Maria Samara de Souza: Von der Traubenplantage an die Spitze der Gewerkschaft
Seit ihrem 18. Lebensjahr arbeitet Maria Samara de Souza im brasilianischen Traubenanbau und ist seitdem Mitglied der Gewerkschaft. Heute, mit Mitte 30, ist sie als erste Frau Gewerkschaftssekretärin für Gender und Jugend bei Oxfams Partnerorganisation CONTAR, dem brasilianischen Nationalverband der Gewerkschaften der Landarbeiter*innen.
Traubenernte: eine harte und gefährliche Arbeit
Samara de Souza wirkt bescheiden, wenn sie von ihrem Leben und ihrer Arbeit im Traubenanbau in Brasilien erzählt. Bevor die Trauben auch an deutsche Supermärkte exportiert werden können, arbeiten Frauen und Männer stundenlang hart in der Hitze, die im Hinterland des brasilianischen Bundesstaates Bahia 40 Grad übersteigen kann. Dabei riskieren die Arbeiter*innen ihre Gesundheit, da die versprühten Pestizide teilweise hochgiftig sind.
Arbeiter*innen kennen ihre Rechte häufig nicht
2015 erfuhr Samara auf einer Veranstaltung der Gewerkschaft in ihrem damaligen Betrieb zum ersten Mal von ihren Rechten als Arbeiterin. Sie hatte beispielsweise nicht gewusst, dass ihr Tarifvertrag eine „Regenklausel“ enthielt, nach der die Arbeiter*innen bei Regen den Weinberg verlassen durften und erst zurückkehren mussten, wenn die Pflanzen trocken waren: „Das ist ein ganz wesentlicher Punkt für uns, da in den ungefähr 110 Tagen vom Rebschnitt bis zur Ernte 36 Mal verschiedene Arten von Pestiziden ausgebracht werden und dieses Gift bei Regen von den Pflanzen auf uns herunterlief. Wir arbeiteten weiter, obwohl wir nass waren. Viele waren mit Vergiftungen ins Krankenhaus gekommen, auch mir war das schon passiert.“ Noch am selben Tag wurde Samara die Betriebsdelegierte für die Gewerkschaft, um genau solche Arbeitsrechte durchzusetzen und die Situation der Arbeiter*innen zu verbessern.
Frauen sind seltener in Gewerkschaften organisiert
So begann ihr Weg in der Gewerkschaft – keine Selbstverständlichkeit, denn Landarbeiter*innen-Gewerkschaften sind traditionell eher männlich geprägt. Der Grund dafür ist nicht nur, dass Männer in der körperlich fordernden Landarbeit generell in der Überzahl sind, sondern auch, dass das ländliche Brasilien bis heute sehr machistisch ist. Neben ihrem Vollzeit-Job haben Frauen zudem meist die Verantwortung für die Care-Arbeit, was ihr Engagement erschwert. Auch deshalb sind die Bemühungen der Gewerkschaften für eine gleichberechtigte Beteiligung und der Einsatz für die Rechte der weiblichen Arbeiterinnen so wichtig.
Maria Samara de Souza wurde zu einer Wegbereiterin für andere Frauen
Im Jahr darauf wurde Samara Jugendsekretärin in der lokalen Gewerkschaft, und noch im selben Jahr Generalsekretärin der neu gegründeten kommunalen Gewerkschaft der Landarbeiter*innen. Da sie ohne Freistellung arbeitete und nebenher noch BWL studierte, war dies eine herausfordernde Zeit. „Erst 2018 erhielt ich dann eine Freistellung, als ich – als einzige weibliche Arbeitnehmerin – in die Gewerkschaft des Bundeslandes gewählt wurde“, erinnert sie sich. „Ich leistete viel Basisarbeit – eine harte Zeit! Mich als Frau durchzusetzen, war nicht immer einfach!“
Samara nutzte ihre Positionen, um Frauenthemen in der Gewerkschaft voranzubringen:
Zu Beginn gab es unter den 40 Gewerkschaftsdelegierten nur drei Frauen. Aber mit Basisarbeit und viel Überzeugungskraft haben wir diese Positionen ausgebaut und das Vertrauen der Frauen gewonnen. Heute sind wir 18 Frauen.
2024 wurde sie als Gender- und Jugendbeauftragte für den Gewerkschaftsdachverband CONTAR gewählt, der insgesamt rund 4 Millionen Landarbeiter*innen vertritt, um kurz darauf auch zur ersten Präsidentin in der Geschichte der bundesstaatlichen Gewerkschaft gewählt zu werden – ein Tag, den die Frauen in der Gewerkschaft als historisch feierten.
Anliegen von Frauen werden nun gehört
Samara nutzt ihre Erfahrungen, um wichtige Themen voranzubringen. So trieb sie in den lokalen Gewerkschaften die Gründung von Frauenausschüssen an, die in Tarifverhandlungen wichtige Anliegen vertreten: „Beispielsweise wurde das Anliegen der Frauen verhandelt, sich kindkrank zu melden. Auch muss der Betrieb eine bestimmte Quote von Frauen in die Fortbildungen für besser bezahlte Jobs aufnehmen.“ Auch bei internationalen Gewerkschaftstreffen bringt Samara die Situation der brasilianischen Landarbeiterinnen auf die Agenda.
„Jeder Tag ist eine neue Herausforderung, aber auch voller Erfolge“, berichtet sie stolz. „Wir nehmen an verschiedenen Strategieausschüssen teil, die sich mit der staatlichen Frauenpolitik befassen und stehen im Dialog mit den Ministerien, um Maßnahmen für Landarbeiterinnen auf die Tagesordnung zu setzen. Wir diskutieren darüber, wie wir die Gleichstellung von Frauen und ihre Arbeitsrechte fördern und welche Maßnahmen zur Prävention und Beseitigung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen wir ergreifen können – ein globales Problem. Aufklärung und aktives Handeln können Leben retten.“
Gemeinsam können wir eine gerechtere und gleichberechtigtere Welt für alle schaffen.
Seit 2023 unterstützt Oxfam die Gewerkschaft CONTAR in den Bundesstaaten Bahia und Pernambuco sowie in Rio Grande do Sul im Süden Brasiliens bei der Organisierung der Arbeiter*innen, bei Schulungen und Seminaren sowie bei der politischen Einflussnahme. Die politischen Themen bestimmt die Gewerkschaft selbst, dabei hat CONTAR die Rechte der Frauen als ein wichtiges Thema definiert.
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