17 Nachhaltigsziele der Vereinten Nationen
Sustainable Development Goals

Deutschlands Defizite bei den Nachhaltigkeitszielen

| Autor*in: Tobias Hauschild

Deutschland zählt zu den führenden Ländern bei der Umsetzung der globalen Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals = SDGs). In zentralen Bereichen wie Armut, Ungleichheit, Bildung und Geschlechtergerechtigkeit werden die Ziele jedoch noch deutlich verfehlt. Oxfam Deutschland sieht darin ein alarmierendes Signal – und fordert mehr politischen Willen, um die Agenda 2030 noch zu retten.

Erfolge bei Zielen für nachhaltige Entwicklung stehen auf der Kippe

Im jährlichen Bericht der Vereinten Nationen zum Fortschritt der Umsetzung der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) landet Deutschland regelmäßig auf den vorderen Plätzen. 2025 belegt Deutschland Platz vier von 167 bewerteten Staaten.

Ein Grund zur Selbstzufriedenheit ist das jedoch nicht. Deutschland hat zwar einige Fortschritte erzielt, das gute Abschneiden im internationalen Vergleich täuscht aber auch über gravierende Defizite hinweg – und viele Erfolge stehen nun wieder auf der Kippe.

In Deutschland sind in mehreren zentralen Bereichen der nachhaltigen Entwicklung besorgniserregende Trends zu beobachten. Rückschritte zeigen sich beispielsweise bei den Nachhaltigkeitszielen „Keine Armut“, „Weniger Ungleichheiten“, „Hochwertige Bildung“ und „Geschlechtergleichheit“. Auch beim Ziel „Partnerschaften zur Erreichung der Ziele“ besteht erheblicher Nachholbedarf.

Negativtrend beim Nachhaltigkeitsziel „Keine Armut“

Deutschland ist eines der wohlhabendsten Länder der Welt, gemessen am Bruttoinlandsprodukt ist es die drittgrößte Volkswirtschaft. Doch dieser wirtschaftliche Reichtum kommt längst nicht bei allen Menschen an.

Beim SDG „Keine Armut“ ist ein klarer Negativtrend erkennbar. Besonders alarmierend ist der Anstieg der Armutsrate nach Steuern und Transfers, also des Anteils der Bevölkerung, der mit weniger als der Hälfte des mittleren Einkommens auskommen muss. Mit inzwischen 11,6 Prozent hat dieser Wert einen neuen Höchststand seit Beginn des Beobachtungszeitraums 2008 erreicht. Damit rückt das Ziel, die Armutsquote auf 6,1 Prozent zu senken, in immer weitere Ferne.

SDG „Weniger Ungleichheiten“ hat noch einen weiten Weg vor sich

Bis zur Umsetzung des SDG „Weniger Ungleichheiten“ ist es ebenfalls noch ein weiter Weg. Problematisch ist vor allem die zunehmende Altersarmut. Der Anteil der Menschen ab 66 Jahren, deren Einkommen weniger als die Hälfte des mittleren Haushaltseinkommens beträgt, liegt aktuell bei 14,1 Prozent – ein neuer Höchstwert. Das langfristige Ziel für diesen Indikator liegt bei 3,2 Prozent.

Auch die beiden wichtigsten Indikatoren für Einkommensungleichheit zeigen für Deutschland einen negativen Trend und erreichen neue Höchststände. Der Gini-Index misst die Gesamtverteilung von Einkommen in einer Gesellschaft. Null bedeutet perfekte Gleichverteilung, 100 drückt maximale Ungleichheit aus. In Deutschland liegt der Gini-Index bei 32,4, deutlich über dem Zielwert von 27,5. Der Palma-Index betrachtet das Verhältnis zwischen dem Einkommen des reichsten Zehntels der Bevölkerung und dem der ärmsten 40 Prozent. Er liegt in Deutschland bei 1,12, der Zielwert beträgt 0,9.

Nachhaltiges Entwicklungsziel „Hochwertige Bildung“: Deutschland sammelt Rügen

Beim SDG „Hochwertige Bildung“ zeigt sich: Kaum ein Jahr vergeht, ohne dass die OECD Deutschland dafür rügt, dass Bildungschancen hierzulande noch immer stark vom Einkommen und Bildungsgrad der Eltern abhängen. Zwar ist der Anteil junger Erwachsener mit Hochschulabschluss in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen und schneller gewachsen als in vielen anderen Industrieländern, von 33 Prozent im Jahr 2019 auf 40 Prozent im Jahr 2024. Gleichzeitig nimmt jedoch der Anteil junger Menschen ohne Schul- oder Berufsabschluss zu. Hier liegt Deutschland mit inzwischen 15 Prozent in Europa im unteren Drittel.

