Ab heute ist Bonn wieder von tausenden Diplomaten, Regierungsexperten und Vertretern von Nichtregierungsorganisationen (darunter Oxfam, aber wir sind nur zu fünft) bevölkert – zwei Wochen internationales Flair in der ehemaligen Hauptstadt, wie übrigens jedes Jahr um diese Zeit, wenn die Regierungsdelegationen aus 190 Ländern zur turnusmäßigen Zwischenkonferenz der Nebenorgane der Klimarahmenkonvention in Bonn versammeln. Üblicherweise geht es dann um Detailfragen der weltweiten Klimaschutzarchitektur wie zum Beispiel die Regeln des Kyoto-Protokolls, unter dem sich die Industrieländer zum Klimaschutz verpflichtet haben.  Das kennen die Bonner schon und sind an den Rummel gewöhnt.

2012 steckt aber mehr dahinter. Diese Klima-Runde ist die erste nach der UN-Klimakonferenz von Durban Ende 2011. Dort hatten sich die Regierungen nicht nur eine Verlängerung des Kyoto-Protokolls mit Klimaschutzauflagen für die Mehrheit der Industrieländer beschlossen, sondern sich auch darauf geeinigt, bis 2015 ein globales Klimaschutzabkommen auszuhandeln, das, anders als das Kyoto-Protokoll, Klimaschutzauflagen für alle Länder enthalten soll. In Bonn fällt nun der Startschuss für diese Verhandlungen. Zunächst geht es darum, einen Fahrplan für diese Verhandlungen festzulegen, damit das neue Abkommen auch wirklich 2015 beschlossen werden kann und spätestens 2020 in Kraft tritt. Damit wollen die Regierungen ein Desaster wie in Kopenhagen Ende 2009 vermeiden – damals kam das erhoffte Abkommen nicht zustande.

Die Schlüsselfrage des zukünftigen Abkommens dürfte dabei die Gerechtigkeitsdebatte sein. In Bonn wird nun unter dem Titel „Gerechter Zugang zu Nachhaltiger Entwicklung“ zum ersten Mal formal über die Frage debattiert werden, wer wie viel zum global nötigen Klimaschutz beitragen soll. Für die Bonner Runde sind konkrete Ergebnisse sicher nicht zu erwarten; bleibt zu hoffen, dass es immerhin gelingt, sich auf einige grundsätzliche Parameter zu einigen, die zur Frage des gerechten und angemessenen Beitrags einzelner Länder zum weltweiten Klimaschutz heranzuziehen wären – etwa der Grad der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit oder der Verantwortung für das Verursachen des Klimawandels.

Ein weiteres wichtiges Thema der Bonner Runde sind die oben erwähnten Klimaschutzzusagen. In Durban hatten die Regierungen anerkannt, dass die bestehenden, bis 2020 geltenden Zusagen zu schwach sind, um des Klimawandel auch nur halbwegs zu begrenzen. Tatsächlich bewegt sich die Welt auf eine Erwärmung von 3-6°C zu; dabei gelten maximal 2°C als gerade noch beherrschbar. In Bonn wollen sich die Regierungen nun über Möglichkeiten austauschen, um insgesamt das Ambitionsniveau im Klimaschutz zu erhöhen. Ungeklärt ist, ob aus der Unterhaltung auch konkrete Beschlüsse abgeleitet werden, die dann auf der kommenden UN-Klimakonferenz in Qatar gefasst werden könnten. Die EU präsentiert sich dabei als Vorreiter – was zynisch ist, weigert sich Europa doch seit Jahren, das eigene Klimaschutzziel auf 30 Prozent Reduktionen anzuheben (trotz der vielen Vorteile). Die wahren Vorreiter sind die kleinen Inselstaaten, die wegen des Klimawandels in den Fluten des steigenden Meeresspiegels zu versinken drohen, und die deswegen mit einer Beharrlichkeit, die ihre Kraft wohl aus der Verzweiflung ziehen muss, gegen die Verweigerungshaltung insbesondere der Industrieländer und einiger Schwellenländer anrennen und die Dringlichkeit des Klimaschutzes unermüdlich immer wieder einfordern.

Nicht offiziell auf der Agenda steht die Klimafinanzierung, d.h. die finanzielle Unterstützung für die Entwicklungsländer bei Klimaschutz und Anpassung an die Folgen des Klimawandels. Ende 2011 wurde in Durban das Gründungsdokument des Green Climate Fund verabschiedet, was als großer Erfolg galt. Allerdings verfügt der Fonds bisher über keine Mittel und ist auch sonst noch nicht funktionsfähig. Im Laufe des Jahres soll es zudem zwei Arbeitstreffen über die längerfristige Klimafinanzierung geben, d.h. über die Frage, wie die Industrieländer ihre gemachten Zusagen zur finanziellen Unterstützung verlässlich erreichen werden und welche Finanzierungsquellen und -instrumente dafür einzurichten sind. In Bonn wird darüber nicht offiziell verhandelt werden, allerdings ist in den Fluren des Konferenzzentrums schon am ersten Tag die Sorge der Entwicklungsländer zu hören, dass die Industrieländer bisher keine belastbaren Aussagen darüber machen, wie sie eigentlich ihre Zusage erfüllen wollen, bis 2020 die Mittel der Klimafinanzierung auf 100 Mrd. US-Dollar pro Jahr zu steigern. Zudem zeichnet sich die Forderung der Entwicklungsländer ab, dass spätestens auf der UN-Klimakonferenz in Qatar Ende 2012 die Industrieländer erste Summen nennen sollen, mit denen sie den Green Climate Fund ausstatten wollen.

Auf geht's.

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