Blog zur Konferenz „Beyond Aid“ 20.-22. Februar 2014 in Frankfurt/Main (Teil 1)

Viele Jahrzehnte der Entwicklungs“hilfe“ – ohne Zweifel mit Erfolgen. Doch wir leben weiterhin in einer Welt mit vielfältiger Armut und Hunger, mit massiven Verletzungen politischer wie sozialer Menschenrechte, mit  zwar veränderten, aber noch verstärkten asymmetrischen Machtverhältnissen – und all das vor dem Hintergrund einer sich zuspitzenden Klimakatastrophe. Die Herausforderungen sind groß, die Antworten eher bescheiden: Warum gelang mit der Ausdifferenzierung und Professionalisierung der Entwicklungsorganisationen kein wirklicher Durchbruch? Offene Debatten zu grundsätzlichen Fragen gehören nicht zum Alltag in der NGO-Welt – umso erfreulicher die große Anzahl von Teilnehmer/innen auf der spannenden Konferenz „Beyond Aid“ von medico international.

Barbara Unmüßig, Vorstand der mitveranstaltenden Heinrich-Böll-Stiftung, kritisierte die aus ihrer Sicht zu große Bereitschaft der Entwicklungsorganisationen, auf jeden (Lobby-)Zug aufzuspringen und zu leicht zum funktionalen Rädchen im Getriebe des Entwicklungs“business“ zu werden – ohne damit zu einem grundsätzlichen Wandel beizutragen und ohne eine Partizipation der Betroffenen und ihrer Organisationen zu ermöglichen. Dies sei beispielsweise im aktuellen Prozess um die Post-2015-Debatte der Fall. Die Böll-Stiftung habe sich daher entschlossen, nicht in dem institutionellen Rahmen daran mitzuwirken, sondern die Stimmen des Südens zu den relevanten Fragen im Jahr 2015 stärker in die deutsche Öffentlichkeit zu tragen. Deutliche Worte sind für die Debatte wichtig. Bleibt die Frage, wie diese Süd-Stimmen zu einem Wandel beitragen. Die Fakten – beispielsweise zur globalen Erwärmung – sind ja bekannt, aber allein daraus erfolgt leider kein Wandel. Da gehen meist handfeste wirtschaftliche und politische Interessen vor.

Wie wir alle, ob als Entwicklungsorganisation oder Bürger/innen, in das dominante Politik- und Wirtschaftssystem eingebunden sind, beleuchtete Ulrich Brand von der Universität Wien mit seinem Konzept der „imperialen Lebensweise“. Menschen mit ausreichend Geld – in Deutschland und anderen „reichen“ Staaten, aber zunehmend auch in Brasilien oder China – erfreuen sich an dem Kauf billiger (oder auch teurer) Konsumgüter, die auf Kosten von Menschenrechten und der Natur produziert werden. Wir alle wissen das und machen trotzdem mit; das globale Unrecht wird so zementiert und an uns selbst sichtbar. Ernsthaft andere Produktions- und Konsummuster anzudenken und damit das Wachstumsparadigma in Frage zu stellen, hat im hegemonialen Diskurs, der weit in die grüne, entwicklungspolitische und gewerkschaftliche Bewegung reicht, wenig Raum. Dabei ist es offensichtlich, dass die Leitlinien für die Entwicklung der Zukunft folgendes beinhalten müssen: Weniger Ressourcenverbrauch bei denen, die - wie wir - zu viel verbrauchen, und mehr Aufmerksamkeit für grundlegende Menschenrechte weltweit.

Das „System“, das scheinbar keine Alternative zulässt, figurierte in vielen Beiträgen, blieb aber als „Markt“, „corporate state“ oder „Kapitalismus“ merkwürdig unbestimmt – das größte Manko der Konferenz. So ist schwer verständlich, dass die Konferenz in Frankfurt mit keinem Wort die Deutsche Bank erwähnte, die beispielweise zusammen mit der Allianz jährlich eine Summe so groß wie der BMZ-Etat allein in Nahrungsmittelspekulation investiert! Und es gibt nicht nur diesen Einzelskandal, sondern eine beunruhigende Tendenz: Laut einer neueren Oxfam-Studie besitzen die reichsten 85 Menschen mehr als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung zusammengenommen. Aus sozialen, ökologischen, ökonomischen, menschenrechtlichen und moralischen Gründen wäre die Begrenzung dieser enormen Ungleichheit eine dringend notwendige Handlungsoption für hiesige Entwicklungsorganisationen. Unter diesen Top-Reichen sind auch die Besitzer von Aldi und Lidl. Sie werden von NGOs und Gewerkschaften gedrängt, stärker Sozial- und Umweltstandards zu diskutieren. Das ist nicht falsch, aber gehört nicht in erster Linie die Begrenzung der (Einkaufs-)Macht dieser Großunternehmen auf die Tagesordnung?

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