Diese Kluft zwischen höher und gering qualifizierten jungen Menschen ist besonders problematisch, weil sie die sozialen Unterschiede weiter verfestigt. Wer aus einem Elternhaus ohne höhere Bildung stammt, hat in Deutschland noch immer deutlich schlechtere Chancen, selbst ein Studium abzuschließen. Nur etwa ein Fünftel schafft den Aufstieg, während es bei Kindern akademisch gebildeter Eltern rund drei Fünftel sind.

Nachhaltigkeitsziel „Geschlechtergleichheit“: bisher nicht erreicht

Im globalen Vergleich hat Deutschland bei der Gleichstellung der Geschlechter bereits einiges erreicht. Doch von einer vollständigen Erfüllung des SDG „Geschlechtergleichheit“ ist es noch weit entfernt. Obwohl Fortschritte in der Bildung oder bei der Beschäftigungsquote von Frauen erfreulich sind, gibt es in zu vielen zentralen Bereichen weiterhin deutlichen Handlungsbedarf.

Besonders drastisch ist der Gender Pay Gap: Deutschland liegt hier EU-weit auf dem fünftletzten Platz und weit hinter dem europäischen Durchschnitt.

Auch bei der Repräsentation auf politischer Ebene ist die Gleichstellung noch nicht erreicht. Der Anteil weiblicher Mitglieder im Deutschen Bundestag liegt aktuell nur bei 32,4 Prozent und damit niedriger als in der vorherigen Legislaturperiode.

Hinzu kommt, dass derzeit diskutierte politische Maßnahmen wie die Abschaffung des Pflegegrad 1 oder die steuerliche Freistellung von Überstundenzuschlägen negative Auswirkungen auf die Erwerbstätigkeit von Frauen haben könnten. Sie würden die Erwerbsbeteiligung von Frauen senken oder ihre Einkommensposition verschlechtern und damit den Gender Pay Gap sowie den Rückschritt bei der Gleichstellung verstärken.

Große Herausforderungen beim SDG „Globale Partnerschaften zur Erreichung der Ziele“

Mit Blick auf Deutschlands Rolle als internationaler Geber und weltpolitscher Akteur zeigen sich ebenfalls Licht und Schatten. Beim SDG „Globale Partnerschaften zur Erreichung der Ziele“ bestehen weiterhin signifikante Herausforderungen.

Einerseits war die Bundesregierung ein wichtiger Antreiber zur Reform der Weltbank im Hinblick auf eine stärkere Ausrichtung auf die Bekämpfung von Ungleichheit und Deutschland hat von 2020 bis 2023 das international zugesagte Ziel erreicht, mindestens 0,7 Prozent seiner Wirtschaftskraft für Entwicklungszusammenarbeit bereitzustellen. Bei der Unterstützung für Klimaschutz und die Anpassung an den Klimawandel in einkommensschwachen Ländern, ein zentrales Element der Entwicklungszusammenarbeit, konnte die Bundesregierung 2024 die zugesagten sechs Milliarden Euro bereitstellen. In Zukunft wird sie diese und andere Zusagen jedoch wohl nicht mehr einhalten können.

Die drastischen Kürzungen beim Entwicklungsetat und in der humanitären Hilfe im Bundeshaushalt haben schon 2024 dazu geführt, dass die 0,7-Marke gerissen wurde, und in den kommenden Jahren wird sie angesichts der geplanten Kürzungen stark absinken. Das ist ein fatales Signal in Zeiten steigender weltweiter Bedarfe und zunehmender Instabilität. Deutschland wäre damit kein verlässlicher Partner mehr und konterkariert das Leitprinzip der SDGs „Niemanden zurückzulassen“.

Wie die Bundesregierung jetzt gegensteuern müsste

Auch wenn Deutschland bei globalen Zielen der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung (SDGs) im internationalen Vergleich gut dasteht, hat das Land bisher kein einziges der Ziele für nachhaltige Entwicklung erfüllt. Hält der gegenwärtige Trend an, wird das Erreichen der Agenda 2030 immer unwahrscheinlicher. Die Bundesregierung müsste jetzt eigentlich entschlossen gegensteuern. Stattdessen verschärfen aktuelle Einsparungen und insgesamt unzureichender politischer Wille die Probleme – Deutschland droht das Erreichen der SDGs auszubremsen.

Oxfam Deutschland und andere zivilgesellschaftliche Organisationen drängen daher auf eine Politik, die das Erreichen der Ziele zur Leitlinie politischen Handelns macht. Dazu gehören etwa eine Besteuerung von Superreichen sowie gezielte Investitionen in soziale Grunddienste, Geschlechtergerechtigkeit, Entwicklungszusammenarbeit und den Klimaschutz. Nur so kann Deutschland wieder glaubwürdig zum Motor für nachhaltige Entwicklung werden.

Der Artikel ist zuerst im Magazin E + Z Entwicklung und Zusammenarbeit unter dem Titel „Motor oder Bremsklotz? Deutschland und die SDGs“ erschienen.