Gesundheit ist ein Menschenrecht, sagt auch Kanzlerin Merkel, die jüngst bei ihrer Keynote Speech bei der Weltgesundheitsversammlung in Genf eine vorchristliche Weisheit zitierte:  „Bevor du redest, unterrichte dich. Bevor du krank wirst, sorge für Gesundheit.“ Immer mehr wird die Bedeutung von Gesundheit als Voraussetzung für menschliche Entwicklung verstanden. Doch wieweit reicht das Engagement der G7 und der deutschen Bundesregierung für die Gesundheitsfürsorge und Gewährleistung des Menschenrechts auf Gesundheit? Was müssen sie tun, um im Entwicklungsjahr 2015 auf dem Weg zu „Gesundheit für alle“ einen entscheidenden Schritt voran zu kommen?

Die deutsche G7-Präsidentschaft hat einen Schwerpunkt auf das Thema Gesundheit gelegt und drei Gesundheitsthemen auf die Tagesordnung des Gipfels in Elmau gesetzt, die auch im Laufe der deutschen Präsidentschaft weiter bearbeitet werden sollen:

  • Lehren aus der Ebola-Krise,
  • Bekämpfung von vernachlässigten und armutsbedingten Krankheiten sowie von
  • zunehmenden Antibiotikaresistenzen

sind wichtige Themen. Die Diskussion darüber muss aber auch mit starken politischen Verpflichtungen und finanziellen Zusagen verknüpft werden.

Ebola als „Stress-Test“ der Reaktions- und Widerstandsfähigkeit von Gesundheitssystemen

Tragischerweise bedurfte es der Bedrohung durch eine globale Gesundheitskrise, um uns die Schwächen der Gesundheitssysteme in afrikanischen Ländern vor Augen zu führen und die Auswirkungen mangelnder Investitionen in starke, reaktionsfähige Gesundheitssysteme zu demonstrieren. Die Bedeutung der Stärkung von Gesundheitssystemen, für die sich zivilgesellschaftliche Gesundheitsorganisationen schon seit Jahrzehnten einsetzen, wird im Kontext von globalen Gesundheitskrisen nun wieder prominent diskutiert. Das ist gut so, darf jedoch nicht nur reine Rhetorik bleiben.

Ebola traf die westafrikanischen Länder so stark, weil ihre Gesundheitssysteme so schwach sind. Sierra Leone hat die höchste Sterblichkeitsrate bei Unter-Fünfjährigen der Welt, das System ist chronisch unterfinanziert, es mangelt an Einrichtungen, Gesundheitspersonal und Medikamenten.   

Die G7 müssen langfristige finanzielle Hilfe über einen Zeitraum von mindestens zehn Jahren für den Wiederaufbau der von Ebola betroffenen Länder zusagen, um dort eine frei zugängliche Gesundheitsversorgung aufzubauen, die Gesundheitssystem zu stärken und widerstandsfähig zu machen. Dabei ist es von zentraler Bedeutung, die Menschen vor Ort mit einzubeziehen, die vor allem durch die umfassende Aufklärung zu Hygienemaßnahmen einen enorm wichtigen Beitrag für die Eindämmung der weiteren Ausbreitung von Ebola geleistet haben.

Gesundheit für alle

Doch nicht nur die Menschen in Westafrika leiden unter den  Folgen schwacher Gesundheitssysteme. Weltweit haben eine Milliarde Menschen keinen Zugang zu einer medizinischen Grundversorgung. 100 Millionen Menschen weltweit verfallen jährlich in Armut, weil der Arztbesuch zu teuer für sie war.

Um solche schrecklichen Krisen wie Ebola zu verhindern, Ungleichheit zu überwinden und Verarmung durch Krankheit vorzubeugen, müssen sich die G7 vor allem zum WHO-Konzept der allgemeinen Gesundheitsversorgung (Universal Health Coverage) bekennen und damit allen Menschen den Zugang zu bezahlbaren Gesundheitsdienstleistungen ermöglichen. Sie müssen sich für die Stärkung reaktionsfähiger Gesundheitssysteme sowie den Zugang zu ihnen – insbesondere für marginalisierte und verletzliche Bevölkerungsgruppen – einsetzen.

Gesundheitssysteme müssen auf eine ausreichende öffentliche Förderung bauen – hauptsächlich finanziert über ein faires Steuersystem und ergänzt durch internationale Hilfe und einen starken öffentlichen Sektor – und über eine ausreichende Zahl an gut ausgebildeten Gesundheitsfachkräften und notwendigen Medikamenten und Diagnostika. Dazu gehört ebenfalls eine gut funktionierende Infrastruktur und Informations- und Überwachungssysteme des Gesundheitsbereichs. 

Die G7 müssen sich zu einer Erhöhung der Mittel für gesundheitsbezogene Entwicklungszusammenarbeit verpflichten und dabei auch verstärkt innovative Finanzierungsmechanismen wie z.B. die Finanztransaktionssteuer berücksichtigen. 
Deutschland liegt bei der gesundheitsbezogenen Entwicklungszusammenarbeit gemessen an seinem Bruttonationaleinkommen (BNE) weit unter dem europäischen Durchschnitt: Nur 0,03 Prozent des BNE fließen in bi- und multilaterale Gesundheitsförderung. Die WHO-Kommission für Makroökonomie und Gesundheit empfiehlt 0,1 Prozent des BNE.

