglich der physische Handel gemeint sei, also der tatsächliche Handel, beim dem reale Waren den Besitzer wechseln. „Ein kompletter Abschied aus dem Rohstoffgeschäft ist das jedoch noch lange nicht: denn Kunden können weiterhin Investmentprodukte beziehen, die auf Rohstoffen basieren“, so gibt etwa die Süddeutsche Zeitung die Position der Bank wieder. Physischer Handel? Bedeutet das etwa, dass die Deutsche Bank wie ein Agrargroßhändler reale Güter wie Mais, Weizen, Soja und Zucker an- und verkauft?

Auch die Original-Pressemeldung der Deutschen Bank gibt keine klaren Antworten. Aus den wenigen Informationsbrocken ergibt sich jedoch die Frage, ob die Deutsche Bank beim Thema Nahrungsmittelspekulation in den letzten Jahren noch mehr geflunkert hat, als bereits bekannt war. Die Bank gibt in ihrer Meldung bekannt, „dass sie den Umfang ihres Rohstoffgeschäfts deutlich reduziert. Die Bank konzentriert sich künftig auf Finanzderivate und Edelmetalle und damit auf ihre Kernkompetenzen in diesem Geschäftsfeld. Mit dieser Entscheidung (…) zieht sich die Deutsche Bank aus dem Handel mit Energie, Agrarprodukten, Grundmetallen und Trockenmassengut zurück.“

Doch was meint die Bank damit genau? Eine Erklärung wäre, dass es sich um einen Rückzug aus dem Handel mit Agrarrohstoffderivaten handelt. Doch streng genommen handelt es sich dabei auch um Finanzderivate, die ja angeblich weiter gehandelt werden sollen. Bezieht sich der Rückzug also tatsächlich auf den physischen Handel? Wenn das so wäre, dann wäre das allerdings ein starkes Ding. Denn die Deutsche Bank hat in den letzten Jahren z.B. gegenüber dem Handelsblatt behauptet, sie betreibe keinen physischen Handel mit Agrarrohstoffen. Auch einem Rechercheinstitut gegenüber, dass wir 2011 mit einer Untersuchung der Rohstoffgeschäfte der Deutschen Bank beauftragt haben, stellte ein Vertreter des Geldhauses klar, dass sich das physische Rohstoffgeschäft der Bank Edelmetalle, Industriemetalle, Kohle, Eisenerz Erdgas und Energie umfasst. Keine Rede war hingegen von einem physischen Handel mit Agrarrohstoffen.

Mit der nun veröffentlichten Meldung spricht allerdings viel dafür, dass die Bank ihr Mitwirken am physischen Agrarrohstoffhandel nicht öffentlich zugeben wollte. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Wenn eine Bank nicht nur auf den Warenterminmärkten, sondern auch am physischen Handel tätig ist, so besteht die Gefahr, dass diese Geschäfte miteinander verknüpft und die Märkte manipuliert werden. Damit sage ich nicht, dass die Deutsche Bank das auch getan hat. Allerdings dürfte wohl inzwischen angesichts der jüngst bekannt gewordenen Referenzzins-, Währungs- und Goldpreismanipulationen jedem bewusst geworden sein, dass den Internationalen Investmentbanken leider allerhand zugetraut werden muss.

Ein weiterer Grund dürfte die bisherige Kommunikationsstrategie der Bank sein. Um ihre umfangreichen Geschäfte mit Rohstofffonds gegen Kritik zu verteidigen, hat die Bank wiederholt argumentiert, ihre Fonds würden die reale Preise nicht beeinflussen, da es sich dabei um ein vom physischen Markt losgelöstes Geschäft mit Preiserwartungen handele, während für Schwankungen der Nahrungsmittelpreise ausschließlich das Verhältnis von Angebot und Nachfrage verantwortlich sei. Wenn die Bank nun jedoch zugibt, am physischen Handel beteiligt zu sein, so muss sie auch einräumen, das Verhältnis von Angebot und Nachfrage selbst mit zu beeinflussen.

Die Ankündigung der Bank wirft also gleich eine ganze Reihe von Fragen auf:

  • Welche Geschäfte mit Agrarhostoffen will die Deutsche Bank denn nun eigentlich einstellen?
  • Ist die Deutsche Bank entgegen ihrer früheren Behauptungen doch am physischen Handel von Agrarrohstoffen beteiligt? Welche Strategien verfolgt sie dabei und welchen Umfang haben diese Geschäfte? Welche Verbindungen bestehen zwischen dem physischen Handel und dem Derivategeschäft?
  • Welche Handelsstrategien außerhalb des Indexgeschäfts verfolgt die Bank mit Agrarrohstoffderivaten, und welche davon sollen künftig eingestellt werden?

Die Deutsche Bank sperrt sich massiv gegen die dringend notwendige Re-Regulierung der Märkte. Sie lehnt Positionslimits und andere Regeln, die die exzessive Spekulation mit Nahrungsmitteln wieder eindämmen könnten, ab. Nur in Punkto Transparenz räumt selbst das Geldhaus Handlungsbedarf ein: „Verbesserte Transparenz hilft, die Integrität des Marktes zu gewährleisten.“ Doch das Rätselraten um die aktuelle Ausstiegsankündigung zeigt erneut, dass die größte Intransparenz bei der Bank selbst besteht. Von außen ist es derzeit praktisch unmöglich, sich auch nur ein vages Bild der Agrarrohstoffgeschäfte und der Handelsstrategien zu machen.

Die Deutsche Bank muss alle Karten auf den Tisch legen, doch das wird sie wohl nicht von alleine machen. Das aktuelle Verwirrspiel ist ein weiterer Beleg dafür, dass die Politik endlich Licht ins Dunkel bringen muss, denn die Öffentlichkeit hat das Recht zu erfahren, welche Spielchen hinter den Spiegelfassaden der Großbanken gespielt werden. Doch Transparenz alleine reicht nicht aus: Positionslimits, wie sie aktuell in Europa im Rahmen der Verhandlungen über die Finanzmarktrichtlinie MIFID diskutiert werden, könnten das Volumen der Nahrungsmittelspekulationen einzelner Geldhäuser beschränken. Das wäre ein Schritt in die richtige Richtung. Der aktuelle Fall zeigt auch, dass die Politik bei der Regulierung auch die problematische Verzahnung von physischen und derivativen Handel in den Blick nehmen muss, da hier ein erhebliches Potential für Marktmanipulation liegt. Die bisherigen Richtlinienvorschläge haben dieses Problem bisher jedoch leider kaum auf dem Schirm.

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