Nach Berechnungen von Oxfam beträgt die jährliche Finanzierungslücke zur Erreichung von Universal Health Coverage 419 Millionen USD für Sierra Leone, 279 Millionen USD für Liberia, 882 Millionen USD für Guinea und 132 Millionen USD für Guinea Bissau. Diese Länder brauchen zudem 420 Millionen USD um rund 42.000 Ärzte, Krankenschwestern und Hebammen auszubilden. Danach wären jährlich 297 Millionen USD erforderlich, um ihre Gehälter für 10 Jahre zu bezahlen.

Die 2010 beim G8-Gipfel im kanadischen Muskoka ins Leben gerufene Initiative zur Reduzierung der Mütter- und Kindersterblichkeit endet in diesem Jahr.  Trotz großer Fortschritte sind die Milleniumsziele 4 (Kindersterblichkeit) und 5 (Müttersterblichkeit) die am wenigsten erreichten Ziele. Täglich sterben weltweit immer noch  rund 17.000 Kinder unter fünf Jahren, die große Mehrzahl an leicht vermeidbaren und behandelbaren Krankheiten. 800 Frauen sterben täglich an den Folgen von Schwangerschaft und Geburt. Die G7 müssen ihre Unterstützung in diesem Bereich weiterführen. Grundlegend hierfür ist ein umfassender, systemstärkender Ansatz im Sinne von Universal Health Coverage, der über die finanzielle Unterstützung der Impfallianz Gavi hinausgeht.

Armutsassoziierte und vernachlässigte Krankheiten: Forschung als öffentliches Gut

Das gegenwärtige System der medizinischen Forschung ist hauptsächlich von Profiten getrieben. Geforscht und entwickelt wird überwiegend zu Krankheiten, bei denen eine hohe Rendite zu erwarten ist. Dazu gehören die, von der WHO als „vernachlässigte tropische Krankheiten“ definierten 17 Krankheiten wie Dengue-Fieber, Flussblindheit, Chagas und diverse Wurmerkrankungen nicht. Dennoch betreffen diese Krankheiten weltweit mehr als eine Milliarde Menschen.

Öffentliche Investitionen für Forschung und Entwicklung von verbesserten Diagnostika, Präventiva und Behandlungsmöglichkeiten inklusive Zugang zu bezahlbaren Medikamenten können millionenfaches Leid verhindern und bezahlbare Lösungen liefern.

Dies zeigt sich auch am Beispiel zunehmender Antibiotikaresistenzen – wie etwa bei der Tuberkulose (TB), die weltweit mehr als 1,5 Millionen Menschenleben fordert und laut Studien der Universität Kiel allein in der EU jährliche Kosten von bis zu 5,3 Mrd. Euro verursacht. TB ist eine armutsassoziierte Krankheit die sich global verstärkt ausbreitet, vor allem in ihren extrem schwer zu behandelnden resistenten Formen. Die WHO-Europaregion ist weltweit die Region mit der höchsten Rate an multiresistenter Tuberkulose.

Neben der Forschung in die Entwicklung alternativer Antibiotika, ist aber auch ein sachgemäßer und kontrollierter Einsatz entscheidend. Auch hier scheint das Bewusstsein für die Bedeutung globaler und koordinierter Zusammenarbeit gestiegen zu sein. Kanzlerin Merkel fordert die Verabschiedung nationaler Aktionspläne – wie in Deutschland Mitte Mai vom Kabinett verabschiedet – hin zu gemeinsamen Standards und die Stärkung der Rolle der WHO bei der Koordinierung des globalen Managements von Antibiotikaresistenzen. Die G7 sollten hier eine Vorreiterrolle übernehmen.

Weitere Investitionen in Forschung und Entwicklung für vernachlässigte und armutsbezogene Krankheiten sind notwendig. Die G7 müssen die öffentliche Finanzierung von Forschung und Entwicklung erhöhen und ein stärkeres Engagement sowie Investitionen von Industrie und Wissenschaft in diesem Bereich fördern. Forschung muss international koordinierend stattfinden und die Ergebnisse als öffentliches Gut den Bedürftigen zugutekommen. Forschungskosten und Verkaufspreis eines Produkts müssen entkoppelt werden. 

Um die Wirksamkeit von Antibiotika weiter zu sichern und die Resistenzbildung zu reduzieren, müssen sich die G7 zudem für eine Vereinbarung zu gemeinsamen Standards für den Einsatz von Antibiotika in der Humanmedizin, Tierzucht und Landwirtschaft einsetzen.

Wenn Kanzlerin Merkel es mit dem Menschenrecht für Gesundheit und die Verantwortung für die globale Gesundheitsfürsorge ernst nimmt, sollte sie sich auf Elmau dafür einsetzen, dass in all diesen Bereichen substantielle Fortschritte gemacht werden und die G7 politische Versprechen mit finanziellen Zusagen verbinden – und somit für Gesundheit sorgen, bevor Menschen krank werden.

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